Das Bundesheer im Klassenzimmer: "Man sieht sehr oft Sonnenaufgänge"
Bei den Unterstufen-Schülern sorgen die drei Herren in ihren Tarnanzügen für gehöriges Aufsehen: Manche lachen, einige winken, einer salutiert sogar, als er während der Pause den Soldaten auf dem Schulgang begegnet. Diese sind an diesem Vormittag ins Goethe-Gymnasium in der Astgasse in Wien-Penzing gekommen, um sich drei Stunden mit den Achtklässlern zu unterhalten, die kurz vor der Matura stehen.
Wobei es dabei um weit mehr als um Karriere-Möglichkeiten beim Bundesheer geht: Seit Jahren besuchen Informationsoffiziere des Bundesheers Schulen, um dort einen Beitrag zur geistigen Landesverteidigung zu leisten. Sprich, bei den Schülern im Rahmen der politischen Bildung ein Bewusstsein für aktuelle Sicherheitsbedrohungen, Österreichs Neutralität und die Notwendigkeit deren Verteidigung zu schaffen.
„Die Schaffung des nötigen Wertebewusstseins darf nicht erst mit 18 bei der Stellung beginnen, sondern schon früher – in der Familie und eben in der Schule“, sagt der langjährige Informationsoffizier Oberst Horst Dauerböck.
Das Datum ist nicht zufällig gewählt: Am 20. Jänner, am „Tag der Wehrpflicht“ will das von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) eingesetzte Expertengremium seine drei Vorschläge zur Zukunft der Wehrpflicht in Österreich präsentieren. Allgemein wird damit gerechnet, dass sich die Fachleute angesichts der sich weltweit verschärften Sicherheitslage (Stichwort: Krieg in der Ukraine) klar für eine Ausweitung der Wehrpflicht aussprechen.
Wie die Regierung mit dieser Empfehlung umgehen wird, ist wie berichtet noch nicht ganz klar, steht doch die Bevölkerung einem längeren Wehrdienst eher skeptisch gegenüber. Seitens der Politik gibt es Bedenken aufgrund der anfallenden Mehrkosten, aber auch Beeinträchtigungen für die Wirtschaft, denen Arbeitskräfte abhandenkommen.
Übrigens: Dass der 20. Jänner zum „Tag der Wehrpflicht“ wurde, geht auf die Volksbefragung am 20. Jänner 2013 zurück, bei der sich knapp 60 Prozent der Teilnehmer für die Beibehaltung der Wehrpflicht ausgesprochen hatten. Die Plattform Wehrhaftes Österreich, Dachverband der wehrpolitischen Vereine Österreichs, hat daraufhin diesen Aktionstag initiiert, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.
Wertebewusstsein bilden
Wenig später steht er im Festsaal des Goethegymnasiums vor den Maturaklässlern. „Ich bin der Horst, griaß euch“, begrüßt er betont jovial die Schüler. Sie dürfen ihn die nächsten Stunden duzen. Gleich zu Beginn stellt er klar: „Ich mache keine Personalwerbung, sondern möchte euch Fakten präsentieren.“
Dazu gehört die Sicherheitslage, die sich spätestens mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine dramatisch verschärft habe. Geografisch ohnehin von Wien nicht weiter entfernt als Bregenz sei der Konflikt auch aufgrund der Vielzahl an hybriden Bedrohungen sehr nahe gerückt: von Cyber-Attacken bis hin zu Störaktionen durch Drohnen.
Hier liege auch der Schwerpunkt der aktuellen „Nachrüstung“ des Bundesheeres, erklärt Dauerböck den aufmerksam zuhörenden Schülern. „Denn ein gegnerischer Panzer hier in der Astgasse ist nicht das wahrscheinlichste Bedrohungsszenario.“ Umso wichtiger sei die Beteiligung am europäischen Luftabwehr-Projekt Sky Shield. „Denn wer keinen Schirm hat“, wird nass. Und eine Anhebung der Mobilmachungsstärke von derzeit 55.000 Mann. Damit passe das Bundesheer – nach Dauerböcks Worten das „Nationalteam Österreich“ – genau ins Happel-Stadion. Ziel sei es, die Münchner Allianz Arena mit ihren 75.000 zu füllen.
Neutralität hinterfragen
Bei den Schülern dürften solche Botschaften ankommen. Darauf deuten zumindest die vielen Fragen hin, die sie dem Oberst stellen. Ob es denn angesichts der aktuellen Bedrohungen nicht sinnvoller wäre, würde Österreich seine Neutralität aufgeben. „Das ist eine politische Frage“, gibt sich Dauerböck diplomatisch. Persönlich sei er aber der Auffassung, dass man die über Jahrzehnte gewachsene Neutralität nicht leichtfertig aufgeben sollte. „Wir fahren mit ihr nicht schlecht, wir müssen sie nur ernst nehmen.“ Natürlich sei es notwendig, immer wieder einen Konsens zwischen der Neutralität und der Solidarität innerhalb der EU zu finden.
In den vergangenen Jahren würden sich seine jungen Zuhörer viel mehr für derartige sicherheitspolitische Themen interessieren, so der Offizier. Davor hätten ihm die Schüler deutlich mehr Fragen rund um den Grundwehrdienst gestellt.
Interesse schüren
Diese kommen aber auch diesmal nicht zu kurz. Sie beantwortet Fähnrich Alexander Machorka. Mit Unterstützung des Bundesheers studiert er gerade Medizin und verpflichtet sich im Gegenzug für 20 Jahre beim Heer. „Man sieht sehr oft Sonnenaufgänge“, schildert er die vielleicht weniger angenehmen Seiten des Grundwehrdiensts. Aber: „Ihr entscheidet, was ihr daraus macht. Dann kann er auch cool sein.“
Bei Philipp Unger, der unter den Zuhörern sitzt, braucht es solche Überzeugungsarbeit nicht mehr. Er weiß schon längst, dass er nach der Matura Einjährig-Freiwilliger als Jäger werden will. „Aber weniger aus Patriotismus, sondern aus wirtschaftlichen Gründen“, erzählt er dem KURIER. Sprich: Eine Einnahmequelle, um sich sein geplantes Jus-Studium zu finanzieren.
Dauerböcks Vortrag hat ihm unabhängig davon sehr gut gefallen, betont Unger: „Er war sehr informativ, mit niedrigem Gefälle zu uns Zuhörern.“
Kommentare