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Politik Inland
03/15/2020

Auf der Kommandobrücke: Das ist Österreichs Krisenstab

Franz Lang (Innenministerium) und Bernhard Benka (Gesundheitsministerium) sind die Koordinatoren in der Corona-Krise. Der KURIER sprach mit ihnen über das, was jetzt zählt.

von Christian Böhmer, Ida Metzger

Ganz zur Ruhe kommt sie eigentlich nie, die Kommandobrücke. „Wir sind sprichwörtlich fast rund um die Uhr im Einsatz“, schildert Franz Lang, Generaldirektor für öffentliche Sicherheit.

Täglich um sechs Uhr früh gibt es die erste Informationsanalyse. An den sogenannten Penta-Sitzungen im Innenministerium nehmen Vertreter von fünf Ministerien – Gesundheit, Inneres, Bildung, Außen und Justiz – teil; hinzu kommen Mitarbeiter anderer Behörden und der Blaulichtorganisationen.

Die fachliche Führung hat in der Corona-Krise das Gesundheitsministerium. Koordinator ist auf dieser Seite Bernhard Benka, Abteilungsleiter für Seuchenbekämpfung und Krisenmanagement.

Wenn er nicht gerade im Kanzleramt oder im Innenministerium an Lage-Sitzungen teilnimmt, analysiert er mit seinen Kollegen im Ministerium die Lage: Wo stehen wir bei den Neuinfektionen und den Erkrankungen? Wie geht es Spitälern und Hilfsorganisationen? Und was bedeutet das für mögliche weitere Maßnahmen?

Benka hält Kontakt zur Weltgesundheitsorganisation und dem Europäischen Zentrum für die Krankheitsprävention ECDC, das in Stockholm alle Daten zur Corona-Krise sammelt.

In den Penta-Sitzungen im Innenministerium sind dann über Videokonferenz auch die neun Landeseinsatzstäbe zugeschaltet. „Wenn man eine Maßnahme setzt, hat das große Auswirkungen, es werden 25 weitere Schrauben gedreht. Deswegen brauchen wir alle an einem Tisch“, schildert Lang. Auch die Penta-Sitzungen werden dreimal täglich abgehalten.

Um 8.30 Uhr geht die bundesweite Analyse an die Öffentlichkeit. „Auch wenn die Zeit jetzt stressig ist, ist es eine gute seelische Erfahrung. Oft sind die Stäbe unterschiedlicher Meinung, aber wir wissen, dass wir innerhalb einer Stunde eine Lösung brauchen und ziehen am Ende immer in eine Richtung“, schildert Lang.

„Ein wesentlicher Erfolgsfaktor in der Krise ist, einen kühlen Kopf zu bewahren“, sagt Benka. Ein weiterer: Vertrauen.

„Wichtig ist, dass man die kommunale Ebene kennt. Durch meine Erfahrungen beim Tauerntunnelunglück und in Kaprun weiß ich, wie Einsatzkräfte und Bürgermeister agieren“, sagt Lang. „Dadurch haben die Zuständigen Vertrauen. Und das ist extrem wichtig in Krisensituationen.“

Franz Lang: „Corona wird  uns noch Monate beschäftigen“

Der Stabschef.

Im Vorbeigehen  „hamstert“ er noch rasch ein Stück Kuchen.  Denn das erste Mal nach sieben Stunden Krisenanalyse kann Franz Lang kurz verschnaufen. Krisen sind sein Metier. Keiner besitzt in Notlagen so viel Routine wie  der geschäftsführende Generaldirektor für öffentliche Sicherheit.  Seine Premiere mit dem Chaos nach einer Katastrophe war der verheerende Tauerntunnelbrand (1999), ein Jahr später folgte das Kaprun-Unglück  mit 155 Opfern,  oder die Flüchtlingskrise (2015).

Und nun die Corona-Pandemie:  Immer wenn das Land  in der Bredouille steckt, dann übernimmt Franz Lang (61) und koordiniert die Einsatzstäbe.  Eigentlich wollte  der Salzburger   bald seine Pension antreten. Endlich Entschleunigung statt Adrenalin-Kicks erleben. („An Krisentagen kann man oft kaum einschlafen“).

Daraus wird jetzt wohl nichts.   Eines weiß Lang aus seiner Langzeiterfahrung: „Corona wird uns noch länger beschäftigen“.
Bis das Land wieder in den Normalmodus zurückkehrt, muss Lang jede Menge Druck bewältigen. Genau dieser Kraftakt ist für den Salzburger  der Reiz an  der Krisenbewältigung. „Wenn es der falsche Weg ist, kommt die Reaktion  innerhalb der nächsten Stunde“. Um die richtige Marschroute  zu  orten, benötigt man die nötige Expertise, aber auch „das Gefühl, wie die Gesellschaft auf Druckmomente  reagieren wird“.

