Politik | Inland
21.01.2018

Akademikerball: "Freue mich, wenn jemand von der Regierung kommt"

Der Wiener FP-Gemeinderat Udo Guggenbichler organisiert seit 20 Jahren den Ball. Der Chef des Österreichischen Pennäler Rings (43) und der Burschenschaft Albia über Deutschtum und Antisemitismus.

KURIER: Am Freitag werden rund 3000 Polizisten für den Schutz von rund 2500 Gästen des Akademikerballs sorgen. Macht die Organisation angesichts dessen noch Freude?

Udo Guggenbichler: So, wie ich den Ball aus tiefster Überzeugung organisiere, so bin ich der Meinung, dass man das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht einschränken darf.

Wie ist dieses Sicherheitsaufgebot vor dem Steuerzahler zu rechtfertigen?

Ich verstehe die Kritik, aber es gab bisher 55 Bälle ohne Polizeischutz und Demonstration. Heuer feiern die Gegner das 10. Jubiläum der Ball-Demos. Fakt ist, dass die Kosten nicht wegen uns entstehen, sondern wegen der Gewalt, die wir jedes Jahr bei der Demo erleben.

Gibt es Gäste, die ob dieser Demos nicht mehr kommen?

Natürlich gibt es die auch. Es gab Jahre, in denen die Polizei wirklich Schwierigkeiten hatte, die Gäste zu schützen. Ich sage es ganz offen: Ich finde es feig, Damen in Ballkleidern mit Bierdosen und Steinen zu bewerfen.

Haben Sie je überlegt, mit dem Ball aufzuhören?

Nein. Man hat ja auch nicht überlegt, den Opernball der Demos wegen abzuschaffen. Früher zogen die Demonstranten vor die Staatsoper. Dann scheint es den Teilnehmern zu langweilig geworden zu sein, nur gegen den Kapitalismus auf die Straße zu gehen. Und jetzt demonstrieren sie gegen uns.

Die FPÖ Landesgruppe Wien organisiert offiziell den Ball, die FPÖ ist seit Dezember in der Regierung: Kommen heuer etwaig sogar mehr Gäste als früher?

Ich nehme ein verstärktes Interesse an unserem Ball wahr, das ist richtig. Aber nicht erst seit dem 18. Dezember, sondern seit der Demo im Jahr 2014, als am Graben und am Stephansplatz und vor Traditionslokalen wie dem Schwarzen Kameel randaliert und Vandale betrieben wurde. Damals hat ein Solidarisierungseffekt mit dem bürgerlichen Lager begonnen.

Haben Vizekanzler Heinz-Christian Strache, Minister Hofer oder Nationalratspräsidentin Kitzmüller ihr Kommen zugesagt?

Ich glaube, die Bundesregierung hat im ersten Monat ihrer Tätigkeiten wichtigeres zu tun, als mit mir zu telefonieren, ob sie auf den Ball kommen oder nicht. Ich freue mich, wenn jemand von der Regierung kommt, aber es gibt keine Verpflichtung für irgendwen.

Kommen internationale Gäste, die man kennt?

Das ist der Mythos...

...Marine Le Pen war schon Ihr Gast.

Ja. Ich wurde vor Kurzem von einer engagierten Journalistin gefragt, wie ich damit umgehe, dass Le Pen in Frankreich dafür kritisiert wird, dass sie am Ball war. Und in Österreich wird der Ball kritisiert, weil Le Pen da war. Wer ist die Henne, wer das Ei? Sind wir böse wegen Le Pen oder Le Pen wegen uns? Sachlich muss man sagen: Es gibt gegen uns keinen Vorwurf. Bei den Demonstranten gibt es über 1000 Anzeigen in den letzten zehn Jahren. Es gibt Verurteilungen wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Auf der anderen Seite gibt es eine Ballveranstaltung, die bei der letzten Steuerprüfung 10.000 Euro zurückbekommen hat.

Verstehen Sie, wenn man Ihnen und Ihren Gästen ein antiquiertes bis reaktionäres Geschichtsverständnis vorwirft?

