Politik | Inland
19.01.2015

Botschafter: "Juden sind in Europa nicht mehr sicher"

Wien: Polizei schützte jüdische Gedenveranstaltung für Opfer von Paris - EU-Kommission in Sorge.

Die Atmosphäre war gespannt, die Stimmung gedrückt. Schweigend versammelte sich die jüdische Gemeinde Sonntagabend im Stadttempel in der Wiener Innenstadt. Das Polizeiaufgebot war enorm, die Straße war von Polizeiautos und Sicherheitskräften abgeriegelt. Jüdische Einrichtungen sind bedroht.

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) lud Mitglieder, Freunde, Botschafter großer EU-Staaten und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften zu einer Gedenkveranstaltung aller Opfer des islamistischen Terrors und insbesondere der vier beim Anschlag im koscheren Supermarkt in Paris ermordeten Juden ein. "Wenn wir alle zusammenhalten, haben wir eine Chance gegen den Terrorismus. Wir werden uns nicht unterkriegen lassen", sagte IKG-Präsident Oskar Deutsch in seiner Ansprache. Er wies auf sein großes Anliegen hin, "Politikern die Augen für die Einsicht zu öffnen, wonach Antisemitismus und Antijudaismus in dem Friedensprojekt Europa nichts zu suchen haben".

Der Botschafter des Staates Israel in Österreich, Zwi Heifetz, sprach von einem großen Gefühl der Frustration. "Wie oft haben wir schon der jüdischen Opfer gedacht?", fragte er – und betonte, dass "Juden in Europa nicht mehr sicher sind". Das einzige Land, wo Juden sich selbst verteidigen können, sei Israel. Antisemitismus sei "ein Akt gegen die Menschlichkeit".

Der Spitzendiplomat bedankte sich ausdrücklich bei der Bundesregierung, in der Nationalratssitzung vor wenigen Tagen der jüdischen Terror-Opfer von Paris gedacht zu haben. Bei der Gedenkveranstaltung am Ballhausplatz am Sonntag vor einer Woche wurden die jüdischen Opfer nicht erwähnt, was zu Protesten der Israelitischen Kultusgemeinde führte.

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenbergging es in seiner Ansprach um Wahrheit: "Wer waren die Opfer? Und warum wurden sie ermordet? – Es wurden Juden ermordet, weil sie Juden sind. Diese Wahrheit wollen wir aussprechen."

Am Rande der Gedenkveranstaltung im vollen Stadttempel hörte man auch vereinzelte Stimmen, nach Israel auswandern zu wollen. "Es wird immer schlimmer, ich bin verzweifelt", sagte ein Jude. Nach den Anschlägen von Paris haben innerhalb weniger Tage 35.000 Franzosen ihre Heimat Richtung Israel verlassen.

EU-Kommission sorgt sich um Situation von Juden in Europa

Die EU-Kommission sorgt sich angesichts der jüngsten Anschläge und Drohungen um die Situation der Juden in Europa. Dass sich Juden in Europa "wieder Sorgen um ihre Sicherheit machen müssen", bringe ihn um den Schlaf, sagte der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, der Rheinischen Post vom Montag.

Die EU werde scheitern, "wenn eine Gemeinschaft sich hier bei uns nicht mehr zu Hause fühlt". Damit werde der "wichtigste Grundgedanke Europas verraten", so der Vizepräsident der EU-Kommission.

Fluggastdaten

Im Zuge der Anschlagsserie in Paris war am 9. Jänner auch ein jüdischer Supermarkt angegriffen worden. Bei der Geiselnahme starben vier Juden sowie der Attentäter. In der vergangenen Woche war zudem eine mutmaßliche gewaltbereite Islamistenzelle in Belgien zerschlagen worden. Die Gruppe plante Medienberichten zufolge unter anderem Anschläge auf jüdische Schulen im Land.

Timmermans plädierte vor diesem Hintergrund dem Bericht zufolge für verstärkte Anstrengungen im Kampf gegen den Terror, darunter die rasche Einführung eines Abkommens über den Austausch von Fluggastdaten zwischen den einzelnen EU-Ländern. Bisher gibt es solche Abkommen nur für Passagiere, die zwischen Europa und den USA oder Kanada reisen.