© REUTERS/AMMAR AWAD

Analyse
05/10/2021

Brand auf Tempelberg: Warum die Gewalt in Nahost jetzt so eskaliert

Unruhen, Raketenhagel, Luftangriffe: Israelische und palästinensische Gedenktage vermengen sich mit Polit-Frust auf beiden Seiten.

von Norbert Jessen

Es begann vor einigen Wochen mit TikTok-Clips von Angriffen arabischer Jugendlicher auf jüdische Passanten. Gefolgt von Lynch-Angriffen jüdischer Randalierer gegen arabische Passanten. Einzelfälle, die sich im muslimischen Fastenmonat Ramadan zu Keilereien jugendlicher Gangs am Rande der Jerusalemer Altstadt ausweiteten – unter sich und mit der Polizei. Die Stimmung heizte sich ständig weiter auf. Jetzt ist sogar ein explosiver Straßenkrieg denkbar.

Am Montag war es annähernd so weit: Hunderte Palästinenser und Israelis wurden verletzt, am Abend brach bei neuerlichen Zusammenstößen auf dem Tempelberg ein Feuer aus. Offenbar hatten Feuerwerkskörper einen Baum in Brand gesetzt.

Tote in Gaza

Radikale Palästinenser feuerten Dutzende Raketen auf Israel. Auch Jerusalem war im Visier, Raketen sollen in einem Vorort eingeschlagen sein. Es folgten israelische Luftangriffe auf den Gazastreifen. Berichten zufolge wurden mindestens 20 Menschen getötet, darunter neun Kinder.

In die ohnehin angespannte Lage im Ramadan war am Montag auch noch der Jerusalem Tag gefallen, ein Gedenktag an die Eroberung Ost-Jerusalems durch die israelische Armee 1967. Seit Jahren vor allem Anlass für rechtsradikale Gruppen, mit einem „Flaggentanz“ provokativ durch die Altstadt zu marschieren. Wobei sie eine unübersehbare Spur an Sachschäden im engen Basar hinter sich lassen.

Polit-Patt in Israel

„In diesem Jahr wird alles noch verstärkt durch den Wahl-Frust auf beiden Seiten“, analysiert der israelische Ex-General Gadi Schamni. Zur Erklärung: Vor zwei Wochen wurden die für Mai und Juni angesetzten palästinensischen Wahlen abgesagt. Der palästinensischen Autonomieregierung kommt es gelegen, wenn jetzt Unruhen den Frust der Wähler gegen Israel lenken. Und in Israel besteht seit fast zwei Jahren mit vier unentschiedenen Wahlen ein politisches Vakuum beziehungsweise ein Patt.

Vergangene Woche scheiterte Premier Benjamin Netanjahu abermals mit einem Versuch, eine neue Koalition unter seiner Führung auf die Beine zu stellen. Auch ihm kommt es nicht ungelegen, wenn die Unruhen in diesen Tagen den Parteien der Mitte und der Linken eine Regierungsbildung erschweren. Netanjahu zieht einen fünften Wahlgang vor.

Konfliktverschärfend kommt hinzu eine – erst im letzten Moment „nur vorerst aufgeschobene“ – Zwangsräumung arabischer Familien aus Wohnungen im Schech-Dscharrach-Viertel in Ost-Jerusalem. Und: In diese Woche fällt auch der 15. Mai, an dem die Palästinenser sich ihrer Niederlage und Flucht im Krieg von 1948 erinnern.

Wieder Hamas-Raketen

Zwei weitere Punkte, die den Druck im Kessel erhöhen: Gingen die Keilereien zu Beginn der Unruhen noch auf jugendliches Ausrasten zurück, kam bald gezielte Hetze der im Gazastreifen herrschenden militanten Hamas-Islamisten hinzu.

Und dann beschränkte auch noch Israels Polizei mitten im Ramadan den Zugang zur Altstadt und zur Al-Aksa-Moschee. Zwar begriff die Polizeiführung schnell, dass damit das Gegenteil von Deeskalation erreicht war. Doch eine Aufhebung der Sperren kam zu spät: Die Unruhen hatten sich vom Rande der Altstadt auf ihren inneren Kern mit den Heiligen Stätten verschoben. Jetzt geht es den palästinensischen Protestlern um die „Freiheit an der Al-Aksa-Moschee“.

Die Unruhen finden mittlerweile ihr internationales Echo: Auch Israels neue arabische Verbündete am Golf kritisieren mit der Arabischen Liga „den Angriff auf die Heiligen Stätten des Islam“. Die US-Regierung zeigt sich ebenfalls besorgt. Demokratische Abgeordnete warnen vor der Zwangsräumung arabischer Wohnungen in Ost-Jerusalems.

Keine Entspannung

Bis kommende Woche wird sich die Lage mit allen Fest- und Trauertagen kaum entspannen. Sie kann durch unvorhersehbare Gewaltakte sogar noch mehr explodieren. Elias Cohen, Siedler wie auch Schriftsteller, der sich für den Dialog mit den Palästinensern einsetzt, warnt: „Wir befreien uns erst aus dieser Falle, wenn Israelis und Palästinenser, Juden wie Muslime, gemeinsam eine Fahne schwenken: Die weiße.“

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