Politik | Inland
18.03.2016

"Auch in Volksschulen wird es von Jahr zu Jahr schrecklicher"

Auch Volksschullehrer bestätigen jene massiven Fehlentwicklungen, die eine Wiener Direktorin via KURIER aufgezeigt hat.

Jene Direktorin, die die gravierenden Fehlentwicklungen in den Neuen Mittelschulen (NMS) in Wien via KURIER aufgezeigt hat, hat eine Lawine an Reaktionen ausgelöst. Immer mehr Lehrer melden sich beim KURIER, um ihre Nöte im Unterrichtsalltag aufzuzeigen. "Nicht nur in den NMS sind die Missstände zum Schreien", auch in den Volksschulen sei das der Fall, sagt Andrea F. (Name geändert) dem KURIER.

"Es ist frustrierend"

"Ich unterrichte jetzt das neunte Jahr. Der Beruf ist eigentlich wunderschön, aber es wird von Jahr zu Jahr schrecklicher. Ich komme immer weniger zum Unterrichten. Es ist frustrierend", schildert die Volksschullehrerin aus Wien. Aus Angst vor Repressionen will die 48-Jährige, die erst nach Jahren in der Privatwirtschaft Lehrerin wurde, nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen. Das, was ihre tägliche Arbeit nahezu unmöglich macht, will sie aber nicht verschweigen. Sie bestätigt jene Erfahrungen, die Direktorin Andrea Walach gemacht hat. F. unterrichtet eine erste Klasse mit 24 Kindern, 20 davon haben eine andere Muttersprache als Deutsch: "Ich kann ihnen jetzt schon sagen, wer in eine AHS kommen wird – ein Drittel." Ein weiteres Drittel werde zumindest eine Lehre absolvieren, beim dritten Drittel werde das aber nie der Fall sein. Das liege nicht nur an den Lernschwierigkeiten, die Lehrer müssten vielen Kindern auch die einfachsten Umgangsformen beibringen, es fehle auch die Vorbildwirkung und Unterstützung der Eltern. "Etwa die Hälfte meiner Kinder grüßt nicht – und sie sagen zu jedem ,du‘."

"Stunden gekürzt"

Was würde das Leben der Lehrer erleichtern – und die Zukunftschancen der Kinder steigern? "Mir würde es helfen, wenn mehr Lehrer da wären." In der Vergangenheit sei aber der bürokratische Aufwand gestiegen ("Dokumentationen, die keiner braucht") und die Ressourcen gesunken. "Als ich anfing, hatte ich in einer ersten Klasse elf Stunden pro Woche eine Begleitlehrerin. Die Kollegin konnte sich um die schwächeren Kinder kümmern. Heute ist nur noch vier Stunden pro Woche eine Begleitlehrerin da, weil das Stundenkontingent gekürzt wurde."

Zweites Pflicht-Kindergartenjahr

Hinzu käme, dass viele Kinder immer wieder aus der Klasse geholt würden, um speziell gefördert zu werden (z. B. wenn sie Lernschwächen haben, schlecht Deutsch können) – eine an sich gute Sache, die aber dazu führe, dass "nur acht Stunden pro Woche alle Schüler in der Klasse sind". Da sei es schwierig, allen den Stoff zu vermitteln. Das Problem könnte aber leicht behoben werden, meint die Pädagogin: "Man kann die Förderstunden am Nachmittag machen, dann sind die Kinder vormittags immer in der Klasse."

"Unbedingt notwendig" wäre aus ihrer Sicht ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr. Derzeit gibt es nur eines. "Das ist viel zu wenig."

Kurios ist, dass der Schulinspektor die Probleme kennt: "Es gibt seit Jahren Gespräche, aber er sagt: ,Was soll ich machen?‘."

Seit Herbst 2010 müssen alle Fünfjährigen in den Kindergarten gehen. Volksschullehrerin Andrea F. befindet – wie auch viele Experten: „Ein Jahr ist viel zu wenig.“ Erst mit einem zweiten Pflicht-Kindergartenjahr könnten die Probleme in den Schulen wohl tatsächlich verringert werden. Vor allem Kinder, deren Deutschkenntnisse mangelhaft sind, würden davon profitieren.

Richtige Idee

Das hat auch die Politik schon lange erkannt. Außenminister Sebastian Kurz ( ÖVP) hat bereits 2011, noch in seiner Zeit als Integrationsstaatssekretär, ein zweites, verpflichtendes Kindergartenjahr vorgeschlagen. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) hat das schon damals als „richtige Idee“
eingestuft.

Erster Anlauf 2011

Heute, fast fünf Jahre später, ist diese allerdings noch immer nicht realisiert. Zwar findet sich das Vorhaben in der Bildungsreform, die im November vergangenen Jahres präsentiert worden ist. Doch die Reform ist bis heute nicht umgesetzt worden, weil nach wie vor über diverse Einzelpunkte verhandelt wird. Dabei hat sich die Regierung für den Kindergarten einiges vorgenommen. Jedes Kind sollte im Alter von dreieinhalb Jahren einem Bildungscheck unterzogen werden. Und für jeden Buben und jedes Mädchen sollte ein Bildungskompass angelegt werden. Die Sprach- und sonstige Entwicklung des Kindes sollte laufend beobachtet werden.
Wann all das eingeführt wird, ist offen. Denn die Bildungsreform – und damit auch das zweite Pflichtkindergartenjahr – steht unter Finanzierungsvorbehalt. Das heißt, alle Projekte werden nur dann umgesetzt, wenn das nötige Geld dafür da ist.