US-Elitesoldaten sollen das Schlimmste verhindern und das Botschaftspersonal rausholen

© APA/AFP/MANPREET ROMANA

Politik Ausland
08/14/2021

Vormarsch der Taliban: Die Angst vor einem zweiten Saigon

Nach dem Abzug ihrer Truppen schicken die USA 3.000 Elitesoldaten nach Kabul, die Ausreise des Botschaftspersonals sichern sollen.

von Dirk Hautkapp

Kaum sechs Wochen ist es her, dass Joe Biden die Frage schroff abtat, ob der von ihm verfügte US-Truppen-Abzug aus Afghanistan die Taliban wie ein Rollkommando durch das geschundene Bürgerkriegsland wüten lassen wird.

Das werde nicht passieren, sagte der Präsident. Da sei schon die bestens ausgebildete afghanische Armee vor. Was für ein Irrtum.

Nachdem die Taliban in Rekord-Zeit und bei wenig Widerstand der Armee fast alle Landesteile unter ihre Kontrolle gebracht haben und in Pul-i Alam 70 km vor Kabul stehen, hat der Demokrat eine radikale Kehrtwende vollzogen. Mit kurzfristig eingeflogenen 3.000 US-Elite-Soldaten und 4.000 weiteren, die in Kuwait und Katar geparkt werden, soll bis Ende August die schrittweise Evakuierung von rund 4.000 Angestellten der US-Botschaft in der afghanischen Hauptstadt und der Abflug vom Hamid Karzai-Flughafen abgesichert werden.

Das Weiße Haus fürchtet eine Wiederholung der Schmach von 1975. Damals mussten am Ende des Vietnam-Krieges Hunderte Amerikaner per Hubschrauber vom Dach der Botschaft in Saigon ausgeflogen werden.

Dringlichkeitssitzungen überall

Bidens Anweisung hat in vielen Hauptstädten bis hin zur NATO Dringlichkeitssitzungen ausgelöst. Auch in Brüssel, Berlin und London, wo 600 Soldaten abkommandiert werden, um die britische Botschaft zu beschützen, bastelt man an Abzugsplänen für die eigenen Diplomaten.

In der afghanischen Zivilbevölkerung wächst unterdessen die Verzweiflung. Hunderttausende sind auf der Flucht. Aus vielen Landesteilen wird berichtet, dass afghanische Soldaten exekutiert wurden, die sich ergeben haben. Darüber sollen die Taliban in eroberten Gebieten verlangt haben, dass Mädchen und Frauen zwischen 15 und 40 Jahren zur Zwangsheirat mit Kämpfern zur Verfügung gestellt werden.

Abzug „unehrenhaft“

Bidens Auftrag – Abzug des diplomatischen Personals (bis auf eine Rumpftruppe) bis 31. August unter militärischen Hochsicherheitsbedingungen – werde in Armee-Kreisen als „unehrenhaft“ empfunden, berichten US-Medien. Dort wird der Umstand, dass die rund 300.000 afghanischen Soldaten seit Tagen überrannt werden, neben einer „psychischen Demoralisierung“ auch so erklärt: Die Amerikaner haben ihre elementar wichtige Luftunterstützung im Kampf gegen die Taliban zurückgefahren. Zudem sei die afghanische Luftwaffe kaum einsatzbereit. Weil mit dem Abzug der US-Soldaten auch Hunderte Techniker verschwunden sind.

Im Weißen Haus dagegen heißt es, niemand wolle ein „zweites Bengasi“ erleben. 2012 töteten islamistische Extremisten in der US-Botschaft in Libyen Botschafter Christopher Stephens und drei Mitarbeiter. Die Tragödie wurde zum Politikum, weil die Republikaner die damalige demokratische Außenministerin Hillary Clinton für schwere Pannen verantwortlich machten.

El Kaida und Taliban feiern 9/11

Auch diesmal positionieren sich die Republikaner wahltaktisch, obwohl der von Biden exekutierte Truppenabzug auf ein weithin als fahrlässig bezeichnetes Abkommen von Ex-Präsident Donald Trump mit den Taliban zurückgeht. Mitch McConnell, ranghöchster Konservativer im Senat, bedrängte Biden, den afghanischen Streitkräften massiv zu helfen anstatt abzuziehen. „Sonst könnten El Kaida und Taliban den 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 feiern, indem sie unsere Botschaft in Kabul niederbrennen.“

"Reine Hilflosigkeit"

Dass die Amerikaner ernsthaft Sorge um den zur Festung mit mehreren Sicherheitsringen ausgebauten Komplex haben, beweist die Initiative von Salmai Khalilzad. Der US-Sonderbeauftragte für Afghanistan bettelte laut New York Times bei Gesprächen mit den Taliban geradezu darum, die diplomatische US-Vertretung zu verschonen. Andernfalls drohe der Entzug von Finanzhilfen und internationale Ächtung. Im Kongress in Washington sagen Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand, die Drohung mit dem Geldhahn dokumentiere „reine Hilflosigkeit“. Mit Russland und China stünden zwei geopolitische Kontrahenten parat, die den Radikal-Islamisten „gewiss unter die Arme greifen würden, wenn Amerika dadurch nur weiter geschwächt wird.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.