"Bloody Sunday", in Londonderry, Nordirland

© APA/AFP/THOPSON

Politik Ausland
11/02/2019

Irland und der Brexit: Schatten der Vergangenheit

Geschichte. Der EU-Austritt der Briten droht die alten Konflikte auf der Insel von Neuem wachzurufen

von Konrad Kramar

Ein riesiges Polizeiaufgebot, Ärger und Ängste bei den Anrainern, Hassparolen, Steine ... und oft noch Schlimmeres. Jahr für Jahr, am 12. Juli, versetzt eine Kundgebung Belfast in Aufruhr. Doch während solche Demonstrationen anderswo Klimawandel oder Sozialabbau zum Thema haben, geht es an diesem Tag um eine Schlacht – und die ist immerhin mehr als 300 Jahre her. Die protestantischen Oranier-Orden erinnern an den Sieg ihres protestantischen Königs Wilhelm über dessen katholischen Widersacher James.

Durch die katholischen Stadtviertel von Belfast dürfen die leuchtend orange kostümierten Ordensbrüder heute nicht mehr ziehen. Zu blutig waren über Jahrzehnte die Straßenschlachten, die sie mit ihrer Provokation auslösten.

Doch auch heute noch sorgt die seltsame Brauchtumspflege Jahr für Jahr für Unmut und politische Querelen. Denn in Nordirland entkommt man den jahrhundertealten Konflikten nicht, die Irlands Geschichte prägen.

Diese Geschichte ist gezeichnet von der Unterdrückung und Ausbeutung der katholischen Bevölkerung durch die protestantischen Herren aus England. Die herrschten über die grüne Insel bis 1922. Ihre Überheblichkeit und Skrupellosigkeit war verantwortlich für Katastrophen wie die Hungersnot um 1845, die Millionen von Iren das Leben kostete.

Protestanten dominieren

Als sich Irland in einem jahrelangen Bürgerkrieg in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs endlich von der englischen Herrschaft befreien konnte, blieb der Norden der Insel bei Großbritannien. Hier dominierten die Protestanten, hier ließ Geld aus London eine gigantische Schwer- und Werftindustrie entstehen, hier blieb die Verwaltung in den Händen protestantischer, streng pro-britischer Beamter – und hier setzte sich in den 1960er-Jahren der Aufstand der Iren fort.

30 Jahre Bürgerkrieg sollten folgen, mit 4.000 Toten, Zehntausenden Verletzten und oft ein Leben lang Verkrüppelten, denen die Bomben der katholischen Terrorgruppe IRA Beine und Arme weggerissen hatte. Dass der blutige Konflikt 1998 nach jahrelangen mühsamen Verhandlungen tatsächlich beendet werden konnte, war der internationalen Vermittlung zu verdanken, die die Feinde förmlich an den Verhandlungstisch zwang.

Wirkliche Partner aber sollten aus den katholischen und protestantischen Parteien nie werden , bald gaben auf beiden Seiten wieder die Radikalen den Ton an – und tun es bis heute.

Politisch gelähmt steht Nordirland jetzt vor dem nahenden Brexit – und der droht die wichtigste Errungenschaft des Friedens in Nordirland zunichtezumachen: Die offene Grenze zwischen Irland und Nordirland könnte sich nach dem britischen EU-Austritt wieder schließen. Und das, ist man in Nordirland überzeugt, wird die Geister des Bürgerkrieges wieder wachrufen. „Und wenn es nur ein Echo dieses Krieges ist“, meinte kürzlich ein Stadtrat in Belfast zum KURIER: „macht es so viel kaputt, das wir gerade erst mühsam geflickt haben.“

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