Heimkind: "Habe Frieden geschlossen"

"Ich wollte nie so werden wie die Täter." Hermine Reisinger schreibt, malt und war lange in Therapie. Das habe ihr Leben abgerundet und einen zufriedenen Menschen aus ihr gemacht.
Foto: Georg Hurka

Hermine Reisinger ist als Pflege- und Heimkind in unvorstellbarer Gewalt aufgewachsen. Mit 42 begann sie ein neues Leben.

Möchten Sie Kaffee? Auch wenn ich mich mit dem Wiener Kaffee nicht messen kann", lacht Hermine Reisinger. Die freundliche kleine Frau empfängt uns in ihrer Wohnung außerhalb von Villach. Ihr offener Blick signalisiert Kontaktfreudigkeit. Das war nicht immer so: "Erst durch die Therapie bin ich zugänglicher geworden", erzählt sie.
Ihre Geschichte hat sie aufgeschrieben. Das Buch "Tote Kinderseele. Mein Weg zurück ins Leben" erscheint diese Woche.

Als sechstes Kind einer ledigen Mutter kam sie mit 32 Tagen ins Waisenhaus, mit sieben Monaten zu Pflegeeltern. Der Pflegevater tat ihr ab den ersten Lebensjahren schwerste sexuelle Gewalt an, die Pflegemutter misshandelte sie. Mit 12 war sie schwanger vom Pflegevater. Als sie sich weigerte, von einem Rohbau zu springen, um das Kind zu verlieren, wurde eine Abtreibungspille aus der Stadt besorgt. Damals hörte sie auf zu wachsen, erzählt sie. Sie hat Schuhgröße 35. Und Kinderhände.

Mit 14 durfte sie die Pflegefamilie verlassen, kam in Erziehungsheime, und obwohl sie auch dort geschlagen wurde, war das Heim für sie Schutz: "Ich konnte endlich ohne Angst schlafen." Mit 23 bekam sie nach einer Vergewaltigung eine Tochter, die bei Adoptiveltern aufwuchs. Sie selbst wurde Prostituierte, schwer alkohol- und drogenabhängig.

Mit 42 dann der Entzug - und der lange Weg in ein neues Leben. Heute ist Hermine Reisinger 60. Seit 1993 hat sie keinen Alkohol getrunken, seit 1997 nicht mehr geraucht. Das letzte Päckchen "Maverick" hat sie datiert und aufgehoben, als kleinen Triumph.
Sie hat ihre Tochter gefunden, ist heute Großmutter und pflegt den Kontakt zu den Adoptiveltern ihrer Tochter, denen sie unendlich dankbar ist. Sie lebt von ihrer Mindestpension und kämpft leidenschaftlich für die Rechte der Opfer.

KURIER: Sie lachen viel. Haben Sie Ihr Lachen nie verloren?
Hermine Reisinger:
Nein, das war immer da. Ich habe als Kind das Weinen verlernt und das Lachen gelernt, um aus der Situation Zynismus zu machen. Damit ich's ertragen kann, hab ich sie ausgelacht. Seither weine ich nicht mehr. Nur ein einziges Mal, bei der Therapie, nach drei Jahren, da haben sie mich soweit gebracht, dass ich bitterlich geweint habe. Da hab ich gesagt: "Ihr macht noch einen Waschlappen aus mir!" (Sie lacht laut, wie zum Beweis.)

"Ich wollte nie so werden wie die Täter." Hermine Reisinger schreibt, malt und war lange in Therapie. Das habe ihr Leben abgerundet und einen zufriedenen Menschen aus ihr gemacht. Foto: Georg Hurka "Ich wollte nie so werden wie die Täter." Hermine Reisinger schreibt, malt und war lange in Therapie. Das habe ihr Leben abgerundet und einen zufriedenen Menschen aus ihr gemacht.

Haben Sie nie geweint?
Bis fünf, sechs Jahre hab ich sehr viel geweint und gebetet, dass sie aufhören sollen, aber es hat mir nichts genützt. Ich hab keine Tränen mehr gehabt. Dann hab ich das radikal umgedreht, und aus mir ist ein Clown geworden.