Dafür habe ich Verständnis. Man kann auch der katholischen oder evangelischen Kirche antiquierte Traditionen und Geschichtsverständnis vorwerfen. Ich weiß nicht, ob das Hochhalten von Traditionsfahnen im 21. Jahrhundert hip ist, aber das ist uns egal. Ich habe auch Verständnis für die „Rosa Lila Villa“, obwohl nicht alles, was dort passiert ist, nach meinem persönlichen Geschmack ist. Ich würde nie zu Aktivitäten gegen sie aufrufen, wie das beim Akademikerball der Fall ist – wo in halb Europa mobilisiert und zu Gewalt aufgerufen wird, um gegen uns zu demonstrieren.

Was erwartet einen Gast auf dem Ball selbst?

Da höre ich gerne auf Mitarbeiter der Hofburg. Wenn Garderobendamen sagen, dass dieser Ball der eleganteste mit den angenehmsten und höflichsten Gästen ist, dann nehme ich das als Kompliment. Es ist ein ganz klassischer Nobelball mit einer Schwarz-Weiß-Eröffnung und einer Mitternachtseinlage. Sichtbarer Unterschied ist natürlich die studentische Tradition. Man sieht mehr bunte Hüte als auf anderen Veranstaltungen. Alles, was hineinmystifiziert wird, das ist Unsinn. Was soll auf einem Ball passieren? Man kann an der Bar stehen und reden.

Vielleicht wird am Akademikerball aber mehr politisiert als auf dem Opernball?

Vor Jahren hat sich ein Falter-Redakteur auf die Toilette zurückgezogen, um die Pissoir-Gespräche mitzuhören, und danach sagte er zu mir: „Es waren keine interessanten Gespräche.“ Ich mache den Ball seit 20 Jahren und erlebe ihn als Fest, an dem Studenten, die sich lange kennen, treffen.

Wird der Ball diesmal medienöffentlich sein?

Ich habe bis jetzt rund 60 Anfragen von Kamerateams. Wenn ich alle zulasse, hätte kein Gast mehr ein Ballvergnügen, sondern stolpert von einem Mikrofon ins nächste. Wir wollen niemanden ausschließen, weil wir nichts zu verstecken haben. Gleichzeitig wollen wir die Privatsphäre der Gäste wahren. Da eine vernünftige Entscheidung im Sinne der Pressefreiheit zu treffen, haben wir noch vor uns.

Der Akademikerball ist punziert, hat ein zweifelhaftes Image – auch, weil Sie sich der Öffentlichkeit nicht gestellt haben. War das ein Fehler?

Stimmt. Das ist meine Schuld, mein Fehler. Als No-WKR-Demos und NGOs sich anfangs gegen uns gestellt haben, haben wir uns nicht geäußert. Wir waren als Studentenverbindungen lange der Meinung: So lange keine öffentliche Institution gegen uns ist, müssen wir nichts tun. Seit ein paar Jahren versuchen wir das zu ändern, offen und öffentlich zu kommunizieren, weil wir nichts zu verstecken haben.

Was passiert, wenn ein ungebetener Gast am Parkett steht?

Alle Securities sind angehalten, sich um die Sicherheit der Gäste zu kümmern. Es sind schon Damen nach Hause geschickt worden, weil sie zu kurze Kleider anhatten. Langes Abendkleid ist Pflicht, andernfalls bekomme ich 100 Briefe von Damen, die sich an die Kleiderordnung gehalten haben. Zudem: Ich kenne unter 2500 Gästen nicht alle Wald- und Wiesenpolitiker rechts der Mitte persönlich. Einmal fuhr ein Ballgast von Düsseldorf nach Wien und hörte, dass vier Mitreisende auch zum Ball wollten, um diesen als Gäste zu stören. Aufgrund der Personenbeschreibung konnten wir sie am Eingang zurückweisen.

Die Hysteria will zwei Ballkarten verlosen und hat eine Mitternachtseinlage angekündigt.

Sie haben bereits letztes Jahr eine Einlage gemacht. Wenn sie eine Fahne auf der Tanzfläche hissen ist mir das lieber, als wenn in der Stadt Steine fliegen. Man muss dazu sagen: Die Hysteria ist in einem Förderungsfonds und bekommt 100.000 Euro für ein Kunstprojekt von der Stadt Wien. Ob es legitim ist, mit öffentlichen Mitteln private Veranstaltungen zu stören, das stelle ich allerdings in Zweifel.

