Bildungsminister Wiederkehr: "Wir brauchen gar keine tägliche Turnstunde"

Christoph Wiederkehr verspricht lückenlose Aufklärung im Fall der PH Niederösterreich. Wem er "Arbeitsverweigerung" vorwirft und was er sich von der "Mittleren Reife" verspricht.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr

Der pinke Bildungsminister der Dreierkoalition und ehemalige Wiener Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (35) bleibt bei seiner Haltung. Der Rektor der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich sei zurecht abberufen worden. Warum, was er sich von einem eigenen Schulfach Künstliche Intelligenz erhofft und was von dem Vorstoß, Migranten Mundart zu lernen, das legt er im Interview dar. 

KURIER: Morgen hätten Sie den "Plan Zukunft“(Präsentation der Lehrplan-Reform) vorstellen wollen. Daraus wird nun nichts. Warum?

Christoph Wiederkehr: Wir haben am Montag eine Sondersitzung, weil der Krieg im Iran auch wegen der gestiegenen Energiepreise Auswirkungen auf die Innenpolitik hat. Der „Plan Zukunft“ wird im April vorgestellt.

Pädagogische Hochschule Niederösterreich in Baden

Blicken wir kurz in die Vergangenheit: Die Pädagogische Hochschule NÖ gereichte vergangene Woche zur KURIER-Schlagzeile. Der ehemaligen Rektor Erwin Rauscher dem vorgeworfen wurde, fingierte Lehrveranstaltungen abgerechnet zu haben, wurde abberufen. Nun steht anhand einer Checkliste der Verdacht im Raum, das alles sei eine  Intrige gegen den Rektor. Sie sehen als Minister keinen Handlungsbedarf?

Der Handlungsbedarf war, den Rektor abzuberufen, weil wir über interne Erhebungen, auch die interne Revision, draufgekommen sind, dass Lehrveranstaltungen erfunden worden sind, um mehr Steuergeld an die Hochschule zu bringen. Und das ist vermutlich widerrechtlich. Die Finanzprokuratur, der ich das übergeben habe, vertritt ebenfalls ganz klar die Haltung, dass wir es möglicherweise auch strafrechtlich relevanten Vorwürfen zu tun haben. Diese habe ich der Staatsanwaltschaft gemeldet. 

Rauscher Rechtsanwalt ließ Anfang des Jahres wissen, dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft eingestellt sind. 

Bei den Veranstaltungen, die erfunden wurden, haben wir nachgewiesen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um das systematische Erschleichen von Steuergeld. Das ist nicht akzeptabel in einem Rechtsstaat – daher haben wir den Antrag auf Wiedereinführen des Verfahrens gestellt. 

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner sieht Sie und das Ministerium in der Pflicht, für Aufklärung und Transparenz zu sorgen. 

Wir sind daran, die Vorfälle lückenlos aufzuklären: Die interne Revision und die Finanzprokuratur hat sich den Fall angesehen. Es geht nicht um persönliche Beziehungen oder Befindlichkeiten, sondern rein darum, was gemacht worden ist. Es ist nachweisbar, dass Lehrveranstaltungen rechtswidrig fingiert worden sind. Der Fall ist gerichtsanhängig. 

Im Gegensatz zu den Schulen gibt es bei den Pädagogischen Hochschulen keine Autonomie. Soll sich das ändern?

Es ist für mich jedenfalls denkbar, mehr Autonomie zu ermöglichen. Im Regierungsprogramm ist  auch eine ganz neue Idee der Pädagoginnen-Ausbildung enthalten. Es geht um eine School of Education, eine Professionalisierung der Ausbildung kann nur einhergehen mit mehr Praxis.

Meinl-Reisinger, Wiederkehr, Shetty, Wotschke

Bleiben wir gleich bei Schulen. Gemäß Statistiken verfügen 12,9 % der 15- bis 24-Jährigen weder über eine Ausbildung noch sind sie in einer Schulung oder in Beschäftigung. Ein Armutszeugnis für das Bildungssystem?

Das ist eine dramatisch hohe Zahl an Jugendlichen, die kein wirtschaftlich unabhängiges Leben führen werden können. Dem wollen wir entgegenwirken. Wir wollen ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr einführen, unterstützen mit dem Chancenbonus 400 Schulen mit 65 Millionen Euro und wollen die mittlere Reife einführen. Es soll garantiert sein, dass kein Kind die Schule verlässt, ohne die Grundkompetenzen zu beherrschen. Für die, die nicht lesen, schreiben und rechnen können, wird es eine Nachspielzeit geben.

Was kann sich der Laie unter Nachspielzeit vorstellen?

Wir haben neun Jahre Schulpflicht, aber eine Gesellschaft, der es – überspitzt formuliert  – egal ist ob man danach lesen und schreiben kann. Das muss aber sichergestellt werden. Wer mit 12 oder 13 Jahren den Mindestanforderungen nicht entspricht, der muss gefördert und dann eben getestet werden.

