Politik | Inland
12.02.2017

"Als Theologe sage ich die Wahrheit"

Der türkische Religionsattaché und ATIB-Präsident Fatih Mehmet Karadas wehrt sich gegen Spionagevorwürfe.

KURIER: Es wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie für die türkische Regierung Landsleute hier in Österreich mithilfe des Moscheevereins ATIB ausspioniert haben sollen. Sind Sie ein Spion?

Fatih Karadas: Wäre ich vom Geheimdienst, würde ich geheim arbeiten und der österreichische Verfassungsschutz das auch wissen. Die Vorwürfe von Peter Pilz sind völlig falsch.

Peter Pilz hat aber ein Schriftstück vom türkischen Religionsamt (Diyanet) vorgelegt, das nach dem Putsch im vergangenen Jahr an Botschaften weltweit verschickt wurde. Darin wird gefordert, dass man Personen und Organisationen, die möglicherweise der für den Putsch verantwortlich gemachten Gülen-Bewegung nahe stehen, den türkischen Behörden melden sollte. Haben Sie die Anweisungen befolgt und über den Verein Personen bespitzelt?

Nein, keinesfalls! Wir haben nicht in der Privatsphäre von Personen Nachforschungen betrieben, das würden wir nicht tun. Aber wenn es darum geht, dass eine terroristische Bewegung mit einem religiösen Konzept für den Putsch verantwortlich war, bei dem 246 unschuldige Menschen ermordet wurden, dann ist es unsere Pflicht, aus religiöser Sicht Untersuchungen vorzunehmen, ob nicht auch hier in Österreich türkischstämmige Mitbürger von Gülen beeinflusst und missbraucht oder radikalisiert wurden und auch hier eine falsche Glaubenslehre verbreitet wurde.

Sie haben also im Namen der Religion und nicht auf politisches Geheiß Nachforschungen betrieben?

Es ist unbestritten, dass die Gülen-Bewegung mit Terrororganisationen wie dem IS oder der PKK gleichzusetzen ist. Deswegen ist es für uns völlig legitim, zum Schutz unserer Mitbürger und zum Schutz der österreichischen Bevölkerung Untersuchungen vorzunehmen und Berichte zu erstatten. Nicht aber Nachforschungen. Das ist etwas anderes.

Wurden Personen und Organisationen den türkischen Behörden gemeldet? In Deutschland haben Imame von Ihrer Schwesterorganisation DITIB nachweislich Personen denunziert, das ist auch dokumentiert.

Nein, wir haben in einem Bericht die Bewegung und die Aktivitäten hier erklärt. Das sind alles Informationen, die öffentlich, auch in Medien, zugänglich und nicht geheim sind. Ein Spitzel sucht im Geheimen und Vertraulichen, nicht im allgemein Bekannten. Und in Österreich hat kein Imam Personen gemeldet, das würden wir nicht dulden.

In einem Schreiben Ihres türkischen Attachés in Salzburg, das ebenfalls vorliegt und das in ihrem Namen den türkischen Behörden in Ankara übermittelt wurde, klingt das anders. Darin heißt es sinngemäß, dass von ATIB verdächtige Personen, die möglicherweise Gülen nahestehen, ausgeforscht wurden und dass man Maßnahmen getroffen hat, deren Einfluss zu minimieren. Es wird auch angeführt, dass verdächtige CDs, Bücher, Schriften etc. vernichtet wurden. Das nennt man landläufig Bespitzelung.

Ich wiederhole, in der Anfrage von Diyanet ging es ausschließlich um eine religiöse Einschätzung der Gülen-Bewegung in Österreich, und nicht um die Bespitzelung von einzelnen Personen.

Man könnte meinen, Sie setzen sich den religiösen Hut auf, agieren aber im Sinne des türkischen Präsidenten und der AKP.

Österreich ist ein freies Land, Sie können glauben, was Sie wollen. Behaupten kann man schnell etwas. Solange es aber bei einer Behauptung bleibt, ist der Wahrheitsgehalt fraglich. Ich bin Theologe und kein Politiker und spreche die Wahrheit, ich analysiere die Gefahren aus rein religiöser Sicht.

Wenn Sie als ATIB-Präsident jegliche politische Einflussnahme abstreiten, möchte ich nochmals Ihren Attaché in Salzburg zitieren. Er schreibt, dass Imame der türkischen Jugend nationale und geistige Werte vermitteln sollen. Das klingt nach einem politischen Auftrag.

Mit national ist nicht nationalistisch gemeint, sondern es werden Werte der Türkei, aber auch von Österreich gelehrt, das steht in unseren Gründungsurkunden. Das hat nichts mit Politik zu tun. Und natürlich haben wir eine Art geistige Verbundenheit mit dem Diyanet, und wir profitieren von den geistigen Kenntnissen dieser Organisation. Die Türkei ist auch das einzige muslimische Land in der Region, das nicht religiös radikalisiert wurde. Unsere Imame haben im Unterschied zu anderen Einrichtungen ausschließlich einen Hochschulabschluss.

Trotzdem wird ATIB den Verdacht nicht los, die Politik nicht klar von der Religion zu trennen. Es heißt auch, dass Sie als Botschaftsattaché und ATIB-Präsident die Bestellung des neuen IGGÖ-Präsidenten Ibrahim Olgun angeordnet haben.

Das ist falsch. ATIB trennt, wie im Gesetz vorgesehen, die Religion von seinen sozialen und kulturellen Aufgaben. Das sind zwei völlig getrennte Einrichtungen. Und der neue IGGiÖ-Präsident ist Österreicher, er kann im Gegensatz zu seinen Vorgängern gut Deutsch, er ist Theologe und wurde von der Mehrheit gewählt. Was ist so schlimm daran, dass er von ATIB kommt und nicht von der Muslimbruderschaft?

Eine Unvereinbarkeit Ihrer Tätigkeiten als Angestellter des türkischen Staates und als Präsident eines österreichischen Moscheevereins sehen Sie also nicht?

Nein, ATIB ist kein Moscheeverein. Das machen die Kultusgemeinden. Das ist von beiderseitigem Vorteil.

ATIB wurde jahrelang von der Türkei aus finanziert, seit dem neuen Islamgesetz ist das verboten, wer zahlt Ihre Imame jetzt?

Der Verein selbst, wir finanzieren uns über unsere Mitglieder. Wir sind also unabhängig.

Peter Pilz behauptet, dass ATIB nach wie vor jährlich Millionen aus der Türkei bezieht.

Das muss er uns bitte genau erklären, wie wir dieses Geld unbemerkt an der Finanz vorbeischleusen sollten. Wir betreiben auch keine Schulen wie andere religiöse Einrichtungen, noch haben wir Liegenschaften ohne Kredit. Das ist absurd.

Sie werden in der Presse als religiöser Hardliner bezeichnet.

Wenn ich ein religiöser Hardliner wäre, würde ich meine Tochter nicht in ein katholisches Gymnasium schicken, sondern ihr ein Kopftuch aufsetzen.