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Politik Ausland
08/15/2021

Wann wird China die Welt regieren?

Stößt das Reich der Mitte die USA bald vom Thron der größten Supermacht? Vielleicht nie, China kann an sich selbst scheitern. Doch Pekings Ziel ist: Global die Nummer eins werden.

von Ingrid Steiner-Gashi

Wie sich der mächtig gewordene Konkurrent China genau nicht stoppen lässt, hat Donald Trump bewiesen: Der frühere US-Präsident verhängte ein Exportverbot für Halbleiter ans Reich der Mitte. Das bringt Chinas  Wirtschaft    für eine   Weile schwer in Bedrängnis.


Auf lange Sicht aber haben sich die USA    damit selbst ein Ei gelegt: Die Chip-Not stachelte China nur umso mehr an, seine eigene Halbleiterproduktion massiv zu forcieren. Mit der aus der Sicht der USA unerwünschtesten aller Folgen: Binnen zehn Jahren könnte das Reich der Mitte zum größten Chip-Produzenten der Welt heranwachsen, prognostiziert die amerikanische Boston Consulting Group.

Ob bei Solaranlagen, Hochgeschwindgkeitszügen, E-Autos – Chinas Wirtschaft hat nicht zuletzt dank üppiger staatlicher Subventionen bewiesen, dass sie aufholen und der Konkurrenz davon ziehen kann. So weit, dass es nun bereits im zunehmend rauen Ringen mit den USA um die globale Vorherrschaft bei Technologie und Innovation geht – dem Fundament für das Wirtschaften von morgen.

Die weltgrößte Handelsmacht ist China bereits, die größte Volkswirtschaft will es werden. Bereits Anfang der 2030er-Jahre, so befürchten einige US-Ökonomen, könnte das Reich der Mitte die USA überholen.

Und weil Wirtschafts- und Handelsmacht immer auch mit Geopolitik zu tun hat, bedeutet das nicht weniger als: China strebt auch eine Weltführungsmacht an.

Wobei „China die Welt nicht regieren, sondern Länder wirtschaftlich und politisch abhängig machen will“, stellt Gunther Hauser klar. Der China-Experte an der Landesverteidigungsakademie (LAVAK) führt weiter aus: „Die Chinesen sehen ihr künftiges Weltsystem nicht so militärisch wie die USA. China will keine militärische Okkupation von Gebieten, die nicht von China beansprucht werden.“

Das Design seines weltpolitischen Gewichts hat Peking bereits mit der „Neuen Seidenstraße“ gezeichnet. Über 70 Länder und vier Milliarden Menschen werden letztendlich über diese chinesischen Investitionsstränge vernetzt sein.

Gewonnen hat China damit nicht nur neue Absatzmärkte, sondern auch riesigen politischen Einfluss.

In Europa etwa besitzt China bereits an den 14 wichtigsten Häfen eigene Terminals oder zumindest Anteile daran. Weltweit ist dies bei zwei Dritteln der 50 größten Container-Terminals der Fall.

Länder wie Montenegro, die sich bis zum Hals bei China verschuldet haben, drohen Vermögenswerte und Souveränitätsrechte an China zu verlieren.

Aggressive Töne

Mastermind dieser Strategie ist Chinas Präsident Xi Jinping. Seit er vor neun Jahren das Ruder der Kommunistischen Partei ergriff, hat der Wind in Peking gedreht: Die Volksrepublik soll nicht länger Regionalmacht sein, sondern „ins Zentrum der Weltbühne“ rücken.

Zu spüren ist das in zunehmend aggressiver Außenpolitik: Da drohen und poltern chinesische Diplomaten, wenn es um Tibet, Taiwan, Hongkong oder die Uiguren geht.

Da verhängt Peking Wirtschaftssanktionen gegen Australien, weil es eine unabhängige Untersuchung über den Ausbruch der Coronapandemie fordert. Da bedrängt die chinesische Marine – sie ist bereits größer als jene der USA – Japans Küstenwache in den Gewässern um die Senkaku-Inseln.

Da setzt es Strafaktionen gegen EU-Abgeordnete und Wissenschafter, die Menschenrechtsverletzungen in China kritisieren.

Die Bremsfaktoren

Doch dass Chinas Aufstieg ungehindert nach oben führen wird, bezweifelt Susanne Weigelin-Schwiedrzik, eine der besten China-Kennerinnen Europas. Dabei erwartet sie die Bremse nicht von außen, vonseiten der USA und deren Alliierten, sondern im Inneren des Riesenreiches. Die Sinologin sieht das „größte Risiko in der Instabilität von Chinas politischem System. Jedes autoritäre System weiß, dass es immer sehr gefährdet ist. Und in China ist man sich nie sicher, dass man fest im Sattel sitzt.“ Zu spüren ist die unterschwellige Aufregung in der Bevölkerung in den sozialen Medien.

