© REUTERS/PETER NICHOLLS

Politik Ausland
11/11/2020

Was macht Boris Johnson jetzt nur ohne Trump?

London sorgt sich um den künftigen guten Draht zu Washington und dann passiert ausgerechnet ein peinliches Hoppala

von Georg Szalai

Die Beziehung zwischen dem britischen Premierminister Boris Johnson und US-Präsident Donald Trump galt als innig. Trump bejubelte den Brexit und nannte den Freund in London sogar “den britischen Trump”. Das passte gut zur “besonderen Beziehung”, die Großbritannien traditionell zu den USA betont. Im Gegensatz dazu sind einander Joe Biden und Boris Johnson noch nie begegnet.

Der künftige US-Präsident war gegen den Brexit und nannte den Premier in London vergangenes Jahr einen „physischen und emotionalen Klon“ Trumps. Viele in London sorgen sich nun um den speziellen Draht zu Washington, auf den man sich nach dem Brexit so gerne stützen würde.

Also versucht Boris Johnson, den Wahlsieger in Washington zu umgarnen. Der Brite gratulierte Biden und Kamala Harris – ihre Wahl zur ersten weiblichen Vize sei ein „historischer Erfolg“ – und er unterstrich: „Die USA sind unser wichtigster Verbündeter“. Aber was war das?

Peinlicher Start

Die erhoffte „enge Zusammenarbeit“ zwischen Großbritannien und dem Biden-Team begann mit einem peinlichen Hoppala: In der Twitter-Grafik, mit der Johnson dem frisch gewählten Präsidenten Biden gratulierte, waren im Hintergrund des Textes noch Teile einer alternativen Fassung für Johnsons Verbündeten Donald Trump erkennbar.

Spott und Hohn aufmerksamer Twitter-Nutzer waren die Folge. Ein britischer Regierungssprecher musste denn auch den Ausrutscher eingestehen. Es habe einen „technischen Fehler“ gegeben, hieß es am Dienstag aus der Downing Street. Zwei Versionen der Textgrafik seien vorbereitet gewesen - in der veröffentlichten Version seien noch Teile der Trump-Fassung unterlegt gewesen.

Experten erwarten ohnehin, dass Biden seinen Fokus stärker auf Deutschland, Frankreich und die EU legen wird. „Washington wird Großbritannien als wichtigen, aber nicht einzigartigen Teil Europas sehen“, meint Sophia Gaston vom Thinktank British Foreign Policy Group.

Die neueste Obsession in London ist daher die Spekulation, wann Biden denn Johnson anrufen werde. Laut Berichten erwartet sogar die Regierung in London, dass Telefone in Berlin und Paris zuerst läuten werden, vielleicht gefolgt von Dublin.  

Irische Wurzeln

Dass Biden stolz auf seine irischen Wurzeln ist, könnte Johnson besondere Kopfschmerzen bescheren. Das britische Binnenmarkt-Gesetz, das gegen Brexit-Vertrag und Völkerrecht verstoßen würde und Konflikte in Nordirland schüren könnte, kritisierte Biden scharf. Und er warnte, ein Handelsabkommen, das Amerikaner und Briten verhandeln, könne es nur geben, wenn London geltende Verträge einhalte. 

Auch ein No-Deal-Brexit birgt Risiko. “Bidens Hauptinteresse ist, dass Großbritannien und die EU produktiv zusammenarbeiten“, erklärt Sophia Gaston. 

London bemüht sich auch deshalb um Kontakte ins Biden-Lager. Und Johnson setzt darauf, dass er bei wichtigen Themen dem Pragmatiker Biden näher ist als Trump, etwa dem Kampf gegen Klimawandel. Beide befürworten auch ein härteres Auftreten gegen Russland und ein aktives Engagement mit Iran und seinem Atomprogramm. Johnson unterstrich daher auf Twitter „unsere gemeinsamen Prioritäten, vom Klimawandel bis hin zu Handel und Sicherheit“. 

Ob er und Biden eine besondere Beziehung entwickeln können bezweifeln viele, aber manche sagen, eine gute Arbeitsbasis wäre schon ein Erfolg. „Wir haben lange mit dieser Phantasie der besonderen Beziehung gelebt“, sagt Quentin Peel vom Think Tank Chatham House dem Kurier. „Es ist eine Annehmlichkeit. Aber ich glaube nicht, dass die Amerikaner die Beziehung jemals wirklich als besonders gesehen haben.“ 

Die neueste Obsession in London: Wann Biden Johnson anruft, oder ob die Telefone in Berlin und Paris zuerst läuten werden, vielleicht gar gefolgt von Dublin.

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