Arbeitsministerin Christine Aschbacher

© Kurier/Gilbert Novy

Interview
08/27/2020

Arbeitsministerin: "Nachtruhe-Regelung hemmt Flexibilität"

Im Homeoffice soll es bei den Ruhezeiten mehr Eigenverantwortung geben, sagt Christine Aschbacher. Außerdem erklärt sie, was junge Menschen ohne Job oder Lehrstelle jetzt tun können.

von Elisabeth Hofer

Das Coronavirus hat den österreichischen Arbeitsmarkt in eine tiefe Krise gestürzt. Im Vorjahresvergleich sind um ein Drittel mehr Menschen ohne Job, im Herbst könnten 10.000 Lehrstellen fehlen. Eine Mammut-Aufgabe für Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP).

KURIER: Frau Ministerin, in Österreich gab es im April so viele Arbeitslose wie noch nie in der 2. Republik. Wie besorgt macht Sie das?

Christine Aschbacher: Das macht mich sehr nachdenklich und betroffen. Aus einem Dialog zwischen Wirtschaft und Arbeitsmarkt ist ein Trialog entstanden, mit der obersten Priorität, Menschenleben zu retten. Alles, was wir machen, wird danach ausgerichtet. Das Virus verändert sich aber ständig und damit auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, international aber auch in Europa und bei uns.

Dennoch ist in Deutschland in der Krise die Arbeitslosigkeit viel weniger stark angestiegen. Warum?

Dort ist man mit viel weniger Arbeitslosen in die Krise gegangen. Außerdem haben wir in Österreich eine andere Zusammensetzung am Arbeitsmarkt. Bei uns arbeiten beispielsweise viel mehr Menschen im Tourismus, der von der Krise stark betroffen war und ist. Auf der anderen Seite ist zum Beispiel unser Kurzarbeitsmodell international ein Vorbild.

Wie lange wird es in Österreich die Corona-Kurzarbeit brauchen?

Jetzt gibt es sie in der Phase Drei einmal von Oktober bis März. Im Februar werden wir uns noch einmal anschauen, wie sich die Lage entwickelt hat und ob es einer Verlängerung oder Weiterentwicklung bedarf. Wichtig ist, dass es jetzt sechs Monate Planungssicherheit für Unternehmen und Mitarbeiter gibt.

Besonders besorgniserregend ist die Jugendarbeitslosigkeit und der Lehrstellen-Mangel. Was sagen Sie jungen Menschen, die sich um ihre Zukunft sorgen?

Ich kann nur an die Unternehmen appellieren, die überlegen, einen Lehrling zu nehmen, ihn jetzt zu nehmen und zugleich auch an die vielen Jugendlichen, Bewerbungen zu schreiben. Ich würde Ihnen sagen: Seid mutig und aktiv und bewerbt euch vielleicht auch für die neuen Lehrstellen, z. B. Coding. Bei den Jugendlichen haben wir auch eine sehr hohe Arbeitslosigkeit in Wien und sehr viele offene Lehrstellen in den Bundesländern. Für Jugendliche, die eine Lehrstelle in einem Bundesland annehmen wollen, gibt es eine Förderung.

Stichwort Lehre: Wieso sollen Asylwerber ihre Lehre nicht abschließen und danach bleiben dürfen ?

Wir haben derzeit viele Menschen, die einen Job suchen und schon einen Aufenthaltstitel bei uns haben. Mein Ziel, ist es, diese Menschen wieder in Beschäftigung zu bringen. Hier gibt es für mich keinen Änderungsbedarf.

Durch Corona hat sich auch unsere Arbeitsweise massiv verändert. Wird Homeoffice auch in Zukunft ein Thema bleiben?

Ja. Wir müssen uns anschauen, wo es zu Doppel- und Mehrfachbelastungen gekommen ist und zugleich, dort wo es sinnvoll ist und auch ein flexibleres Arbeiten ermöglicht wird, soll Homeoffice auch weiterhin praktiziert werden. Wir empfehlen, die Reglungen dafür in Betriebsvereinbarungen festzulegen. Mit einem Leitfaden und mit Empfehlungen, wann und wie Homeoffice am besten machbar ist.

Was meinen Sie genau mit „flexibleres Arbeiten?“

Für mich geht es darum, zu schauen, welche Vorgaben es braucht, und welche nicht. Zum Beispiel die gesetzlichen elf Stunden Nachtruhe: In der Praxis ist es mit und ohne Corona schwierig, sie einzuhalten, weil man dadurch in der eigenen Flexibilität gehemmt wird.

Soll die Ruhezeit-Regelung also verworfen werden ?

Es geht um die elf Stunden Nachtruhe von Homeoffice Ende bis Homeoffice Beginn. Als Mutter weiß ich, dass es manchmal auch gut funktioniert, am Nachmittag oder Abend ein paar Stunden mit den Kindern zu haben und sich am Abend noch einmal hinzusetzen und zu arbeiten. Hier ist aus meiner Sicht auch Eigenverantwortung ein wesentlicher Bestandteil.

Welche Herausforderungen bringt diese neue Art zu Arbeiten mit sich?

Die größten Herausforderungen gibt es für Unternehmen, die nicht vorbereitet waren. Das betrifft nicht nur die Ausstattung, sondern etwa auch die Frage, wie man jetzt Mitarbeiter führt.

Die SPÖ fordert eine Arbeitszeitverkürzung und auch der Koalitionspartner ist dem nicht abgeneigt. Für die ÖVP keine Option?

Ich glaube, es ist jetzt das falsche Timing, um über eine Arbeitszeitverkürzung zu diskutieren. Wir sind jetzt dabei, aus dieser Weltwirtschaftskrise wieder auf Normalbetrieb zu kommen.

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