Windpark in Neusiedl am See

© Kurier / Gerhard Deutsch

Politik Inland
03/21/2021

Was Energiewende eigentlich heißt: "Ab 2030 darf es keine Benzinautos mehr geben"

Damit das Regierungsziel Klimaneutralität eingehalten werden kann, wird sich die Art, wie wir leben, radikal ändern.

von Bernhard Gaul

Österreich, so hat es Bundeskanzler Sebastian Kurz vor einem Jahr angekündigt, soll bis 2040 klimaneutral sein. „Das ist vernünftig und richtig“, sagt der renommierte Wirtschaftsprofessor Karl Aiginger. „Das heißt aber auch: Es darf ab 2030 kein Auto mehr geben, das mit Benzin oder Diesel betrieben wird. Und keine Häuser und keine Wohnungen, die mit Gas oder Öl heizen. Und alle Häuser und Bürogebäude sollten möglichst rasch thermisch saniert werden. Ich fürchte, diese Botschaft ist bei den Menschen noch nicht angekommen.“

Warum schon 2030?

„Weil es am Weg immer kleine Havarien gibt, da brauchen wir einen Spielraum. Wenn wir 2040 klimaneutral sein wollen, können wir ja nicht im November 2039 beginnen. Das Wichtigste ist: Wir haben alle technischen Lösungen, die man dafür braucht, Fotovoltaik, Luft- oder Erdwärmepumpen, Pelletsheizungen und in den Städten Fernwärme.“

Geophysiker und Klimatologen haben festgestellt, dass  die Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl oder Erdgas die CO2-Konzentration  in der Atmosphäre erhöht und so die natürliche Wärmeabstrahlung ins Weltall behindert wird. Das  wirkt wie das Glas in einem Treibhaus, die Folge ist, dass sich das Klima erwärmt. Zwar gab es schon kältere und wärmere Perioden in der Erdgeschichte, aber noch nie einen derart rasanten Klimawandel, der zu Artensterben,  Wetterextremen  wie Überschwemmungen oder Dürren und Eisschmelze führt.

Müssten dann nicht 600.000 Ölheizungen und 900.00 Gasheizungen ersetzt werden – also ab sofort 70.000 Heizungssysteme pro Jahr ausgetauscht werden? „Das mag eine große Aufgabe sein, sie ist aber bewältigbar. Auch die Fachkräfte, die dafür beauftragt werden müssen, haben wir derzeit noch nicht alle. Und wir haben auch zu wenig Lehrstellen und müssen schauen, dass es in diese Richtung geht.“ Neue Qualifikationen zu erwerben sollte außerdem mit der Unterstützung von Kurzarbeit kombiniert werden, meint Aiginger: „Das wäre ein doppelter Gewinn.“

Zum gleichen Schluss kommt eine Studie vom Dezember 2020 im Auftrag der MA 20 in Wien: „Aus technischer Sicht liegen keine Gründe vor, dauerhafte Ausnahmen von einer Umstellung von Gasheizungen und -warmwasserbereitungen im Wiener Wohnhausbestand zulassen zu müssen“, so das Fazit der Studie, wie das bewerkstelligt werden kann.

Wir werden für Wärmepumpen und E-Mobilität und ohne Gaskraft mehr Strom brauchen – aber werden wir den auch haben? 

„Ja“, erklärt Prof.  Herbert Lechner von der Österreichischen Energieagentur dem KURIER.

„Wir werden 2030 ausreichend grünen Strom haben. Wir erzeugen derzeit etwa 55 Terawattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien, vor allem aus Wasserkraft, dazu sollen bis 2030 weitere 27 Terawattstunden dazukommen, vor allem aus Windkraft und Photovoltaik. Das halten wir grundsätzlich für machbar, schließen aber nicht aus, dass wir noch mehr Erneuerbare Energie benötigen werden, und das Ziel noch erhöht werden muss. Am Ende wird das weniger eine finanzielle Frage, dass wir uns die Umstellung leisten können, sondern eine Frage der Akzeptanz, wo man Windparks und Photovoltaikanlagen  bauen kann. Das Potenzial für mehr ist- unterschiedlich je nach Bundesland - in Österreich vorhanden.“

 

In der Regierung ist Leonore Gewessler im Klimaschutzministerium dafür zuständig. Erst am Mittwoch legte sie mit dem Erneuerbaren Ausbau-Gesetz den Pfad fest, wie die Stromversorgung bis 2030 (fast) nur noch aus Erneuerbaren Energien, vor allem Windkraft und Fotovoltaik, sichergestellt werden soll. Die Windkraft-Industrie rechnet damit, dass zu den bestehenden 1.300 Windkraftanlagen etwa 700 dazukommen, indem vor allem ältere Anlagen vergrößert werden, damit das Ziel erfüllt werden kann.

