Kern und Strache: Aus dem gemeinsamen Bier wurde dann doch nichts.

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Streitgespräch
11/23/2016

Überraschende Premiere: Kuschelboxen in Rot-Blau

Christian Kern und Heinz-Christian Strache trafen erstmals zum Streitgespräch aufeinander.

von Karin Leitner, Johanna Hager

Der eine ist mit seiner Partei Nummer 1 und Kanzler, der andere will mit seiner Partei Nummer 1 und selbst Kanzler werden. Das scheint möglich: In allen Umfragen ist die FPÖ derzeit an der Spitze – und vor der SPÖ. Und so wird das kommende Wahlkampf-Match zwischen Christian Kern, der die Roten seit Mai führt, und Heinz-Christian Strache, der den Blauen seit zehn Jahren vorsteht, ein heftiges werden.

Einen Vorgeschmack sollte es Mittwochabend geben. Kern und Strache im ORF-Radio-Kulturhaus – „Klartext“ war gefragt. Eine ungewöhnliche Konstellation: Normalerweise duellieren sich ein Kanzler und ein Oppositionsführer nur vor einer Wahl; und da in einem TV-Studio.

Wortgewalt

Bisher haben Kern (50) und Strache (47) einander nichts geschenkt. Von „Luftblasen“ (Strache über Kerns „New Deal“) über Kerns Attest, Strache sei kein Patriot bis hin zum Befund des blauen Frontmanns, der Kanzler sei in der CETA-Frage „umgefallen und im Liegewagen zurück nach Wien gefahren“, reichte bis dato das Spektrum an Verbalattacken. Gestern sah es zu Beginn nachgerade nach einem Nichtangriffspakt aus. Die Kontrahenten ließen einander ausreden. Strache lobte gar „die neue Qualität“ seit Kern Kanzler ist: „Ich habe mehr Gespräche mit ihm geführt als mit Werner Faymann zuvor.“

Zum Artikel: "Wie hält es die SPÖ mit der FPÖ? Eine Chronologie"

Als die Sprache im vollbesetzen Saal auf Populismus- und Nationalismusdefinitionen kam, sorgte der Kanzler mit einer Pointe für einen Lacher. Auf die Frage, ob er ein Linkspopulist sei, konterte Kern mit einer Metapher und versteckter Medienkritik: „Welcher Pudel die Nase beim Hunderennen vorn hat?“ Das sei irrelevant. „Davon können sich die Leute nichts kaufen.“ Es folgten die bekannten Positionen zur Flüchtlingspolitik und zur EU (Strache: „Ich bin für ein föderales Europa“, Kern: „Europa ist ein Werteprojekt“).

Für Amüsement im Publikum sorgte Straches Aussage, dass ein Bundespräsident Norbert Hofer als „Mediator zwischen den USA und Russland“ fungieren würde – nach dem Vorbild von Bruno Kreisky. Als der FPÖ-Chef zu einem Wortspiel mit des Kanzlers Nachnamen ansetzte („Kernschmelze“, „Kernkraft“), replizierte der SPÖ-Chef: „Diese Namenswitze kenne ich seit der Kindheit. Da bin ich schmerzbefreit.“ Trotz Kuschelboxens konnte sich Strache die ein oder andere Spitze nicht verkneifen: „Sie sind ein Meister der schön gekleideten, leeren Worthülsen.“

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Nicht so gerne will Kanzler Kern über eine etwaige Koalition mit der FPÖ im Bund sprechen. Einmal mehr redete er über „Kriterien“, die die SPÖ für Regierungspartner formulieren werde. „Eine große, stolze Partei kann sich nicht über das definieren, was wir nicht tun, sondern wofür wir stehen.“ Strache blieb bei seiner Meinung: „Ich grenze grundsätzlich niemanden aus. Eine marxistische Umverteilungspolitik ist aber nicht unser Weg.“

Kein Bier

Überschneidungen mit der SPÖ sieht Strache bei der Infrastruktur-, Gesundheits- und Sozialpolitik, wobei er die 100 Euro zusätzlich für Pensionisten, die soeben von der Regierung beschlossen wurden, als „Almosen“ qualifizierte. „Trotz der mittleren Welten, die uns inhaltlich trennen“ ortete der SPÖ-Chef eine „gute Gesprächsbasis“.

Aus dem Bier, „das wir noch nie getrunken haben“ (Kern), wurde nach dem einstündigen Abtasten dann aber doch nichts. Strache ist aber „erleichtert“, dass der Kanzler auch zu Alkoholischem greift: „Wenigstens trinken Sie nicht nur Kaffee.“

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