© REUTERS/AARON P. BERNSTEIN

Interview
11/22/2020

Wie Gretchen Carlson einen der mächtigsten Medien-Männer zu Fall brachte

Gretchen Carlson brachte einen der mächtigsten Männer im Medienbusiness zu Fall. Jetzt will sie nicht mehr darüber schweigen müssen.

von Elisabeth Sereda

Ein Jahr vor dem Skandal um den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein verklagte Fox News-Moderatorin Gretchen Carlson einen der mächtigsten Männer im Medienbusiness, ihren Chef Roger Ailes, wegen sexueller Übergriffe. Sie wurde damit zur ersten Aktivistin der #MeToo-Bewegung. Die frühere Miss America, die ihren Ruhm nicht in eine Model- oder Schauspielkarriere verwandelte, sondern stattdessen ihre Universitätsabschlüsse in Stanford und Oxford machte, war die erste von zehn weiteren Frauen, die Ailes derselben Delikte beschuldigten.

Nachdem der Senderchef gefeuert wurde, einigte sich Carlson mit Fox News, bekam dafür 20 Millionen Dollar und musste eine Abmachung („Non-Disclosure-Agreement“, NDA) unterschreiben. Der Vertrag hält die 54-Jährige bis heute davon ab, Details zu veröffentlichen. Mit dem KURIER sprach Gretchen Carlson darüber, warum sie das ungerecht findet, über ihre Organisation „Lift Our Voices“, die vergiftete Arbeitsatmosphäre für Frauen, sowie die Zukunft der #MeToo-Bewegung.

Aus Los Angeles Elisabeth SeredaKURIER: Nachdem weitere zehn Frauen Roger Ailes klagten, wäre er einem Prozess nicht entkommen, verstarb aber, bevor es dazu kommen konnte. Fühlen Sie sich betrogen, dass er im Gegensatz zu Harvey Weinstein einer Strafe entging?

Gretchen Carlson: Haha, ich darf noch immer nichts über Roger Ailes sagen, aufgrund meines Agreements mit Fox, was komplett verrückt ist, weil er tot ist. Aber dieses Agreement gibt es, solange seine Frau und sein Sohn leben, und der Sohn ist erst 21. Ich kämpfe gerade gegen diese Art von Abkommen, denn das sind Mechanismen, um Frauen – und Männer – zum Schweigen zu bringen. Wenn wir damit keinen Erfolg haben, wird sein Sohn mich mit Sicherheit überleben, und ich werde nie die ganze Wahrheit erzählen können.

Wir wissen relativ viel über das, was passiert ist, weil für den Film „Bombshell“ und die TV-Serie „The Loudest Voice“ sehr viel und gut recherchiert wurde. Woher nahmen Sie den Mut, sich als Erste im Mediengeschäft gegen die Übergriffe zu wehren und eine Klage einzureichen?

Diese Courage habe ich von klein auf mitbekommen. Meine Eltern haben mich erzogen, gegen Ungerechtigkeiten Einspruch zu erheben, das geht bei mir bis in den Kindergarten und die Volksschule zurück. Da setzte man mich in eine Gruppe von Schülern, die nicht lesen konnten, und ich protestierte so lange, bis ich in die richtige Gruppe versetzt wurde, denn ich konnte lesen. Diese Geschichte mag eine Kleinigkeit sein, aber sie ist wichtig, weil sie meine schulische Entwicklung stören hätte können. Und sie sagt viel darüber aus, dass man besonders kleine Mädchen dazu erziehen muss, ihre Stimme zu erheben. Das heißt jetzt nicht, dass die Entscheidung, im Juli 2016 einen der mächtigsten Männer der Welt zu verklagen, eine leichte war. Das hat sich lange in mir aufgestaut, als ich realisierte, dass mir die Karriere, die ich über 25 Jahre lang aufgebaut hatte, weggenommen werden könnte. Aber mir war auch klar, dass, wenn ich in meiner Position nichts sage, wer sollte es dann?

Was hat Sie dazu bewogen, Organisationen zu gründen, die ein derartiges Verhalten am Arbeitsplatz zu verhindern versuchen?

