© APA/MANFRED FESL

Politik Inland
02/26/2020

Aschermittwoch: "Polemische Attacken für Populisten"

Erstmals spricht Norbert Hofer als FPÖ-Chef in Ried. Sein Vorgänger Strache in der Wiener Prater Alm. Wozu der Anlass dient und was er bewirkt.

von Johanna Hager

Jörg Haider hat ihn hierzulande großgemacht. Mit von Herbert Kickl geschriebenen Reden. Mit Zitaten wie „Blair, Schröder und Chirac kommen mir vor wie die drei Tenöre, sie sind nicht mehr ganz taufrisch, sauteuer, wenn sie auftreten, und sie vergreifen sich immer öfter im Ton.“ Oder: „Ich verstehe überhaupt nicht, wie einer, der Ariel (Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien; Anm.) heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann.“

Der Politische Aschermittwoch hat seit 1992 in Österreich für die Freiheitlichen Tradition. Für Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle gibt es triftige Gründe, warum ausgerechnet Jörg Haider diese Veranstaltung an diesem Tag etablierte: Haiders rhetorisches Talent. „Die Bereitschaft zu einer Diskussionskultur mit harten Attacken gegen den politischen Gegner inklusive Positionierung nicht nur als Oppositionspartei, sondern als Protestpartei bis hin zu Anti-System-Partei.“ Weiters nennt Stainer-Hämmerle die „Bespielung einer eigenen Bühne, um Anhänger zu mobilisieren“.

Bier, Brezen und Bayern

Bekannt gemacht hat den Tag lange vor Haider, nämlich in den 1960ern, Bayerns legendärer CSU-Politiker und Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Mittlerweile nutzen alle politischen Parteien den Beginn der Fastenzeit, um bei Bier und Brezen Pointen zu schleudern, gegen den Mitbewerber vom Leder zu ziehen.

Bis auf wenige Ausnahmen – 2017 bis 2019 traten auch die Spitzen von ÖVP und SPÖ bei Veranstaltungen in Erscheinung – begehen in Österreich nur die Freiheitlichen den Politischen Aschermittwoch.

Heuer erstmals Teil des Aschermittwoch-Rede-Reigens: die „Allianz für Österreich“ (DAÖ) und an deren Rednerpult der „Immer-noch-nicht-Spitzenkandidat“ Heinz-Christian Strache in der Wiener Prater-Alm. In Judenburg nutzt die traditionelle Rede-Gelegenheit Max Lercher für die SPÖ.

Aschermittwoch der FPÖ

"Polemische Attacken für Populisten“

"Die anderen Parteien sind gut beraten, sich nicht auf diese Ebene zu begeben – der hetzerische ‚Humor‘ à la Haider wird von ihnen nicht überboten werden können, und sie sollten dies auch gar nicht versuchen“, sagt Politologe Anton Pelinka.

Da diese Veranstaltungen "von harten Tönen und polemischen Attacken in Bierzeltatmosphäre“ leben, rät auch Stainer-Hämmerle anderen Parteien, „die staatstragend erscheinen wollen oder müssen wie Regierungsparteien, derartige Bilder und Auftritte zu meiden. Parteien, die Wert auf Diskussionskultur legen, ebenfalls. Auf viele Bürger wirken derartige Auftritte abschreckend und können nicht nur das Partei- wie Politikerimage beschädigen, sondern auch das der Politik generell.“

Da die Aschermittwoch-Tradition aus dem bäuerlichen Umfeld stammt, so Stainer-Hämmerle, sei es nachvollziehbar, dass dieser Tag bei SPÖ, Grünen und Neos nicht begangen werde. "Auch wenn ihre deutschen Schwesterparteien längst auch diesen Brauch pflegen. Bei der ÖVP, die ja allein aufgrund ihres Bauernbundes ein näheres Verhältnis dazu haben sollte, ist wohl die Einführung durch die FPÖ der Verweigerungsgrund. Sie will nicht als Kopie gelten oder Zweiter sein."

Söder warnt vor einem Ende der europäischen Idee

Politische Zukunft und Skandal-Image

Profitieren können hingegen Rechtsparteien wie FPÖ und DAÖ. Reinhard Heinisch, Politikwissenschaftler an der Universität Salzburg: "Beide müssen sich als die authentische Rechte inszenieren, Themen besetzen, die von den internen Konflikten ablenken.“ Für beide gehe es um enorm viel. Für die DAÖ um den Einzug in den Wiener Landtag, für Strache darum, "ob er eine politische Zukunft hat, für die FPÖ darum, das Verlierer- und Skandalimage etwas vergessen zu machen“.

Den Aschermittwoch wie auch die Karnevalszeit begehen Merkel und Co. im Vergleich zu Kurz und Co. nachgerade ausschweifend. Damit drängt sich die Frage auf: Fehlt es den hiesigen Politikern an Humor? Oder Österreich an Veranstaltungen oder TV-Formaten abseits des Villacher Fasching? Gibt es politischen Humor oder politisches Kabarett noch?

Kabarett, das ist die Form, um sich mit Politik humorvoll-ironisch zu beschäftigen. Es wäre wert, zu untersuchen, ob das österreichische Kabarett der Gegenwart dieser Aufgabe gerecht wird“, sagt Anton Pelinka auf KURIER-Nachfrage. Kathrin Stainer-Hämmerle sieht diese Tradition gegeben. Und meint: „Man denke nur an ‚Wir sind Kaiser‘ oder ‚Willkommen Österreich‘, die ‚Staatskünstler‘ oder die Interviews von Peter Klien. Alles in der Tradition von Grünbaum, Waldbrunn, Farkas, Kreisler, Bronner, Qualtinger.“

Für Reinhard Heinisch hat es in Österreich stets an entsprechenden Formaten sowohl im TV und auch im öffentlichen Raum gefehlt. „Ein Staatsmonopolist wie der ORF trägt das Risiko, dass bei einer humorvollen, pointierten Auseinandersetzung mit Politikern einiges schiefgehen kann. Da jedoch laufend Medienformate aus dem Ausland übernommen werden, kann gut sein, dass sich das in Zukunft ändert.“