© REUTERS/LAURA HASANI

Politik Ausland
04/06/2021

Wer ist Vjosa Osmani, die neue Präsidentin des Kosovo?

Der junge Kosovo hat zum zweiten Mal ein weibliches Staatsoberhaupt. Osmani ist 38 Jahre alt und Juristin, in dem Job hat sie Erfahrung.

Vjosa Osmani hat eines mit vielen Angehörigen ihrer Generation gemein. Sie hat viel Zeit im Ausland verbracht. In ihrem Fall schließt das ein Jus-Studium in Pittsburgh mit ein, wo die heute 38-Jährige viele Jahre gelebt hat. An der US-Politik hat sie – so scheint es zumindest – auch einige Anleihen genommen.

So richtete sie sich in ihrer ersten Rede als Präsidentin der jungen Republik Kosovo an die Mädchen des Landes: „Ich möchte, dass ihr immer daran denkt: Mädchen haben ihren Platz dort, wo sie ihn sich selbst wünschen, von dem sie nachts träumen, für den sie hart und fleißig arbeiten.“ Da klingt die Rede von Kamala Harris als erste US-Vizepräsidentin durch.

Feministinnen skeptisch

Osmani ist mehrsprachig (albanisch, serbisch, englisch, türkisch und spanisch) und Mutter von Zwillingen im Volksschulalter. Die Juristin nennt sich selbst Feministin. Allein das schon zeugt von Selbstbewusstsein in einer patriarchalen und auf (männlichen) Kriegshelden aufgebauten kosovarischen Gesellschaft. Auch sexistische Angriffe musste sie vielfach wegstecken.

Allerdings – gerade Feministinnen stehen ihr skeptisch gegenüber. Sie betone zwar gern ihr Frausein, es fehle aber ihr konkreter Einsatz für die Probleme von Frauen, so der Vorwurf. Femizide und häusliche Gewalt sind nur die Spitze des Eisbergs. Die finanzielle Abhängigkeit macht Kosovarinnen zu schaffen. In dem Land, das ohnehin schon mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat (27,2 Prozent), sind Frauen besonders arm dran. Ihre Beschäftigungsquote liegt bei rund 12 Prozent, die von Männern bei 36 Prozent.

Reines Gewissen

In der breiten Bevölkerung ist Osmani aber sehr populär. Sie war mit knapp 64.000 Vorzugsstimmen die beliebteste weibliche Parlamentarierin des Kosovo. Was die vielen jungen Kosovaren an ihr mögen, ist vor allem ihre reine Weste. In einen Korruptionsskandal war sie bisher noch nicht verwickelt – das ist für Politiker im Kosovo nicht selbstverständlich. Man kauft ihr den Kampf für einen neuen Stil in der Politik ab, dem sie sich (wie auch Premier Albin Kurti) verschrieben hat.

Trotz aller Popularität verlief die Wahl Vjosa Osmanis zur zweiten Präsidentin nach Atifete Jahjaga (2011–2016) am Sonntag alles andere als reibungslos. Zwei Wahlgänge waren am nötigen Quorum gescheitert, weil viele der Parlamentarier die Abstimmung boykottiert hatten. Premier Kurtis Vetëvendosje-Partei hat schließlich den umstrittenen Plan eines neuen Wahlrechts ad acta gelegt – eine Forderung der LDK, der Osmani noch vor wenigen Monaten angehört hatte, als sie Hashim Thaçi als Interimspräsidentin nachfolgte. (Thaçi war vom Haager Kosovo-Sondertribunal wegen Kriegsverbrechen angeklagt worden.)

Als sie bestätigt wurde, beteuerte Osmani, „Präsidentin aller“ zu sein – wieder eine Anleihe aus den USA? Viele atmeten auf, weil man sich endlich im Parlament geeinigt hatte. Eine neue Wahl und neuen Streit kann und will man sich nicht leisten.

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