Andrea Kdolsky: „Da verdient meine Putzfrau mehr“
Eigentlich wäre Andrea Kdolsky nach Wien-Heiligenstadt geladen gewesen, zur Aufnahme des KURIER-Podcasts „Milchbar“. Da sich der Zeitpunkt ihrer Chemotherapie verschoben hatte, gab die ehemalige Gesundheitsministerin stattdessen ein telefonisches Interview – während ihrer Behandlung im AKH.
KURIER: Sie bekommen in diesem Moment die Chemotherapie verabreicht. Blöde Frage, aber wie geht es Ihnen gerade?
Kdolsky: Im Gegensatz zur ersten Chemotherapie, bei der ich stationär aufgenommen werden musste und zwei Blutkonserven erhalten habe, erstaunlich gut. Mit der komplementärmedizinischen Betreuung im Maggie’s Center habe ich die Nebenwirkungen wirklich im Griff. Ich bekomme Präparate, die das Immunsystem aufbauen: Vitamine und Spurenelemente, vor allem Selen und Zink.
Das Maggie’s Center, in dem Sie seit Herbst 2025 für die Planung verantwortlich sind, ergänzt das Angebot der onkologischen Klinik Oberwart. Es ist das erste Zentrum dieser Art in Österreich. Was passiert dort?
Es ist ein niederschwelliger, offener Raum, wo Krebspatienten das erhalten, was sie auf dem stationären Sektor nicht bekommen. Sei es psychologische Betreuung, Physiotherapie oder Ernährungsberatung.
Kommen wir von diesem Positivbeispiel zu den Problemen in Österreichs Gesundheitssystem: Haben wir eine Zweiklassenmedizin?
Ich halte mich streng an wissenschaftliche Definitionen. Zweiklassenmedizin bedeutet, dass jemand, der eine Therapie braucht, sie nicht bekommt. Das stimmt in Österreich nicht. Es kriegen alle die Therapie, die Frage ist wann. Dass ich schneller drankomme, wenn ich eine Privatversicherung habe, ist keine Zweiklassenmedizin, dafür zahle ich. Und zu den Wartezeiten sage ich als Schmerztherapeutin auch: Es muss nicht immer alles sofort operiert werden.
Was zum Beispiel nicht?
Der Schenkelhals wird in fast keinem anderen europäischen Land sofort operiert, in Österreich schon. Auf der Unfallchirurgie gibt es unzählige Fälle, für die Spitäler nicht zuständig sind. Einmal bin ich geholt worden, um einen Schiefer aus dem Daumen zu entfernen. Ich habe mich geweigert, dem Patienten eine Pinzette in die Hand gedrückt und gesagt: „Zahn’ Sie sich ihn selbst raus.“
Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) schlägt Honorarobergrenzen für Wahlärzte vor. Kann man damit Wartezeiten reduzieren?
Korinna Schumann ist eine hervorragende Sozialpolitikerin, aber keine gute Gesundheitspolitikerin. Wie stellt sie sich das vor? Warum sollte das System schneller werden, wenn Wahlärzte nur noch 150 Euro verlangen dürfen? Ich halte das sogar für problematisch. Von 150 Euro bleiben netto 60 bis 80 Euro übrig. Und der Arzt muss genauso Miete für die Ordination, seine Geräte und Personalkosten bezahlen. Da verdient meine Putzfrau mehr.
Was würde eine Honorarobergrenze also bewirken?
Es würde weniger Wahlärzte, aber mehr Privatärzte geben. Privat kann ich verlangen, was ich will. Das kann mir in Österreich nach einer abgeschlossenen Facharztausbildung niemand verbieten.
Geht die Diskussion also am eigentlichen Thema vorbei?
Völlig. Wir müssen den Föderalismus und die Selbstverwaltung der Sozialversicherungsträger zurückdrängen, sonst haben wir nicht die geringste Chance auf eine Gesundheitsreform. Österreich ist kleiner als Bayern und hat neun Krankenanstaltengesetze – dazu noch das Bundesgesetz. Das Geld wird mit beiden Armen rausgeworfen, weil wir doppelgleisig fahren.
Wie sehen Sie denn den Streit um die Gastpatienten zwischen Wien, Niederösterreich und dem Burgenland?
Das ist Wahnsinn. Ich bin aus Qualitätsgründen immer für die Zusammenlegung von kleineren auf größere Strukturen. Im Burgenland muss ich aber dem Landeshauptmann Recht geben, wenn er eine Herzchirurgie aufbaut. Warum? Weil Graz und Wien die Aufnahme schwer herzkranker Burgenländer verweigern. Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker war in Wien Drogenkoordinator, der kennt sich im Gesundheitssystem leider auch nicht aus. Wie so viele, die mitreden.
