Politik | Ausland
05.11.2017

Spanien zwischen Stierkampf, Kolumbus und Francos dunklem Erbe

Der Streit um den Stierkampf ist nur Sinnbild für untote Konflikte.

"Was feiern wir da eigentlich? Völkermord und Unterdrückung?": Die Empörung, die da in den Leserforen einer spanischen Zeitung kürzlich hochkochte, hatte einen scheinbar harmlosen Anlass: Spaniens Nationalfeiertag. Der nennt sich ja – grob übersetzt – "Tag der Hispanität" und wird am 12. Oktober begangen, jenem Tag, an dem Christoph Kolumbus 1492 Amerika entdeckte. Für Spaniens Geschichte ein ebenso gewichtiges, wie auch schwieriges Datum. Es ist quasi das Gründungsdatum des spanischen Weltreiches . Und das ist für konservative Spanier bis heute Grundbaustein ihres Nationalstolzes. Liberale dagegen suchen oft hilflos ihre Identität abseits der Nachlassverwaltung eines Imperiums, das Spanien ohnehin in Armut, Elend und Rückschrittlichkeit zurückließ.

Doch anders als in anderen früheren Großreichen in Europa, wo man sich längst auf ein verträgliches Maß Nostalgie geeinigt hat, leidet Spanien weiterhin unter seiner nicht wirklich aufgearbeiteten Vergangenheit. Ein Grund dafür ist die faschistische Franco-Diktatur, die ja bis zu ihrem Ende in den 1970er-Jahren mit imperialen Versatzstücken und einer bizarr stilisierten spanischen Identität hantierte. Stierkampf und Flamenco, das war die Folklore, die man ohne Rücksicht auf die in Spanien so vielfältigen lokalen Traditionen landesweit in den Vordergrund stellte.

Stierkampf-Konflikt

Ein Grund, warum gerade der Stierkampf bis heute ein heikles Politikum ist, das jetzt in der Katalonien-Krise wieder hochkocht. Die Region hatte ja den Stierkampf schon vor Jahren verboten, vorgeblich wegen seiner Blutrünstigkeit, in Wahrheit aber, weil man sich von diesem spanischen Ritual distanzieren wollte.Entsprechend laut war der Aufschrei im übrigen Spanien. Konservative Zeitungen wie ABC prügelten in Leitartikeln die geschichts- und kulturlosen Katalanen.

Umso größer war dann der Jubel, als Spaniens Höchstgericht sich des Themas annahm und das Stierkampfverbot in Katalonien für verfassungswidrig erklärte. Für die Katalanen nur ein Grund mehr, das Spektakel weiterhin zu verbieten. Die Arenen von Barcelona bis Girona stehen weiterhin leer – und im übrigen Spanien schwenken Torreros in diesen Tagen unter dem Jubel des Publikums die spanische Nationalflagge.