Ohne viel Tam-Tam, mit viel Ruhe, aber auch mit einer Portion „Brutalität,  50 Prozent der Probleme einfach wegzukippen und  sich auf die  essenziellen Probleme zu konzentrieren“ koordiniert der  Generaldirektor den Krisenstab aus Polizei, Bundesheer, Feuerwehr und Sanitätsdiensten.
Ruhig und besonnen„Bitte machen Sie mich nicht zum Helden“, sagt  Lang.   Warum  nicht? „Weil es nicht unser Job ist,  bekannt zu werden. Bei der Polizei hat immer nur das Team Erfolg.    Mein Ziel ist es, dass  die  Österreicher das Gefühl haben,  die Einsatzkräfte  erledigen einen guten Job. Mehr nicht.“

Und setzt dann lachend nach: „Außerdem möchte ich keine skurrile Fanpost bekommen wie nach Kaprun.“ Durch dieses Ereignis wurde auch der damalige Innenminister Ernst Strasser auf Lang aufmerksam. Er  überantwortete Lang die  Zusammenlegung von Gendarmerie und Bundespolizei.

Ex-ÖVP-Innenministerin Maria Fekter machte ihn zum Kabinettschef.  Im Vorjahr wurde er zum geschäftsführenden Generaldirektor für öffentliche Sicherheit ernannt. Seinen heiß ersehnten Polizeibergführer in der Pension muss er wohl noch aufschieben.

Bernhard Benka: Von der Dritten Welt ins Herz der Corona-Krise

Der Pandemie-Experte.

Er ist die rechte Hand des Gesundheitsministers,  zumindest was den Sitzplatz im Krisenzentrum angeht. Denn gleich neben Rudolf Anschober sitzt er: Bernhard Benka,  Arzt, Abteilungsleiter für Krisenmanagement und Seuchenbekämpfung –  und als solcher Koordinator der Taskforce im Gesundheitsressort.

Der 44-Jährige ist bestens gerüstet für den Knochenjob.

Ehe der gebürtige Oberösterreicher Abteilungsleiter wurde (eingestellt hat ihn übrigens eine Sektionschefin namens Pamela Rendi-Wagner), war er für „Ärzte ohne Grenzen“ im Einsatz. „Ich hab de facto fünf Jahre lang aus dem Koffer gelebt.“

In Indien, Mexiko, Kolumbien, Paraguay und  Kenia kümmerte er sich um Menschen, denen es bisweilen am Grundlegendsten fehlt.
„Die Arbeit im Ausland war mir  in die Wiege gelegt“, sagt Benka.  Der Vater war Uni-Professor und lehrte  in den USA und Japan, Benka war als Kind mit dabei. Später, als er Medizin studierte, machte er seine Pflicht-Praktika in Ländern wie Uganda und Brasilien. Eines  seiner Fachgebiete sind  „neglected tropical diseases“, also Tropenkrankheiten, die von der westlichen Gesellschaft und der Pharma-Wirtschaft gern vernachlässigt werden, weil die betroffenen Patienten und Länder wirtschaftlich schwach sind.

Helfen ihm die Erfahrungen aus den Entwicklungsländern jetzt bei der Krisenarbeit? Benka wird das oft gefragt. Aber er will die Arbeit nicht direkt vergleichen.

„Natürlich brauchst du hier wie dort  eine gewisse Robustheit,  damit Du verkraften kannst, wenn – wie etwa in Kenia –   ein  Kind in deinen Armen stirbt und du nichts dagegen tun kannst.“

Aber er fände es falsch, die Sorgen und Ängste, die nun in Österreich vor Corona herrschen, gegen die Probleme der Dritten Welt aufzurechnen. „Die Sorgen sind anders, aber sie sind nicht besser oder schlechter.“

Was Benka hilft, ist der Pragmatismus aus dem früheren Job. „Du musst in der Situation mit dem Vorhandenen das Beste versuchen.“
Wenn er nicht im Krisenmodus ist,  geht Benka gern auf Pop- und Rock-Konzerte; und er fliegt mit dem Paragleiter oder klettert.

All das muss warten. Aber dafür plagt den Optimisten  ein anderes Problem so überhaupt nicht. „Die beste Hilfe in der Corona-Krise ist, seine sozialen Kontakte herunterzufahren. Für mich ist das irrelevant“, sagt er mit einem Lächeln. „Wir arbeiten derzeit so viel, dass ich seit Wochen de facto keinen Kontakt zu Menschen außerhalb des Krisenstabs habe.“

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