Kaiser Naruhito und seine Frau Masako

© APA/AFP/KAZUHIRO NOGI

Politik Ausland
10/22/2019

Wie man einen Kaiser grüßt: Japans Tennō besteigt den Thron

Die Zeremonie in Tokio ist eine Meisterleistung des Protokolls. Für Österreich nimmt Präsident Van der Bellen teil.

von Martina Salomon

Wissen Sie, warum zwei Japaner so lange brauchen, um sich voneinander zu verabschieden? Ganz einfach: weil es unhöflich ist, sich als Vorletzter zu verbeugen. In diesem Ritual spiegelt sich auch die Hierarchie wider: Je weiter unten, desto tiefer muss man sich neigen.

Und wie begegnet man dem weltweit einzigen Kaiser, dessen Vorfahren sich angeblich bis ins siebente Jahrhundert vor Christus verfolgen lassen? Der neue japanische „Tenno“, Kaiser Naruhito, wird ja am Dienstag in einer großen Zeremonie in Tokio mit rund 200 Staatsgästen aus aller Welt offiziell gekrönt. Natürlich mit einer ganz besonders tiefen Verbeugung.

Wobei ihm der anwesende österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Hand geben wird (aber wohl plus kleiner respektvoller Verbeugung).

Bei Westlern akzeptierte auch der abdankende Kaiser Akihito, dass sie keine Ahnung von den reichlich komplizierten japanischen Höflichkeitsriten haben, und schüttelte Hände. Nicht-Japaner sprechen ihn übrigens mit „Your Majesty“ an.

Der Neue spricht gut Englisch mit sanfter Stimme, studierte wie seine Frau im Ausland (war mehrfach in Österreich) und wird sich von einem Händedruck auch nicht schrecken lassen.

Naruhito mit seiner Frau Masako...

... und 1987 mit seinem Vater Akihito (re.) und Großvater Hirohito (Mitte)

1989 starb Hirohito...

...1990 bestieg Akihito als Tenno den Thron

Naruhito als Baby mit seinen Eltern (1960)...

...und als Einjähriger

Der Kronprinz als Schüler 1975...

...und mit seiner Braut Masako 1993

Das Paar bei seiner Hochzeit 1993...

...bei der auch traditionelle Gewänder getragen wurden

Das japanische Kaiserhaus

Sein Großvater hingegen galt bis zum Augenblick, als er die japanische Niederlage im Zweiten Weltkrieg via Radio eingestehen musste, als gottgleich. Bis dahin war er quasi unsichtbar und entrückt.

Sein Sohn, der bisherige Kaiser Akihito, gab sich deutlich volksnäher und besuchte zum Beispiel 2011 gemeinsam mit seiner im Volk sehr beliebten Frau Michiko (eine Bürgerliche) Betroffene der Fukushima-Katastrophe. Dass er sich neben Menschen aus dem Volk sogar hinkniete, schockierte Traditionalisten.

Obwohl Japan in vielerlei Hinsicht ultramodern ist, haben sich die alten Rituale einer extrem hierarchischen Gesellschaft gehalten – in der auch Frauen, sobald sie Mütter sind, daheimbleiben und die „Herrscherinnen“ im Haus sein „dürfen“. Die Männer bekommen angeblich nur „Taschengeld“.

Keine Frau für den Thron

Selbstverständlich ist Frauen im konservativen Japan der Chrysanthementhron verwehrt. Nachdem Naruhito „nur“ eine Tochter hat, wird der nächste Kaiser wohl entweder sein jüngerer Bruder oder dessen noch sehr junger Sohn werden. Oder es gibt davor noch eine Verfassungsänderung.

Neue Zeitrechnung

Mit dem neuen Tenno beginnt in Japan jetzt eine neue Zeitrechnung, und zwar buchstäblich. Die Herrscherperiode nennt sich Reiwa, was in etwa „verordnete Harmonie“ bedeutet (die Europäer übersetzen es lieber mit „schöne Harmonie“). Wir befinden uns nun also im Jahr Reiwa 1, was in amtlichen Dokumenten vermerkt wird. Davor lag die Heisei-Ära, was so viel wie „Frieden erhalten“ heißt.

Ausgewählt wird der Name übrigens unter strenger Geheimhaltung. Ein Gremium aus neun Mitgliedern, darunter ein Nobelpreisträger, wurde für seine Beratungen in einem der Amtszimmer des Premierministers eingeschlossen. Keiner von ihnen durfte ein Telefon mit hinein nehmen. Außerdem wurde sichergestellt, dass der Raum nicht verwanzt ist.

Politisch mitreden kann der Kaiser nicht, er ist im Wesentlichen das moralische Gewissen der Nation. Seine öffentlichen Auftritte müssen von der Regierung genehmigt werden.

Die Japaner sind dennoch in Feierlaune. Der Dienstag wurde zum Feiertag ausgerufen. Die geplante Parade zur Krönung wird aus Respekt vor den Opfern der jüngsten Taifun-Katastrophe aber verschoben. Für den Korso war extra eine besonders luxuriöse Karosse der japanischen Autofirma Toyota angefertigt worden.

Angesichts des umständlichen Protokolls, das schon allein für den Empfang eines österreichischen Bundespräsidenten zelebriert wird, kann man sich in etwa ausmalen, wie lange es dauert und wie viele Menschen beschäftigt sind, um dem Kaiser standesgemäß, im richtigen Winkel und mit der angemessenen Verbeugung die Autotür zu öffnen. Vielleicht herrscht in Japan auch deshalb Vollbeschäftigung.

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