Es war nie mein Plan, das Aushängeschild gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu werden. Ich glaube, das ist niemandes Plan. Aber ich wusste, dass ich das Beste aus meiner Situation machen und meine Position nützen musste, um eine Veränderung herbeizuführen. Das mache ich nun seit vier Jahren. Und wir sind weit gekommen. Vor vier Jahren wurde keiner Frau Glauben geschenkt, die ihren Chef oder Kollegen beschuldigte. Das Erste, was mein Anwalt 2016 zu mir sagte, war: ,Sie werden auf eine Art durch den Dreck gezogen werden, wie Sie es noch nie erlebt haben. Die Leute werden Sie als Lügnerin hinstellen’. Und genau das ist passiert. Aber heute glaubt man Frauen. Und die Beschuldigten bekommen nicht mehr diese massiven Abfindungen. Roger Ailes wurde mit 40 Millionen Dollar abgefertigt, auch wenn es genug Gründe gab, ihn ohne zu feuern. Aber zwei Jahre später wurde CBS-Chef Les Moonves aus denselben Gründen gekündigt, und seine ursprünglich vertraglich vereinbarten 20 Millionen gingen an Organisationen zum Schutz von Frauen. Das ist eine sehr starke Weiterentwicklung.

Glauben Sie, dass „Lift Our Voices“ diese Schweigeabkommen bald null und nichtig machen?

Ja, ich glaube daran, weil ich langsam einen Fortschritt sehe und weil ich weiß, dass man mich nicht aufhalten kann. Ich werde nie aufhören, dafür zu kämpfen, nie. Das liegt nicht in meiner Natur. All diese gesellschaftlichen Bewegungen dauern lange, aber ich habe in den letzten vier Jahren kleine Erfolge gesehen, die mir Mut machen.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Frauen oft diskriminiert werden?

Erst als ich meinen ersten Job bekam. Vorher war ich ja Musikerin, spielte Violine und gewann mehrere Wettbewerbe. Und da war das Geschlechterthema gar nicht vorhanden. Man wurde ausgesucht, weil man der Beste war, ganz gleich ob Bub oder Mädchen. Ich konnte es nicht fassen, als ich in meiner Arbeit herausfand, dass Frauen weniger bezahlt wurde für denselben Job. Sexuelle Belästigung war etwas, mit dem wir Frauen einfach umgehen lernen mussten. So wurde uns das auch erklärt. Ich wurde in meinen Zwanzigern zweimal das Opfer von Übergriffen. Nicht Belästigungen, Übergriffen. Ich habe 25 Jahre darüber geschwiegen. Wir sind alle in dieser Kultur der Unterdrückung aufgewachsen. Mir wurde erst klar, dass es schwere sexuelle Übergriffe waren, als ich endlich darüber sprach und eine Freundin mich darauf aufmerksam machte, dass das viel schlimmer war, als ich es sah, weil ich wie viele Frauen so brainwashed war, das als Lappalie abzutun.

Wo liegt in Ihrem Fall die Schuld beim Besitzer von Fox News, dem Medienmogul Rupert Murdoch?

Ich wünschte, ich könnte darüber mehr sagen, aber auch das unterliegt meinem Schweigeabkommen. Theoretisch gesprochen, stinkt der Fisch natürlich immer vom Kopf. Falsches Verhalten wird immer nur von oben toleriert. Und es sagt einiges, dass sein Sohn James Murdoch die Firma seines Vaters aus genau diesen Gründen verlassen hat. Er hat das auch sehr klar gesagt. Und solange Männer wie Murdoch den Großteil der Fortune 500 Unternehmen leiten, wird eine Veränderung schwierig sein.

Donald Trump wurde als Präsident der Vereinigten Staaten abgewählt, auch wenn er das nicht wahrhaben will. Was, glauben Sie, passiert mit den zahlreichen Klagen wegen sexueller Übergriffe, die es gegen ihn gibt und die aufgrund seiner Immunität als Präsident die vergangenen vier Jahre nicht weiterverfolgt werden konnten?

Die erste Frage ist: Wie konnte Trump mit solchen Anschuldigungen überhaupt Präsident werden, wenn andere Männer in hohen Positionen deshalb ihre Jobs verlieren? Was seine Zukunft betrifft, gibt es Fälle, die längst verjährt sind, denn auch die Verjährungsfristen sind in vielen Bundesstaaten verschieden. Daran arbeite ich übrigens auch. Es kann nicht sein, dass sexuelle Belästigung nach einem Jahr verjährt ist. In New York sind es drei Jahre, was in meinem Fall ein Glück war. Natürlich ist Trump ab 20. Jänner 2021 ein Privatbürger, und dann kann man doch Einiges gegen ihn zu Gericht bringen und wird es hoffentlich auch tun.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.