Verheerende Flut

Handelsmacht Nr.1
Schon vor sieben Jahren hat China die USA vom  Thron der größten Handelsmacht der Welt gestoßen. Fast ein Fünftel der weltweiten Exporte (17,9 Prozent) kamen 2020 aus China. Die größte Volkswirtschaft der Welt ist allerdings nach wie vor die USA.

18,48 Prozent
beträgt der Bevölkerungsanteil Chinas an der Weltbevölkerung. Und dennoch hat das Riesenreich ein demografisches Problem. Bleibt die Geburtenrate so niedrig wie derzeit, würde die Bevölkerung in den nächsten 30 Jahren um 260 Millionen Menschen schrumpfen.

Technologiemacht
Bis 2025 will  China die Technologieführerschaft in zehn Industriesektoren erreichen. Hier tobt der härteste Konkurrenzkampf mit den Vereinigten Staaten
 
Weltraummacht

Nächstes Jahr soll Chinas Raumstation betriebsbereit sein.

Da kommt das Regime oft nicht mehr schnell genug nach, kritische Postings zu löschen. So geschah es Ende Juli nach den verheerenden Überschwemmungen in der Stadt Zhengzhou. Offiziell ertranken dort 51 Menschen, doch es könnten mehr als 10.000 gewesen sein. Ein Tunnel war geschlossen worden – mit allen fahrenden Autos drinnen.

Videos, Fotos und Postings in den sozialen Netzwerken ließen das wahre Ausmaß der Katastrophe erahnen – ehe alles gelöscht wurde. Die Stadt wurde abgeriegelt, Militär hingeschickt, kein Politiker ließ sich dort je blicken.

„Alle gehen in Deckung“, sagt Weigelin-Schwiedrzik dazu – nur ein Anzeichen dafür, dass Pekings Elite längst nicht so souverän agiere,wie es scheine.

Fatal könnte sich für China schließlich auch seine niedrige Geburtenrate auswirken. Jeder fünfte Chinese ist bereits über 60 Jahre alt. Statistisch gesehen bekommt eine Frau nur 1,3 Kinder – auf lange Sicht gesehen würde das bedeuten, dass Chinas Bevölkerung in den nächsten 30 Jahren um 260 Millionen schrumpfen könnte.

„China könnte also eher alt werden, bevor es reich wird“, sagt China-Experte Gunther Hauser. Weniger Arbeitskräfte hieße weniger Wirtschaftswachstum und wiederum weniger Chancen die USA wirtschaftlich einzuholen.

Wo sind die Verbündeten?

Wer Weltführungsmacht werden will, braucht Alliierte. China müsste ein internationales System und eine Koalition von Staaten schmieden, die auch seinen „way of life“ mittragen. Doch der Volksrepublik mangelt es an Verbündeten. Selbst die kommunistisch regierten Länder Nordkorea, Vietnam und Laos halten Abstand zur Volksrepublik.

Und auch Russland, das Peking gerne militärisch enger an sich heranziehen würde, zögert. „In Moskau herrscht Sorge, dass China gegen Taiwan aktiv wird. Aber Russland will sich nicht in einen Krieg hineinziehen lassen.“ Und so werfe Putin, sagt Sinologin Weigelin-Schwiedrzik, „auf die Avancen Chinas hin immer nur Nebelkerzen.“

Einig sind sich alle China-Experten bei einem Thema: China will Taiwan „zurückholen“ – geplanterweise nicht militärisch, sondern mit massivem politischen Druck. Fraglich ist nur, bis wann:

Binnen fünf Jahren, vermutet der Befehlshaber der US-Streitkräfte im Pazifik. Vor 2035, lautet ein andere These. Dann wäre Xi Jingping 82 Jahre alt und würde wahrscheinlich abtreten. Denn Usus ist in Peking, dass ein Parteichef nicht älter sein soll als Mao, der mit 82 Jahren gestorben ist. Allerdings:  "Deng Xioaping  war bis zum Schluss sehr einflussreich und wurde älter als Mao. Allerdings hatte er im Alter auf formelle Macht verzichtet und kein gewähltes Amt mehr inne", schildert Weigelin-Schwiedrzik.

Aber allerspätestens 2049 könnte Taiwan nach China "geholt" sein, wenn die Volksrepublik hundert Jahre als wird – und dann nach eigenem Plan die größte Weltmacht ist.

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