Gibt es heute einen Ort, an dem Sie uneingeschränkt glücklich sind?
Hier in meiner Wohnung. Und an Seen, am Wasser. Reisen kann ich mir kaum leisten. Aber ich bin zufrieden, ich hab mein Leben abgerundet. Ich habe mit allen Frieden geschlossen.

Wie geht das angesichts dessen, was Ihnen Ihre Pflegeeltern angetan haben? Gibt es da Vergebung?
Nein. Ich hab Ihnen Ihre Seelen zurückgegeben. Und ich habe Ihnen die Verantwortung zurückgegeben. Das ging nicht von heute auf morgen. Ich hatte so viel Wut in mir! Meine Therapeutin bewundere ich. Was die aushalten musste! Ich verlange von Menschen sehr viel.

Ein Stück Ihrer Wut wird spürbar, wenn Sie über Ihren Kampf für Opferrechte und Opferschutz sprechen, oder wenn man Ihre Homepage (www.gegensexuellegewalt.at) liest.
Ja, es bringt mich in Rage, dass viel zu wenig für die Kinder getan wird. Ich will etwas bewegen. Die Verjährungsfrist muss abgeschafft werden. Und es geht nicht, dass die Fürsorge Deals mit den Tätern macht: "Geh freiwillig in Therapie, dann zeigen wir dich nicht an." Ich will auch erreichen, dass die Experten aufhören, Kinderschänder kleinzureden. Da heißt es: "Er hat in der Jugend so Schlimmes erlebt, dass er zum Täter geworden ist."

Sie selbst haben mehr Schlimmes erlebt, als man sich vorstellen kann und sind nicht gewalttätig geworden.
Weil ich nie so werden wollte, wie die Täter sind. Ich hatte zehn Jahre lang eine Selbsthilfegruppe, habe an die 100 Menschen betreut, darunter auch zwei Männer, und keiner von uns ist zum Täter geworden!

Wieso haben Sie die Selbsthilfegruppe aufgegeben?

Ich hab körperliche Schäden bekommen, weil ich Tag und Nacht mir diesen Fällen zu tun hatte. Mir tut die Seele heute nicht mehr weh, ich bin darüber hinweg. Aber ich fühle mit, weil ich weiß, wie es diesen Menschen geht.

Was raten Sie Betroffenen, die sich bis heute niemandem anvertrauen konnten?
Sie sollen schreiben. Schreiben hilft ungemein. Oder sie sollen es in Bilder packen, einfach malen, was sie nicht aussprechen können.

Sie selbst leben seit vielen Jahren in einer Beziehung mit einer Frau und sind glücklich. Wie war das mit Ihrer Geschichte möglich?
Wir leben eine Wochenendbeziehung. Sexlos. Sie ist sehr zerbrechlich, schüchtern. Ich glaube, sie ist der zweite Teil meiner Seele, der verletzte. Ich bin der robuste.

"Ich wollte nie so werden wie die Täter." Hermine Reisinger schreibt, malt und war lange in Therapie. Das habe ihr Leben abgerundet und einen zufriedenen Menschen aus ihr gemacht. Foto: Georg Hurka "Ich wollte nie so werden wie die Täter." Hermine Reisinger schreibt, malt und war lange in Therapie. Das habe ihr Leben abgerundet und einen zufriedenen Menschen aus ihr gemacht.

Was verbindet Sie in dieser sexlosen Beziehung?
Ich denke, dass wir füreinander bestimmt sind. Ich habe so viel in meinem Leben mit Sexualität zu tun gehabt. Da wem was vorzumachen, ist mir zu viel Arbeit (lacht). Wir haben eine geistige Ebene.

Können Sie sich vorstellen, je wieder eine sexuelle Beziehung zuhaben?
Sexualität hat für mich keinen Genussfaktor mehr. Der Körper reagiert, aber was kommt danach? Eine Beziehung, die auf Sex aufgebaut ist, ist nicht tragfähig.

Was wünschen Sie sich?
Eine kinderfreundlichere Gesellschaft. Dass die Kinder im Mittelpunkt stehen.

Lesung: 16.11. 2011., 20 Uhr, Villach, Dinzlschloss

(kurier) Erstellt am
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