Wann kommt die Mittlere Reife?

Es ist ein sehr komplexes Vorhaben. Spätestens 2029 – zum Ende der Legislaturperiode. 

Für Schlagzeilen sorgte Ihr Vorstoß, Latein zugunsten von KI und Medienkunde zu kürzen. Haben Sie mit dem negativen Echo gerechnet. Es gibt sogar eine Petition gegen Ihr Vorhaben.

Ich habe weder damit gerechnet, dass es so viele positive Rückmeldungen gibt, noch dass es so viele Links-Intellektuelle in Österreich gibt, die sich gegen gesellschaftliche Veränderung aussprechen. Mir ist wichtig, jetzt gute Gespräche mit Schülern, Eltern und Lehrern zu führen. 

Wörterbuch - Latein-Deutsch

Die Reformgruppe Latein, die den Lehrplan mitmodernisieren soll, hat ihre Arbeit niedergelegt!

Ich war verwundert, denn es kann sich kein Fach aussuchen, wie viele Stunden es bekommt. Jedes Fach möchte mehr Stunden. Die Informatik-Lehrer beispielsweise, die eine Stunde dazubekommen, würde eigentlich gerne drei Stunden mehr haben. Einfach zu sagen: Ich beteilige mich nicht mehr an der Lehrplanerstellung, das ist schlicht eine Arbeitsverweigerung, die ich nicht nachvollziehen kann. 

Werden wir beide es noch erleben, dass es eine tägliche Turnstunde gibt?

Wir brauchen gar keine tägliche Turnstunde, sondern täglich Bewegung an den Schulen. Das ist ein Unterschied. Wir können niederschwellig und abseits des Turnunterrichts Lust auf Bewegung machen und zwar über externe Coaches und Sportverbände. 

Warum brauchen wir ein eigenes Fach KI? KI könnte man auch in jedem Fach unterrichten.

Es wird keine Lehrperson geben, die sich nicht mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen wird, weil KI unser Leben dominiert. Gleichzeitig müssen wir die Fachkompetenz in dem Bereich der Informatik und KI stärken, weil es für unsere Allgemeinbildung immer wichtiger werden wird. KI nur nebenbei zu machen, das wird nicht ausreichen. 

Bundesheer-Offizier Horst Dauerböck im Goethegymnasium

Bereits jetzt wird vermehrt über die geistige Landesverteidigung gesprochen. Wie unterrichtet man den Lehrkörper, um es an Schüler weiterzugeben?

Es geht bei der Frage der Verteidigung unserer Gesellschaft und Werte eben nicht nur um eine militärische, sondern auch um eine intellektuelle, denn unsere Demokratie wird von außen und von innen bedroht. Um resilienter zu werden, müssen wir in den Schulen Demokratiebildung vermitteln, wozu auch die geistige Landesverteidigung gehört. Ich bin mir nicht sicher, ob wir in 20 Jahren in einem freien, marktwirtschaftlichen Europa leben werden. Wir müssen einen Beitrag leisten, damit die nächsten Generationen kritikfähig sind und sich eine eigene Meinung bilden können.

Als vierte Säule der Demokratie gelten die Medien…

… die genauso stark von der Krise betroffen sind wie die Demokratien. Deshalb ist es uns so wichtig, dass junge Menschen Medienbildung in der Schule vermittelt bekommen. Eben um sich selbst eine Meinung bilden zu können. Das ist immer schwieriger geworden, denn auf Social Media kursieren immer mehr Falschnachrichten. Im Regierungsprogramm ist auch verankert, dass Jugendliche ein kostenloses Medienangebot erhalten, aber es reicht nicht, den Kindern eine Zeitung in die Hand zu drücken. 

MINISTERRAT: PRESSEFOYER - PLAKOLM/WIEDERKEHR

Wie weit ist das Social Media-Verbot für Teenager gediehen?

Wir sind in der Koalition in intensiven Gesprächen zu einer Altersbeschränkung und gleichzeitig verstärkten Medienbildung im Unterricht, denn das sind zwei Seiten einer Medaille. Verbote allein bringen uns in der Gesellschaft nur bedingt weiter, denn wir müssen die Prävention stärken.

Sind wir als Gesellschaft nicht als Gesamtheit gefordert, den Umgang mit Social Media zu überdenken?

Ich sehe Handlungsbedarf an allen Enden - auch was die Aufklärung von Eltern betrifft, die massiven Social Media-Konsum haben. Das hat auch Auswirkungen auf ihre Kinder. Digitale Medien machen abhängig.

Ihre Regierungskollegin Integrationsministerin Claudia Bauer plädiert dafür, dass Migranten Mundart lernen sollen. Können Sie der Idee etwas abgewinnen?

Alle, die in Österreich aufwachsen und leben, müssen die deutsche Sprache lernen. Man muss sich verständigen können – das muss im Mittelpunkt stehen. 

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