Viele FPÖ-Regierungsmitglieder und Kabinettsmitarbeiter bis hin zu Pressesprechern sind Mitglied einer Burschenschaft, werden dafür auch teils heftig kritisiert. Burschenschaft zu sein heißt auch, sich der FPÖ zugehörig zu fühlen?

Nein, ganz im Gegenteil. Bei uns wird penibel darauf geachtet, dass die Partei auf den Buden keine Veranstaltungen macht. Die Burschenschaft selbst ist unpolitisch. Es gibt Bundesbrüder, die ein ÖVP-Parteibuch haben. Natürlich haben wir auch Diskussionsabende, zu denen Politiker eingeladen werden. Warum darf ein Kabinettsmitarbeiter nicht bei einer Burschenschaft sein: Gibt es ein Berufsverbot für Vereinsmitgliedschaften?

Wie viele Menschen gehören in Österreich einer schlagenden Verbindung an?

Ich bin der Vorsitzende des österreichischen Pennäler-Rings, dem 60 Verbindungen angehören. Die akademischen Burschenschaften sind in keinem Dachverband organisiert, sondern sind in den Universitätsstädten Leoben, Salzburg, Innsbruck und Linz. Es wird öffentlich immer verkürzt dargestellt: Es gibt schlagende und nicht-schlagende Verbindungen, Schüler- und Studentenverbindungen, dann den Wiener akademischen Turnverein, der nicht pflichtschlagend, dafür politischer ist. Deshalb kann man keine Zahlen nennen. Die Albia hat 100 Mitglieder ab 18 Jahren.

Wie viele Studenten wollen pro Jahr zu Ihnen – zehn?

Nein, das wäre viel zu hoch. Das kann ich pauschal nicht sagen. Wir haben in Wien Verbindungen mit acht, 20 oder 100 Mitgliedern. Die Wiener Verbindungen sind sehr individuell. Wir legen Wert auf Benehmen, machen traditionell Tanzkurse. Die Olympia ist traditionell politischer.

Was bringt einem jungen Mann eine Burschenschaft-Mitgliedschaft?

Die Beweggründe sind so individuell wie die Verbindungen. Mir hat der Gemeinschaftssinn gefallen. Menschen lernen einander auf der Uni kennen, sind neu in einer Stadt, verstehen sich, versuchen Kontakte zu knüpfen. Oft nimmt auch jemand hier Studentenzimmer, und lernt so die Verbindung kennen.

Der Sitz der Albia ist in einem herrschaftlich schönen Haus im vierten Bezirk. Wie finanziert sich die Verbindung?

Durch Mitgliedsbeiträge. Derzeit sind das 70 Euro pro Monat. Zudem vermieten wir Studentenzimmer um 5 Euro pro Quadratmeter.

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen, um Burschenschafter zu werden? Kann ich als ausländischer Student auch zur Albia?

Natürlich. Wer Mitglied wird, das entscheidet der Konvent. Das ist von Bund zu Bund, von Konvent zu Konvent verschieden.

Auf der Albia-Homepage: „Wir sind der Ansicht, dass der bei weitem überwiegende Teil der in Österreich lebenden autochthonen Bevölkerung kulturell und abstammungsmäßig dem deutschen Volk angehört und bekennen uns zu diesem.“

Der Deutschtum-Begriff kommt von 1815, der Urburschenschaft, der Zeit, als Napoleon sich Europa zu eigen machte. Die Burschenschaft hatte die Einigung der deutschen Studenten zum Ziel. Das hat nichts mit verbrecherischen Regime am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun. Menschen mit bedenklichen Einstellungen gab es bei allen Vereinen über alle Ideologien hinweg. Einem gemeinsamen Kulturkreis anzugehören oder sich ihm zugehörig zu fühlen, ist per se nicht böse. Alle Burschenschaften bekennen sich zur Republik Österreich und alle sind im Vereinsregister eingetragen, haben Satzungen und fühlen sich der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet.

Wie gehen Sie jetzt mit Menschen mit bedenklichen Einstellungen auf der Bude um?

Menschen, die eine extreme politische Haltung haben, könnten wegen der medialen Berichterstattung glauben, dass sie bei uns eine Heimat finden. Diese werden sie bei uns aber nicht finden.

Die israelitische Kultusgemeinde will keinen Kontakt zur FPÖ. Gilt das auch für Burschenschaften?

