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05.12.2016

BP-Wahl: Kopf an Kopf in NÖ, haushoch in Wien

FPÖ-Bezirksobmann Stefan (2.v.l.) notiert ernüchternde Ergebnisse. © Bild: /Raffaela Lindorfer

Zwei NÖ-Nachbargemeinden wählten erst konträr, jetzt gleich. Einziger blauer Wien-Bezirk kippte zu VdB.

Wien-Simmering: Blues auf der blauen Insel Wiens

Im "Auszeitstüberl" in Simmering, Stammbeisl der Bezirks-FPÖ, ist es ungewohnt ruhig. Bei der Wien-Wahl im Oktober 2015 herrschte am späten Abend schon Partystimmung. Diesen Sonntag wird an den Tischen diskutiert; gelacht nur vereinzelt – über das Wahlergebnis sicher nicht.

Nach und nach trudeln die Wahlbeisitzer ein, überreichen dem Bezirksobmann Harald Stefan, der auch FPÖ-Verfassungssprecher im Parlament ist, ihre Sprengelergebnisse. "Ich habe es befürchtet", sagt Stefan. "Offenbar ist es nicht gelungen, genügend FPÖ-Wähler zu mobilisieren." Schuld könnte das kalte Wetter sein, der Adventsonntag, oder – wer sonst – die Medien. "Der Lopi ist schuld", sagt eine Bezirksrätin scherzhaft. ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka hat sich kürzlich ja als Hofer-Befürworter geoutet.

"Die Schlacht haben wir verloren, nicht den Krieg", gibt sich eine Bezirksrätin kämpferisch. "Die FPÖ ist im Aufstieg", pflichtet man ihr am Tisch bei. Trotzdem: Dieses Wahlergebnis sei zu respektieren, wird allseits betont – zumindest den anwesenden Journalisten gegenüber.

Pragmatisch gibt sich FPÖ-Bezirksvorsteher Paul Stadler: "Is so. Das Leben geht weiter." Dabei ist die Niederlage für ihn doppelt bitter: Immerhin war er es, der bei der Bezirksvertretungswahl im Vorjahr die rote Ära des Arbeiterbezirks beendet hat.

Simmering wählte VdB

Auch bei der ersten, aufgehobenen Hofburg-Stichwahl war Simmering eine blaue Insel im grünen Wien. Insgesamt wählten 63,3 Prozent den Ex-Grünen-Chef Van der Bellen. Nur in Simmering lag FPÖ-Kandidat Hofer mit 50,3 Prozent vorne. Und jetzt? 50,8 Prozent der Simmeringer wählten Van der Bellen, der einzige blaue Fleck auf der Wien-Karte ist weg.

Enttäuscht dürfte auch ein Fernsehteam aus den USA sein, das in Erwartung einer Sensation nach Simmering gereist ist. Die Reporter von NBC mussten am Nachmittag am Enkplatz aber lange nach Blau-Wählern suchen, die auch Englisch sprechen. "Es gibt für mich keine Alternative zu Van der Bellen", erklärt eine junge Mutter den Reportern. Wenigstens sie freut sich – darüber, dass sie bald im US-Fernsehen ist.

Grüne Hochburg noch ausgebaut

Kurz nach 17 Uhr und kurz vor der ersten Hochrechnung im Parteilokal der Grünen in Wien-Neubau: Betretene Stille. Und dann: Jubelschreie. Umarmungen. Applaus. Der ehemalige Grünen-Chef, Alexander Van der Bellen, erreicht laut erster Hochrechnung 53,6 Prozent der Stimmen. "Ich bin erleichtert. Ich habe es gehofft, aber nicht geglaubt", sagt Isabelle Uhl, stellvertretende Bezirksvorsteherin von Wien-Neubau. Nicht einmal sie hat es zu hoffen gewagt. Aus Selbstschutz, wie sie sagt.

Und das, obwohl Neubau – Wiens Bobobezirk, in dem auch Männer Kinderwägen schieben – VdB-Kerngebiet ist: Van der Bellen erreichte dort bei der vom Verfassungsgerichtshof aufgehobenen Stichwahl am 22. Mai 80,99 Prozent der Wählerstimmen: Norbert Hofer kam nur auf 19,01 Prozent, sein schlechtestes Bezirksergebnis in Wien. Bei der gestrigen Wahlwiederholung konnte Van der Bellen sein Ergebnis aus der Stichwahl sogar noch um 1,01 Prozentpunkte auf 81,02 Prozent verbessern. Hofer erreichte im zweiten Wahlgang nur noch 18,98 Prozent der Stimmen.

Die Stimmung der Bezirkvorsteherin spiegelte sich am Nachmittag auch vor dem Wahllokal in der Hermanngasse wider. "Ich hoffe es sehr, aber ich hab’ kein gutes Gefühl", sagt Katharina. Sie habe "natürlich" Van der Bellen gewählt. "Der Hofer ist keine Option." Gemeinsam mit ihren Freundinnen Elisa (24) und Sabrina (23) hat sie am gestrigen Wahlsonntag sogar den Ausflug ins Wahllokal gewagt. Weil sie ohnehin in Wien waren, hätten sie vorsichtshalber auf das Senden einer Wahlkarte verzichtet. Ob die drei mit Foto in der Zeitung vorkommen wollen, müssen sie kurz beraten. Weil daheim, im Tiroler Dorf, wählen so viele blau. Und da könnte es leicht passieren, dass sich die "studierten Städter" beim nächsten Heimatbesuch wieder etwas anhören können. Auch Stefan, der mit dem Kinderwagen im Wahllokal vorfährt, wählte den Ex-Chef der Grünen. "Wegen seiner Europa-Linie und weil er nicht polarisiert."

