© Kurier/Jeff Mangione

Interview
11/21/2020

Anschober: "Einkaufssamstage könnten zum Heimspiel für das Virus werden"

Der Gesundheitsminister erklärt, wann genau die Infektionszahlen sinken müssten, warum Baumärkte beim Öffnen nicht das Thema sind – und dass ab 1. Jänner geimpft werden kann

von Christian Böhmer

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen runden Geburtstag, und es ist gerade Lockdown. Gesundheitsminister Rudolf Anschober nimmt's gelassen, dass er zu seinem Sechziger kein Fest geben kann. Im Interview mit dem KURIER spricht er über die Schwächen des Gesundheitssystems und die Gefahren neuerlich steigender Infektionszahlen nach dem Lockdown.

KURIER: Herr Minister, an welchem Tag genau entscheidet sich, ob der Lockdown ein Erfolg war?

Rudolf Anschober: Wie Sie wissen, haben wir am 3. November den Teil-Lockdown gestartet, und der hatte leider keinen ausreichenden Effekt. Die eingetretene Stabilisierung auf hohem Niveau ist für die Intensivstationen auf Dauer nicht zu schaffen – weder von den Kapazitäten her noch von der Intensität der Belastung. Die Auswirkungen des harten Lockdowns sollten um den 27. November sichtbar werden. Ab diesem Wochenende müsste es mit den Infektionszahlen schnell und deutlich bergab gehen. Aber ich bin zuversichtlich.

Das Jahr war bisher sehr fordernd, die Bevölkerung ist müde. Sie sind auch gelernter Pädagoge. Wie kann man die Menschen jetzt motivieren, sich an die Regeln zu halten?

Es stimmt: Das Virus wird nicht müde, wir sehr wohl. Was die WHO eine „Pandemie-Fatigue“ nennt, bestätigen mir Gesundheitsminister in ganz Europa. Nervosität, Aggressivität und Ausgelaugtheit steigen, wir alle wollen zurück zur Normalität. Mein Eindruck aber ist, dass in diesen Tagen ein Ruck durch die Bevölkerung geht.

Inwiefern?

Das hat mit den Intensivstationen zu tun. Die meisten wissen jetzt, dass die Überlastung eine unglaubliche Gefahr darstellt, und dass sie jeden treffen kann. Niemand weiß, ob er oder sie nicht übermorgen Opfer eines Unfalls wird. Grundsätzlich bin ich aber guter Dinge, dass ein gutes Weihnachtsfest – eines wie früher – möglich wird. In meiner Jugend hat der engere Familienkreis stille Weihnachten gefeiert, da stand das Einander-Zeit-Schenken im Mittelpunkt. Das sollten wir 2020 auch so anlegen.

Die Pandemie hat die Schwächen des zersplitterten Gesundheitssystems gezeigt. Da gab es Rätselraten, wie viele Intensivbetten in den Ländern frei sind, eingemeldete Infektionszahlen waren falsch, und in den einzelnen Pflegeheimen wurde unterschiedlich auf die Pandemie reagiert. Was muss sich ändern?

Eines vorweg: Wenn ich mir die Infektions- und Sterbezahlen ansehe, werde ich – offen gesagt – sehr unruhig. Wir bekommen in ganz Europa jetzt die Rechnung dafür präsentiert, dass Corona-Leugner die Bevölkerung verunsichert und sich Einzelne nicht an einfachste Regeln gehalten haben. Was können wir im System verbessern? Wir haben schon vor Wochen die Intensität der Testungen in Alten- und Pflegeheimen stark hochgefahren, und es gibt im Unterschied zum Frühling eine verbindliche Verordnung, wie die strengen Schutzstandards aussehen müssen.

Angenommen, der Lockdown wirkt. Sind die Baumärkte wieder die ersten Geschäfte, die öffnen?

Sie werden es nicht glauben, aber die Reihenfolge des Öffnens ist für uns derzeit nicht das Wichtigste.

Sondern?

Entscheidend sind die Schutzmaßnahmen. Durch die großen Menschenansammlungen könnten der 8. Dezember und die Einkaufssamstage für das Virus ein Heimspiel werden. Deshalb müssen wir extrem aufpassen, dass wir uns den Vorsprung, den wir uns jetzt mühsam erarbeiten, nicht gleich wieder verspielen. Die Bilder vom 14. November dürfen sich nicht wiederholen! Deshalb wollen wir beim Contact Tracing massiv aufrüsten, die über 60-Jährigen verstärkt schützen und mit Massentests mehrmals ins Feld gehen.

Was halten Sie davon, die Geschäfte im Dezember am Sonntag zu öffnen? Die Wirtschaftskammer argumentiert, man würde so nicht nur dem Handel helfen, sondern auch den Menschenansturm mildern.

Nachdenken darf man über vieles, aber: Man muss aufpassen, dass das im Konsens mit den Gewerkschaften passiert. Bei uns sind Dinge wie die Sonntagsöffnung jedenfalls nicht in Planung, wir konzentrieren uns auf die klassischen virologischen Fragen. Wenn wir den Dezember gut schaffen, können wir kontrolliert bis zur ersten Impfung kommen.

Apropos: Wann ist es so weit?

Ich glaube, früher als gedacht. Die Impfung ist ein europäisches Erfolgsmodell. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie wir zu Impfdosen gekommen wären, hätten wir das nicht im Verbund der EU und mit der Marktmacht Europas organisiert. Klar ist, dass Hauptrisikogruppen Priorität haben. In einem zweiten Schritt sollen dann die Mitarbeiter des Gesundheitssystems geimpft werden können. Impfstrategie und -logistik sind de facto fertig. Wir wollen so aufgestellt sein, dass wir theoretisch mit 1. Jänner beginnen können zu impfen.

Sie sind auch für die Pensionen zuständig. Der Zuschuss, den der Bund hier leistet, wird zwischen 2018 bis 2024 von neun auf mehr als 14 Milliarden Euro steigen. Braucht es da nicht sehr bald eine ordentliche Reform?

Wir haben mit dem Frühstarterbonus (statt der Hacklerregelung) einen ersten Schritt zu mehr Fairness gemacht. Meine Priorität 2021 wird sein, dass mehr Fairness hineinkommt. Da geht’s um mögliche Pensionsprivilegien, es geht vor allem aber um die Bekämpfung der Altersarmut. Aber keine Sorge: Ich bin kein Freund von Schnellschüssen, wir werden uns das in Ruhe und unter Einbindung aller Betroffenen anschauen.

Sie haben heute runden Geburtstag, die Feier fällt aus. Traurig?

Ich bin zwar kein Partytiger, aber ich wollte eigentlich ein Fest machen. Das hol’ ich jetzt beim 61er nach. Mein Luxus ist die Zeit: Ich freue mich auf einen freien Abend. Im vergangenen Jahr hatte ich drei freie Tage. Insofern freue ich mich riesig darauf, dass ich Samstagabend mit meiner Partnerin etwas koche, ein Flascherl Wein aufmache – und wir endlich einmal wieder Zeit zum Reden haben.

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