Theodor Herzl war Mitglied der Albia. Wir wurden von der Kultusgemeinde gefragt, ob wir Ausstellungstücke haben und haben ihnen diese natürlich gegeben. 1880 gab es antisemitische Strömungen, so wie in den 1930ern. Ich verspüre keinen Antisemitismus auf der Bude, wohl aber im Alltag, was mehr mit dem Islam zu tun hat als mit Österreichs Geschichte. Antisemitismus darf in der Gesellschaft keinen Platz haben.

Rechtsradikales hat auch keinen Platz auf der Bude?

Nein. So etwas ist mir bei uns auch noch nie unterkommen. So jemand kann auch nicht Teil unserer Verbindung sein. Beschließt der Konvent, dass jemand aufgenommen wird, dann ist er erst einmal für zwei Semester Fuchs, dann für drei Semester Bursch. Als Fuchs trägt man einen Deckel, als Bursch die Couleur. Dafür muss er aber die achtstündige Burschenprüfung bestehen.

... und die Prüfung beinhaltet was?

Man muss ein Referat gehalten haben, geprüft wird die Geschichte der Verbindung, die Fechtordnung muss absolviert werden, bis hin zu einem Word-Kurs, weil er auch Schriftführer sein können muss. Bei schlagenden Verbindungen wird eine Mensur gefochten. Wenn man das bestanden und Studienerfolge erbracht hat, dann ist man nach zwei bis drei Semestern Bursch und sitzt am Konvent.

Wer die Prüfung nicht besteht oder keinen Studienerfolg erbringt, der wird ausgeschlossen?

Nein, es gibt einen Studienkonvent, am Ende des Semesters wird besprochen, ob du deine Ziele erreicht hast. Es gibt auch Nachfristen, auch das entscheidet demokratisch der Konvent.

Gibt es Rituale?

Wir pflegen den traditionellen Ritus. Konvente, Kneipveranstaltungen, die drei bis vier Mal im Semester stattfinden. Die Kneipveranstaltung entspricht dem alten, studentischen Ritus aus dem 19. Jahrhundert. Es werden Reden gehalten, alte Lieder gesungen wie „Die Gedanken sind frei“, dann gibt es ein Kolloquium, einen Vortrag, am Ende singen wir oft „O alte Burschenherrlichkeit“.

Wird auch das „Lied der Deutschen“ gesungen?

Ja, aber nicht aus Gründen des Nationalsozialismus, sondern wegen der historischen Entwicklung. Schwarz-Rot-Gold, die jetzigen Farben der Deutschen, sind ja sehr verwoben mit der burschenschaftlichen Geschichte. Das waren immer die Farben demokratischer Bewegungen.

Die AfD und die Identitären suchen die Nähe zu Verbindungen. Wie gehen Sie damit um?

Ich muss damit nicht umgehen. Geht einer von uns auf eine Demo der Identitären, kann er das tun, denn ich kann niemanden das Demonstrationsrecht absprechen. Es hängt immer vom Konnex zur Verbindung ab. Wer das Gesetz verletzt, und damit ist nicht wie immer unterstellt das Verbotsgesetz gemeint, sondern auch das Vereinsgesetz, wer also beispielsweise wegen Körperverletzung straffällig wird, der wird sofort suspendiert. Bei der nächsten demokratischen Sitzung wird entschieden, wie mit dem Delikt umzugehen ist.

Wie oft kommt es zu Ausschlüssen?

Selten. Es kommt eher vor, dass Mitglieder austreten, weil sie den zeitlichen Aufwand mit universitären Verpflichtungen nicht vereinbaren können. Fechten ist mit Trainingsaufwand und Gemeinschaftspflege mit viel Zeit verbunden.

Apropos Fechten: Viele Menschen verstehen die Mensuren, bei denen es zu sichtbaren Verletzungen kommen kann, nicht.

Das kann ich durchaus nachvollziehen. Es steht jedem frei, zu einer schlagenden Verbindung zu gehen oder zu einer anderen, die diese Tradition nicht vorsieht. Fechten ist als Mutprobe und Selektion gedacht. Das Interessante am Fechten ist: Es ist für den Alten wie für den Jungen eine Herausforderung. Aufgrund der gemeinsamen Erfahrung wird der Generationenkonflikt oft überwunden.