Zudem muss die Stromleistung aus Fotovoltaik-Modulen bis 2030 verzehnfacht werden: Dazu ist das „Eine Million-Dächer“-Programm bis 2030 vom Klimaministerium bereits angelaufen, das zum Ziel hat, auf allen Dächern, wo das möglich und sinnvoll ist, Fotovoltaik-Module zu installieren. Die Häuser werden für ihre Bewohner also für einen Großteil des Jahres den Strom selbst erzeugen können. Als billige Stromspeicher könnten dann alte Batterien aus Elektroautos verwendet werden, die an Kraft verloren haben.

Energie-Effizient-Gesetz, Klimagesetz

Gewesslers nächstes Projekt im April betrifft das Energieeffizienz-Gesetz, in dem es darum geht, wie Energie drastisch eingespart werden kann. Ein Beispiel dafür ist die Sanierungsoffensive für Gebäude samt Förderungen.

Vor dem Sommer soll außerdem das neue Klimagesetz im Parlament beschlossen werden, in dem es unter anderem um klare Vorgaben für Bund und Bundesländer gehen wird, wie die -Emissionen bis 2030 reduziert werden sollen.

Im Herbst will Gewessler dann die Wärmestrategie vorlegen, in der es vor allem um das eingangs beschriebene Aus für Ölheizungen (bis 2035) und Gasheizungen (spätestens bis 2040) gehen wird. Und als wäre das alles nicht bereits umstritten genug, will die Klimaministerin gemeinsam mit Finanzminister Gernot Blümel bis Jahresende die ökosoziale Steuerreform beschließen lassen.

CO2 bekommt einen Preis, der jedes Jahr steigen wird

„Da wird beschlossen, dass einen Preis bekommen wird, der jedes Jahr ansteigt. Verstehen werden das die Menschen beim Benzin, der Preis hängt dann nicht mehr nur von den Kursschwankungen am Weltmarkt ab, sondern fossile Treibstoffe werden jedes Jahr teurer werden“, erklärt Aiginger das Projekt, das auch er als Wirtschaftswissenschafter seit vielen Jahren propagiert.

Außerdem sieht er einen großen Nutzen für Österreichs Volkswirtschaft durch die Energie-, Strom und Wärmewende. Das beginne damit, dass Österreich Patente habe, die breit genützt und durch die auch neue Produkte entwickelt werden können. Dann würden am Ende nicht mehr, wie jetzt, acht bis zehn Mrd. Euro für Energieimporte nach Russland und Kasachstan gehen, und es seien auch positive Effekte für den Arbeitsmarkt zu erwarten.

Zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle Studie der Kepler-Uni Linz: „Alle betrachteten Technologien zur Energieproduktion und Speicherung generieren in den nächsten zehn Jahren durch damit ausgelöste Investitionen im Umfang von circa 4,5 Milliarden Euro pro Jahr eine Erhöhung des Bruttoinlandproduktes um durchschnittlich circa 9,8 Milliarden Euro pro Jahr. Durchschnittlich könnten zusätzlich mehr als 100.000 Arbeitsplätze pro Jahr geschaffen werden“.

PRÄSENTATION "ERNEUERBAREN-AUSBAU-GESETZ (EAG)": BRUNNER / KOGLER / GEWESSLER

Gewessler selbst sieht ebenfalls einen doppelten Nutzen: „Energiewende bedeutet Klimaschutz und auch stabile Wirtschaft und sichere Arbeitsplätze. Denn beim Umstieg auf Erneuerbare Energie entstehen die Klimajobs der Zukunft.“ Die Fotovoltaik-Anlage montiere ein Elektriker-Betrieb aus der Region, den alten Ölkessel tausche ein örtlicher Installationsbetrieb in ein sauberes Heizsystem. „Bis zu 100.000 Jobs können wir mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2030 schaffen – das ist ein echtes Klimaschutz- und ein echtes Konjunkturprogramm.“

Arbeitsminister Martin Kocher bestätigt „in den genannten Sektoren erhebliches Beschäftigungspotenzial“. Einer der Schwerpunkte der Corona-Joboffensive im Ausmaß von 700 Millionen Euro sei daher der Bereich Klima und Umwelt, hieß es auf KURIER-Nachfrage. Zudem gebe es bereits Pilotprojekte in den Ländern, etwa zur Ausbildung von Solaranlagentechnikern.

Auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck geht auf KURIER-Nachfrage davon aus, dass die Energiewende „positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum, die Beschäftigung und Innovationskraft“ haben werde, und sie verspricht „durch die Modernisierung der Curricula und die Schaffung neuer Lehrberufe, etwa im Digital-, Klima- und Umweltbereich, den Lehrberuf fit für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts machen“ zu können.

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