Protest in front of Chancellery in Berlin

Die "deutsche Greta" Luisa Neubauer bei einer Demonstration der Fridays-for-Future-Bewegung in Berlin. 

© EPA / ALEXANDER BECHER

Politik Ausland
01/16/2020

Ziviler Ungehorsam: Die Klimajugend verschärft den Ton

Fridays for Future sucht nach Strategien, um in Zukunft spürbare Erfolge zu erzielen. Ein Problem dabei: Die Bewegung ist nicht straff organisiert.

von Paul Maier, Lukas Kapeller, Michael Hammerl

Die Bewegung „Fridays for Future“ fängt in Österreich damit an, die größten „Klimasünder“ nun konkreter beim Namen zu nennen. Neben Politikern sind das in erster Linie große Unternehmen. So versammelten sich Ende November rund 100 junge Aktivisten vor der OMV-Zentrale in Wien. Die Botschaft an die rund 20.000 OMV-Mitarbeiter: „Ihr verdient einen grünen Job.“

Auch die Klimaziele der neuen türkis-grünen Regierung sind dem österreichischen Ableger der einst in Schweden gestarteten Schülerbewegung zu lasch. Mit einer Ökologisierung des Steuersystems ab 2022 könne das Ziel – die Begrenzung der Erderwärmung um 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit – nicht eingehalten werden, heißt es.

Allerdings steht nun eben nicht mehr nur die Politik im Fokus der jungen Klima-Aktivisten – sondern auch Firmen.

Ein zentraler Punkt, um die Klimaziele zu erreichen: die Forcierung der E-Mobilität. Deshalb nutzt die Bewegung ihre morgige Freitagsdemo – sonst ein Schulstreik vor dem Parlament –, um gegen die Vienna Autoshow in der Messe Wien zu protestieren.

Ein direkter Appell an die Automobilindustrie also. Ist das auch die künftige Strategie von Fridays for Future – Firmen direkt in die Pflicht zu nehmen?

Firmen statt Regierung

„Wir schauen, wo man am wirksamsten sein kann. Das sind neben der Politik auch Wirtschaftsträger. In Österreich wollen wir konkret die OMV stärker adressieren. Andere werden vielleicht auch noch zum Thema“, sagt die Studentin und Aktivistin Veronika Winter dem KURIER.

Die Grünen, die den Zielen der Bewegung nahe stehen, befürworten diese Art des Protests: „Es ist gut, dass Fridays for Future die größten Emissionsträger benennt und diese direkt adressiert. Sie zählen zu den Verursachern der Klimakrise“, sagt der grüne Umweltsprecher Lukas Hammer zum KURIER.

In Deutschland versucht Fridays for Future schon länger, einzelne Unternehmen unter Druck zu setzen. Die Berliner Fridays-for-Future-Aktivistin Franziska Wessel begründet diese Strategie so: „Wir haben 3,2 Millionen Leute mobilisiert, aber politisch ist einfach nichts passiert.“ Darum setze man nun auf kleinere Kampagnen – für schnelle Erfolge.

Diese Hoffnung hatten die deutschen Klima-Aktivisten jüngst auch bei Siemens. Der Münchner Konzern hielt aber trotz Gegenwinds daran fest, ein australisches Kohlebergwerk zu beliefern.

Wer die Fäden zieht

Trotz solcher kleineren Niederlagen wirkt das öffentliche Vorgehen der Bewegung oft professionell orchestriert. Zu professionell, monieren manche Kritiker und vermuten ein PR-Netzwerk hinter den Jugendlichen.

Ein genauerer Blick auf die Organisationsform der Klimaaktivisten offenbart das Gegenteil: Alleine in Österreich besteht die Bewegung aus 29 Ortsgruppen, geführt von ehrenamtlichen Mitgliedern, die sich basisdemokratisch organisieren. Große Sponsoren hat Fridays for Future Österreich laut eigenen Angaben keine – man finanziere sich über Einzelspenden.

Noch vertrackter ist die Organisationsstruktur des deutschen Ablegers. 700 Ortsgruppen, unzählige Arbeitsgruppen und über 1.000 Delegierte sollen bundesweite Mit- und Selbstbestimmung garantieren. Gleichzeitig kommt es immer wieder zu Streitereien, wenn ein Aktivist zu sehr in die Öffentlichkeit drängt. Luisa Neubauer ist das aktuellste Beispiel, von Medien auch als „deutsche Greta Thunberg“ gehandelt. Fehlt ein Aushängeschild wie Neubauer oder Thunberg, ist auch ziviler Ungehorsam eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen. Fridays for Future Österreich lehnt diesen „nicht ab“, wie Winter sagt.

Signal in der Schweiz

Das stellt Gesellschaft und Justiz vor neue Fragen, wie die Schweiz gerade zeigt. Dort steht das Thema, wie weit Klimaproteste gehen dürfen, im Mittelpunkt einer Debatte. Die Großbank Credit Suisse hat diese Woche eine juristische Niederlage eingesteckt. Ein Gericht bei Lausanne sprach zwölf Klimaschützer frei, nachdem die Bank sie wegen Hausfriedensbruchs angezeigt hatte.

Die prominenten Anwälte der Aktivisten sehen ein Urteil, das „in die Geschichtsbücher der Schweizer Rechtssprechung“ eingehen wird: Die Aktivisten wurden wegen eines „rechtfertigenden Notstands“ – der Klimakrise – freigesprochen.

Durchgeführt worden war die Aktion von Aktivisten der Schweizer Klimajugend, die sich als Teil der Fridays-for-Future-Bewegung sieht. Am 22. November 2018 packten zwölf Demonstranten in einer Credit-Suisse-Filiale in Lausanne ihre Tennisschläger aus, spannten ein Netz auf und simulierten ein Spiel.

Hintergrund: Klimaschützer kritisieren, dass die Credit Suisse den Kohleabbau und die Gewinnung anderer fossiler Brennstoffe mit Krediten finanziert. (Die Bank betont den geringen Anteil am Gesamtgeschäft.) Und die Credit Suisse sponsert den Schweizer Tennisstar Roger Federer.

Nun erkannte ein Schweizer Richter keinen Hausfriedensbruch der Klimajugend: Angesichts des drohenden und bereits festzustellenden Klimanotstands sei ihre Aktion „notwendig und angemessen“ gewesen. Die Credit Suisse ließ offen, ob sie gegen das Urteil berufen wird.

von Paul Maier, Lukas Kapeller und Michael Hammerl

Die Bewegung besteht hauptsächlich aus Schülern und Studenten. Ihre Wurzeln liegen in Schweden. Im August 2018 begann die damals 15-jährige Greta Thunberg gegen den Klimawandel zu protestieren, indem sie jeden Freitag öffentlichkeitswirksam die Schule schwänzte. Sie fand weltweit Nachahmer: Die Klimaschutzbewegung Fridays for Future formierte sich. Mittlerweile agiert sie global, in Kooperation mit gleichgesinnten Bewegungen und namhaften NGOs.