Nahrungsmittelhilfe für Frauen in Nairobi

© APA/AFP/LUIS TATO

Politik Ausland
03/30/2020

Zeitbombe Afrika in Zeiten der Coronavirus-Pandemie

Erreicht das Virus die Slums mit Millionen Bewohnern, kommt es zur Katastrophe. Medizinische Versorgung jetzt schon prekär.

von Walter Friedl

Kibera, auf Deutsch Dschungel, so nennt sich einer der größten Slums der Welt. Schon vor zehn Jahren schätzte die UNO, dass in dem rund 2,5 großen Moloch vor den Toren der kenianischen Hauptstadt Nairobi bis zu 700.000 Menschen leben. Dicht an dicht, Hütte neben Hütte. „Social distancing“ zur Eindämmung der Corona-Verbreitung? Fehlanzeige.

Nicht nur, weil es nicht dem Naturell der meisten Afrikaner entspricht, sondern weil es in dem Fall unmöglich ist. Und Kiberas gibt es zuhauf auf dem Kontinent mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern – der zur tickenden Zeitbombe wird.

Noch sind die Zahlen überschaubar (siehe Grafik), doch „wenn das Virus erst seinen Weg in die Slums gefunden hat, kommt es zur Katastrophe“, prognostiziert Susan Cleary, Gesundheitsökonomin im südafrikanischen Kapstadt. Dann könnte sich die Seuche wie ein Flächenbrand ausweiten. Jetzt schon sind 46 der 54 Staaten Afrikas betroffen – viele Experten befürchten, dass es wegen der wenigen Tests in Wahrheit viel mehr Corona-Fälle gibt.

155 Intensivbetten in Kenia

Kenia versucht, sich vehement gegen die Apokalypse zu stemmen. In Nairobi sind wie in Europa die Schulen schon länger geschlossen, jetzt auch Restaurants und Bars. Das Gesundheitssystem wäre einem massiven Ausbruch der Krankheit in keiner Weise gewachsen: In dem Land gibt es gerade einmal 155 Intensivbetten (in den öffentlichen Spitälern) – und das bei rund 50 Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: Österreich hat gut 2.600 für knapp neun Millionen Einwohner.

Der Mangel an medizinischer Schutzausrüstung ist wie überall in Afrika zudem viel eklatanter als im Rest der Welt.

Aufrufe, zu Hause zu bleiben, gehen oftmals ins Leere – und das ist der Realität geschuldet. Von Kairo bis Kapstadt und von Dakar (Senegal) bis Daressalam (Tansania) leben die Armen in vollgepferchten Vierteln.

Und sie sind in ihrem täglichen Überlebenskampf darauf angewiesen, auf Märkten, das Wenige, das sie haben, zu Geld zu machen. Auch die Vorsorgemaßnahme, sich oft die Hände zu waschen, ist meist unmöglich, fehlt es doch an Fließwasser, von Desinfektionsmittel ganz zu schweigen.

Auch kulturelle Spezifika könnten einen Turbo bei der Corona-Ausbreitung darstellen: So ist es etwa in Äthiopien Usus, von einem gemeinsamen großen Teller mit der Hand zu essen.

Junge Bevölkerung als Plus

Eine gewisse Abfederung der Corona-Misere könnten zwei Faktoren bewirken: Zum einen die höheren Temperaturen, unter denen sich das Virus nicht so gut ausbreiten könne, wie manche Experten meinen. Und die Tatsache, dass in Afrika nur gut drei Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre sind – diese Gruppe der besonders gefährdeten Menschen ist in Europa fast sechs Mal so groß.

Umgekehrt sind viele aufgrund von Armut und Nahrungsmittelmangels ausgezehrt und geschwächt – also wenig robust, das Virus abzuwehren.

Und es gibt auf dem Kontinent 37 Millionen Menschen, die HIV-infiziert sind (Stand 2018) und deshalb ein marodes Immunsystem haben.

Besonders alarmierend ist, dass Corona-Fälle mittlerweile auch in failed states (gescheiterte Staaten) registriert wurden, wo alle Strukturen, eben auch das Gesundheitswesen, zusammengebrochen sind. Wie etwa in Somalia, der Zentralafrikanischen Republik oder dem Kongo, der aktuell auch an einer zweiten Front zu kämpfen hat: Die grassierende Masern-Epidemie hat bereits mehr als 6.000 Menschenleben gefordert.

Wirtschaftlich ein Albtraum

Wirtschaftlich ist der Schaden für den Kontinent enorm – er lässt sich noch gar nicht abschätzen. Erste Keimlinge der Bemühungen einzelner Staaten, sich aus der tiefsten Armut zu strampeln, könnten durch den globalen „Lockdown“ wieder absterben – etwa in Ruanda oder Äthiopien, die auf einem guten Weg waren.

Auch die ökonomischen Schwergewichte Afrikas werden ins Trudeln geraten: Angola und Nigeria leiden unter dem Einbruch am Öl-Markt. Dort wird die Marke Brent derzeit um gut 25 Dollar pro Fass (159 Liter) gehandelt, zu Jahresbeginn waren es 66 Dollar. Und beim Industriegiganten Südafrika steht ebenfalls alles still. Im Tourismussektor, der für Einnahmen von rund 300 Milliarden Euro verantwortlich ist, wackeln 1,5 Millionen Jobs.

Menschlichkeit

Äthiopiens Premier, Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed, richtete angesichts der Dramatik einen eindringlichen Hilfsappell an die G 20: Es brauche schleunigst einen globalen Hilfsfonds für Afrika. Millionen Menschenleben stünden auf dem Spiel. „Jetzt geht es um echte Menschlichkeit und Solidarität.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.