Wie schwer es ist, Strukturen zusammenzulegen, hat die Debatte um das Leitspital Liezen gezeigt.
Wir, Politik und Medien, kommunizieren schlecht. Natürlich drehen alle durch, wenn gesagt wird, man „sperrt“ ein Spital. Und das ist auch unlogisch. Gesundheitsimmobilien sind die teuersten Immobilien des Landes. Es wäre verrückt, die zu sperren oder zu zerstören. Darum geht es auch nicht, man will sie ja umwandeln, etwa in Primärversorgungszentren. Das gehört auch so kommuniziert.
In der Steiermark war es aus Ihrer Sicht ein Kommunikationsproblem?
Es wurde andauernd vom Zusperren gesprochen, statt aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sich für Patienten ergeben. Jetzt wird der nächste Politiker sich nicht mehr herantrauen, dieses Thema anzusprechen. Sonst ist er unten durch bei der Bevölkerung. Und das ist gleich mein nächstes Problem: Die österreichische Bevölkerung hat wirklich keine Ahnung vom Gesundheitswesen.
Sie meinen den Schiefer im Daumen…
…oder, dass man Kinder mit Fieber nicht ins Spital bringen muss, solange sie ansprechbar sind. Denen gibt man Essig-Patscherl, einen Lindenblütentee und warme Decken. Die Menschen glauben, dass alles sofort in der Sekunde gemacht werden muss.
Wie lautet also die Lösung?
In den Niederlanden gibt es nur zwei Wege, ins Spital zu kommen: Entweder wird man nach einem Unfall vom Beton gekratzt oder hat eine Zuweisung des Hausarztes. Über so ein Gatekeeping-System könnten wir nachdenken. Nur haben wir zu wenige Hausärzte.
Zur Gretchenfrage: Wie kann man Beruf des Hausarztes, der auf Kasse ordiniert, attraktiver gestalten?
Indem man das Kassensystem ändert und wirtschaftlich adäquat zahlt. Der Kassenarzt bekommt für eine Untersuchung 19,60 Euro – nach sieben Jahren Studium, sieben Jahren Facharztausbildung und tausenden Zusatzkursen. Dann pfeif ich lieber drauf. Ich habe zwar nicht Medizin studiert, um viel Geld zu verdienen, aber Existenzängste will ich danach auch keine haben.
Kurzbiografie
Andrea Kdolsky arbeitete als Hochschullehrer-Gewerkschafterin und Unfall-Anästhesistin, bevor sie 2007 Gesundheits- und Familienministerin für die ÖVP wurde. Danach war sie als Krankenhausmanagerin und Ärztin tätig.
Buch
In „Blumen in der Wüste“, schreibt Kdolsky offen über ihre Krebserkrankung. Erschienen bei edition a, 25 €.
Sie haben in den besten Gesundheitsjobs gearbeitet, schreiben in Ihrem Buch „Blumen in der Wüste“ dennoch, dass Sie die Krebserkrankung vor finanzielle Probleme stellt. Auch, weil man im Gesundheitssystem nicht so gut verdient, wie viele glauben?
Bei Schwerkranken wird nie darauf geschaut, dass sie durch die Erkrankung ihren Job verlieren und es zu finanziellen Engpässen kommen könnte. Ich habe trotz 40-jähriger Berufstätigkeit eine geringe Pension, wo es ohne Zuverdienst zu finanziellen Engpässen bei Miete, Energiekosten und Mobilität kam.
Sie betonen auch den Wert der Prävention. Österreicher gehen aber nur ungern zu Vorsorgeuntersuchungen. Wie könnte man dieses Problem lösen?
Wir würden unser gesamtes Finanzierungsproblem lösen, wenn die Leute sich besser in der Prävention und in der Vorsorge bewegen würden. Dafür muss ich sie aufklären und ich muss ihnen etwas anbieten – zum Beispiel Geld oder Projekte. Schauen wir nach Skandinavien, wir brauchen nicht alles neu erfinden. Dort ist fast jedes Kind automatisch in einem Sportklub, natürlich sind die gesünder.
Zur Prävention gehören auch Impfungen. Die Pandemie hat gezeigt, wie groß die Impfskepsis in Österreich ist, selbst bei Masern.
Wenn Eltern ihr Kind nicht gegen Masern impfen lassen und dieses daran stirbt, gehören die Eltern aus meiner Sicht wegen Totschlags hinter Gittern. Punkt. Dass hier nicht durchgegriffen wird, ist ein Politikversagen. Leider denken Politiker immer nur bis nur nächsten Wahlperiode und es wollen halt auch alle geliebt werden.
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