Jeanne Barseghian regiert jetzt Straßburg

© APA/AFP/FREDERICK FLORIN

Analyse
06/29/2020

Wie Grüne Frankreichs Rathäuser eroberten

Kommunalwahlen: Diskretion und Gründlichkeit als Erfolgsgarant. Jetzt wollen sie bei der Präsidentenwahl 2022 mitmischen.

von Danny Leder

Die neuen grünen Bürgermeister, die bei den Kommunalwahlen am Sonntag in fast allen größeren und einigen mittleren Städten Frankreichs ans Ruder gelangten, haben eine auffällige Gemeinsamkeit: dass sie nämlich bisher relativ unauffällig waren. Sieht man vom wiedergewählten grünen Rathausboss der Alpenmetropole Grenoble, Eric Piolle, ab, handelt es sich um Newcomer mit geringem Bekanntheitsgrad.

Aber gerade dieser Umstand, nicht zu den altbekannten Polit-Leithammeln zu gehören, erwies sich als Vorteil. Wenn man die Wahl-Erfolge der Grünen mit der gleichzeitigen Rekord-Enthaltung (60 Prozent) addiert, ergibt sich ein Mega-Trend für die Ablöse der Routine-Politiker. So konnte die in Straßburg gewählte 39-jährige Jeanne Barseghian den gegen sie gerichteten Vorwurf, ihre Diskretion sei Ausdruck mangelnder Autorität, geschickt umdrehen.

Bei der auf Umweltfragen spezialisierten Juristin stünden Kompetenz vor Prestigesucht, versicherte ihr ursprünglicher Vorgesetzter im franko-deutschen Öko-Projekt „Lebendiger Rhein“: „Sie ist die verkörperte Gründlichkeit. Wenn sie behauptete, auf einer Eisscholle gebe es 4.512 Pinguine, dann hat sie sie auch gezählt.“

„Es gibt Lösungen“

Die Wähler dürften auch die harte Zielstrebigkeit der Vegetarierin Jeanne Barseghian honoriert haben. In einer Fernsehdebatte warf sie ihren Rivalen „einen Konsens der Unbeweglichkeit“ vor. „Weil die Dinge kompliziert sind, sagen sie dauernd, später, später. Genau das hat in Straßburg zu einer der schlimmsten Luftverschmutzungen geführt. Aber es gibt Lösungen.“

Eine ähnliche Mischung zwischen Sachlichkeit und unaufgeregter Handlungsbereitschaft prägt das Image des 46-jährigen Grégory Doucet, der in Lyon das Rathaus übernimmt, und seines Kumpans, des 48-jährigen Bruno Bernard, der den Vorsitz für die Großregion Lyon mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern errungen hat. Doucet ist Handelshochschul-Absolvent und Manager humanitärer Organisationen. Bernard ist Boss einer Firma für Asbest-Entfernung.

Umsetzung wird schwierig

Beide konnten in der bekannten Gastronomie-Metropole davon überzeugen, dass ihre Pläne dem französischem Wirtschaftsstandort nützten würden. Das sind freilich zunächst Absichtserklärungen, deren Umsetzung in einem heiklen sozialen Umfeld und an sehr widersprüchlichen Erwartungen, etwa der unterschiedlichen linken Verbündeten der Grünen, scheitern könnten.

So klafft ein Abgrund zwischen der Sehnsucht der innerstädtischen Bildungsschichten nach Verkehrsberuhigung und den Existenzängsten der Vor- und Klein-Städter, die auf ihre Privatautos angewiesen sind und von der aktuellen Wirtschaftskrise am härtesten getroffen wurden.

Dritte Kraft

Darüber hinaus hegen die Grünen nunmehr hochfahrende Pläne für die Präsidentenwahlen 2022: Sie hoffen als führende Kraft eines neuen Linksbündnisses sowohl Präsident Emmanuel Macron als auch der rechten Nationalistin Marine Le Pen den Rang abzulaufen – aber das erscheint, zumindest einstweilen, schon noch sehr weit gedacht.

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