Nur der 72-jährige Gert gab Norbert Hofer seine Stimme. "Wegen der Freunderlwirtschaft", sagt er. "Und weil uns die Grünen Parkplätze wegnehmen".

Jubel, Trubel, Heiterkeit in der Parteizentrale der Grünen von Neubau. © Bild: Julia Schrenk

Erst knapp vorn, jetzt Hofer Zweiter

FPÖ-Wahlplakate – viele von ihnen beschmiert – dominieren das Straßenbild in der kleinen Stadt Mautern in der Wachau mit ihren rund 3600 Einwohnern.

In der Stadt, die zu einem großen Teil auf römischen Mauern erbaut ist, lag Norbert Hofer zuletzt mit lediglich fünf Stimmen vor Van der Bellen. "Wenn nur diesmal nicht wiederholt werden muss", hofft ein Mann, der aus der Konditorei kommt.

Franziska Kuderna, Schülerin in der Tourismusschule Krems, hat erst durch die Wahlwiederholung Gelegenheit zur Stimmabgabe bekommen. "Beim vorigen Termin war ich noch zu jung", erzählt sie. Gemeinsam mit dem Gymnasiasten Alex Naumenko ist sie ins Rathaus gekommen. Beide vermuten, dass diesmal weniger Menschen ihre Stimme abgeben werden als zuletzt. Das deutliche Ergebnis überrascht sie aber beide: "Ich hätte nicht erwartet, dass Van der Bellen so weit vorne liegt", meint Naumenko, als er das Ergebnis der ersten Hochrechnungen erfährt.

Kuderna sucht eine Erklärung: "Aus meinem Verwandtenkreis habe ich gehört, dass viele Leute beim vorigen Wahlgang Hofer gewählt haben, um einigen in der Politik ihre Unzufriedenheit zu zeigen. Aber diesmal haben sie sich anders entschieden, weil sie sicher sein wollten, wie es ausgeht."

"Ich bin aus der Türkei und froh, dass Van der Bellen gewonnen hat. Er ist zwar gegen die PKK und das stört mich. Aber Hofer ist generell gegen Ausländer", sagt ein Mann, der sich gerade in einer Pizzeria stärkt. "Ich hätte gedacht, dass mehr Junge Hofer wählen. Aber bin zufrieden, Van der Bellen liegt mir eher", sagt Johann Mold im Gasthaus Hofer. Und Armin Sonnauer freut sich über einen "Denkzettel für einen Einspruch, obwohl es keinen Betrug gab".

Franziska Kuderna und Alex Naumenko sind überrascht. © Bild: KURIER/Gilbert Weisbier

VdB von "arschknapp" auf klar vorn

Haarscharf hatte Alexander Van der Bellen im Mai-Wahlgang in Rohrendorf die Nase vorn. Die knapp 2100 Einwohner zählende Marktgemeinde im niederösterreichischen Bezirk Krems ist hauptsächlich für den Weinbau und die wahrscheinlich längste Kellergasse der Welt bekannt. Von einem intensiven Wahlkampf merkte man auf den Straßen so gut wie nichts. Entlang der Hauptstraße findet sich kein einziges Plakat, kein A-Ständer.

"Die FPÖ ist bei uns so gut wie nicht vorhanden und die wenigen Grünen im Gemeinderat haben das anscheinend auch nicht gemacht", meinen dazu Nicole und Roland Raderbauer. Die beide finden, dass die Wahlentscheidung für viele in ihrem Bekanntenkreis schwierig war, weil keiner der Kandidaten wirklich deren Geschmack entsprach. "Vielen erschien es wie die Wahl zwischen Not oder Elend", lacht er. Dass sich die Waagschale zuletzt auch in der Gemeinde so deutlich zugunsten Van der Bellens bewegt hat, macht ihn zufrieden: "Ich glaube, dass viele Menschen sich jetzt gegen die radikale Schiene entschieden haben, nachdem sie beim früheren Wahlgang anscheinend eher den Großparteien eins auswischen wollten", meint Radebauer.

"Die meisten Leute sind schon sauer, weil das alles so lange dauert", meint Alexander Rester, der mit seiner Frau und dem kleinen Sohn Jonas ins Wahllokal gekommen ist. Beide rechneten mit weniger Wahlbeteiligung.

Noch in der letzten Stunde, bevor das einzige Wahllokal der Gemeinde, um 15 Uhr schloss, strömten allerdings auffällig viele Menschen in die Weinlandhalle, um ihre Stimme abzugeben. Die meisten erzählten vom Frust, der sich wegen des bisher nie erlebten, niedrigen Niveaus im Bundespräsidentenwahlkampf breitgemacht hatte.

Nicole und Roland Raderbauer freuen sich über das Ergebnis. © Bild: KURIER/Gilbert Weisbier