Der bislang letzte Stierkampf in Palma, 2017

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Politik Ausland
08/09/2019

Wieder Stierkampf auf Mallorca: „Keine Kultur, sondern Tortur“

Die erste "Corrida" seit Aufhebung des Verbotes lässt die Emotionen hochgehen. Tradition trifft auf Tierschutz.

von Irene Thierjung

„Wetten, dass...?“ wurde bis 2013 sechs Mal aus dem „Coliseo Balear“ übertragen, Heidi Klum kürte hier vor drei Jahren „Germany’s Next Topmodel“. Heute, Freitag, dient die vor 90 Jahren eingeweihte Arena in Palma de Mallorca nun wieder ihrem eigentlichen Zweck: dem Stierkampf.

Um 21.30 Uhr soll das blutige Spektakel in der mallorquinischen Hauptstadt beginnen, in dessen Verlauf vier prominente Toreros mehrere Stiere töten werden. Die Karten für das groß beworbene Event kosten bis zu 130 Euro. 16 Stiere wurden eigens vom Festland auf die spanische Ferieninsel gebracht.

„Nationales Kulturgut“

Zwei Jahre hatte es keinen Stierkampf („Corrida“) mehr auf Mallorca gegeben, nachdem die Regierung der Balearen (zu denen u. a. Mallorca, Menorca und Ibiza gehören) die archaisch anmutende Tradition 2017 aus Tierschutzgründen verboten hatte.

Ende des Vorjahres hob das spanische Verfassungsgericht den Entscheid jedoch auf: Der Stierkampf sei nationales Kulturgut, nur die Zentralregierung in Madrid dürfe daher ein Verbot verhängen.

Einer, der sich über die Rückkehr des Stierkampfes nach Mallorca freut, ist Raul Arenas. „Mein Onkel hat mich mit zehn Jahren zu meinem ersten Kampf mitgenommen“, erzählte der 33-Jährige, der in Internet und Radio über Stierkämpfe berichtet, der Nachrichtenagentur dpa. „Von da an habe ich alles über diese Kunst in mich aufgesogen.“

Arenas kritisiert, dass das Verfassungsgericht zwar das mallorquinische Stierkampfverbot aufhob, zwei begleitende Entscheide der Regionalregierung aber bestätigte. Bei der heutigen Corrida dürfen daher keine Minderjährigen zusehen, in der mehr als 11.000 Menschen fassenden Arena ist Alkoholausschank verboten. „Diese Regeln machen es den Veranstaltern schwer, wirtschaftlich zu arbeiten“, meint Arenas.

Aida Cortecero stört das nicht – im Gegenteil. Sie kämpft mit ihrer Tierschutzgruppe „I.C.A. Animalista“ für ein endgültiges Ende des Stierkampfes auf Mallorca. Vor wenigen Tagen skandierten Dutzende Menschen vor dem Rathaus in Palma: „Das ist keine Kultur, sondern Tortur“. Für heute Abend sind weitere Proteste angekündigt, von Gegnern, aber auch Befürwortern des Stierkampfes.

Cortecero hatte gehofft, dass die Corrida aus technischen Gründen noch abgeblasen würde. Gestern gab die Stadtverwaltung aber Grünes Licht: Bei einer Überprüfung der Arena habe man zwar leichte bauliche Mängel festgestellt, diese rechtfertigten aber keine Absage.

Antike Stierkulte

Corridas haben in Spanien, Portugal, Südfrankreich und in historisch mit Spanien verbundenen Regionen seit Jahrhunderten Tradition. Ihre Ursprünge liegen vermutlich in antiken Stierkulten und sind nicht gänzlich geklärt. Für die stark ritualisierten Kämpfe werden Stiere in speziellen Zuchtbetrieben aufgezogen.

Auf Mallorca gab es bis vor einigen Jahren nicht nur in Palma Stierkämpfe, sondern auch in Inca, Alcudia und Muro. Im pittoresken Bergdorf Fornalutx findet einmal im Jahr das Fest „Correbou“ statt, bei dem ein Stier durch die engen Gassen getrieben wird. Vor der Verschärfung der Tierschutzgesetze 2017 wurden die Stiere getötet und das Fleisch an die Einwohner von Fornalutx verteilt. Nun dürfen die Tiere nach der Hatz wieder auf die Weide.