Freiwilliger Wehrdienst? Die jungen Deutschen sagen nein, danke
Verteidigungsminister Pistorius will die Bundeswehr aufstocken.
Es war nur eine Handvoll junger Menschen, geschätzt zwölf, die da vor das Reichstagsgebäude auf den Boden lagen – in weißen T-Shirts mit roten Flecken, die Blut darstellen sollten. „Nie wieder Wehrpflicht“ und „Für Zukunft ohne Krieg“ stand auf den Plakaten, während Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) Anfang der Woche die Soldaten der Bundeswehr würdigte. Aus dem Publikum gab es Buh-Rufe für den Protest.
Dass die deutsche Bundeswehr seit Russlands Angriff auf die Ukraine heute weitaus positiver gesehen wird als vor 2022, zeigt sich in unzähligen Umfragen. Je nach Altersgruppe fällt die Unterstützung aber unterschiedlich aus: In einer Statista-Umfrage aus dem Vorjahr sprachen sich 66 Prozent der über 60-Jährigen für eine Wehrpflicht aus; fast gleich groß war der Anteil jener, die in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen dagegen waren.
Der Widerwille vieler Jungen, die die Wiedereinführung als ungerecht ihrer Generation gegenüber empfinden, zeigt sich auch in den Rückmeldungen auf den Wehrdienstfragebogen, den die Regierung erstmals mit 1. Jänner verschickt hat. Von 298.200 bald 18-Jährigen (mehr als die Hälfte davon männlich) meldeten sich nur 530 Personen freiwillig zum Wehrdienst – das sind 0,18 Prozent der Angeschriebenen.
30.000 neue Soldaten pro Jahr
Dass diese Zahl nicht genügt, um die Personalziele zu erreichen, die sich Berlin gesteckt hat, liegt auf der Hand: Die Zahl der aktiven Soldaten soll von derzeit rund 184.000 auf 260.000 erhöht werden – und das in Zeiten großer, altersbedingter Abgänge. Gleichzeitig soll die Zahl der Reservisten von 100.000 auf 200.000 wachsen.
Bis 2029 will man dafür jährlich 30.000 neue Soldaten gewinnen. Zuletzt waren es jährlich zwischen 20.000 und 25.000 Neuanstellungen, Ziel sind demnach rund 5.000 mehr pro Jahr. Davon ist man mit den 530 noch weit entfernt.
Das Verteidigungsministerium betont: Ausgehend von den Rückmeldungen habe es 1.500 Musterungen gegeben, rund 600 weitere Termine seien vorgesehen. Und: Viele junge Männer zeigten sich im Fragebogen interessiert, seien aufgrund ihrer Schulpflicht oder einer Ausbildung aber erst in ein oder zwei Jahren verfügbar.
Neben dem freiwilligen Wehrdienst setzt man auch auf herkömmliche Rekrutierungen: Pistorius zufolge haben sich heuer bisher rund 10.000 Interessierte anderer Altersgruppen zum Wehrdienst gemeldet, acht Prozent mehr als bis Juni 2025. Eine wesentliche Rolle dürfte auch die Entgelt-Erhöhung spielen: Wer Wehrdienst leistet, bekommt seit der Reform 2.600 Euro statt wie bisher zwischen 1.800 und 2.200 Euro brutto im Monat und bis zu 3.500 Euro Zuschüsse, etwa wenn man den Führerschein macht. Im europäischen Vergleich ist Deutschland da besonders großzügig.
Nach wie vor arbeitet die Bundeswehr in Eile daran, Kasernen und Musterungszentren wieder aufzufahren: Ab nächstem Jahr ist die Musterung für Männer ab dem Jahrgang 2008 wieder verpflichtend. Dann will man auch entscheiden, ob man beim aktuellen, jahrelang ausgehandelten Prozedere bleibt – oder erneut die Wiedereinführung der Wehrpflicht im Raum steht. Auch Pistorius hat eine „Bedarfswehrpflicht“ oder „Teil-Wehrpflicht“ nie ausgeschlossen – also eine Wehrpflicht für bestimmte Jahrgänge, um das Personalziel zu erfüllen, oder gar – heftig umstritten und von der Union vorgeschlagen – per „Losverfahren“.
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