© EPA/WILL OLIVER

Reportage
01/31/2020

Vor dem Brexit: Gemischte Gefühle im "Tor nach Europa"

Im Hafen von Dover, Großbritanniens Tor nach Europa, geht man mit gemischten Gefühlen in den Brexit.

Von Robert Rotifer

Vom Meer vor der englischen Südostküste ist wenig zu sehen an diesem nebligen, verregneten Wintertag. Auf der steil hinab in Richtung Hafen führenden Autobahn rollt der Frachtverkehr auf die Docks von Dover zu. Eine Rechtskurve gibt den Blick auf zwei gigantische Fähren und die Dächer hunderter, wartender Lastwägen frei. Unten im Hafen informiert eine große Tafel die Vorbeifahrenden, dass deren Verkehrsleitsystem von der Europäischen Union mitfinanziert wurde.

Die größere Leistung der EU zu Dovers Gunsten liegt aber darin, dass die Grenzkontrollen zur Einreise bereits auf der anderen Seite des Kanals im französischen Calais stattfinden. Von Stau ist hier an Großbritanniens vorletztem Tag in der EU, dem 30. Jänner, keine Spur, und daran wird sich wohl auch mit der Samstag anbrechenden Übergangsphase nichts ändern.

Schuld ist die EU

Im Wartesaal sitzt ein Mann Mitte vierzig. „Es ist irgendwie traurig“, beschreibt er seine Sicht des Brexit, „aber es muss getan werden.“

London sei „voll von Wischi-Waschi-Liberalen“, die nicht sähen, dass „die Leute im Norden leiden“, und schuld sei die Freizügigkeit in der EU. Die Europäer sollten „schauen, was hier mit Jeremy Corbyn passiert ist. Alle, die sonst Labour wählten, haben ihn abgestochen. Das wird in ganz Europa passieren, der Sozialismus wird fallen.“

Er selbst werde heute nicht nach Frankreich fahren, sondern zollfrei auf der Fähre Alkohol und Zigaretten kaufen und wieder zurückkehren. Vor dem Wartehaus sitzt Abby, eine junge englische Skilehrerin, die gerade mit Beckenbruch aus der Schweiz zurückgekehrt ist.

„Wir Skifahrer wissen zwar nicht, ob wir ein Visum brauchen werden“, sagt sie unbekümmert, ihre Krücken neben sich, „aber solange sie es hinter sich bringen, wird es in Ordnung sein.“ Sie selbst hat gegen den Brexit gestimmt, aber „das Herumgetue seither“ habe viel zu lange gedauert.

Von den Docks führt eine vierspurige Schnellstraße direkt zur Autobahn Richtung London. Nicht viele der Ankommenden verirren sich auf die Abzweigung in Richtung des beinahe menschenleeren Stadtzentrums. Oben auf dem Hügel thront nebelverhangen das seit Jahrhunderten über den Hafen wachende Dover Castle. Vor einem Fish & Chips-Laden steht Scott, der in der Zentrale der britischen Grenzpolizei arbeitet. Zum Brexit genießt er seinen freien Tag.

Scott glaubt nicht, dass sich an der Grenze viel verändern wird. Die Zollabteilung habe viele neue Leute aufgenommen, und die Kontrollen würden künftig wohl so wie früher jenseits der Küste vorgenommen werden. „Viele haben aus den falschen Gründen für den Brexit gestimmt“, räumt er ein, „wegen illegaler Einwanderung, aber daran wird sich nichts ändern.“

„Wir sind frei“

Er wiederum habe wegen seiner Erlebnisse im Job für „Leave“ gestimmt und bereue sein Votum nicht: „Wir werden es überleben und die EU auch.“ Genauso sieht das auch ein trotz Wind und Wetter zum Pub spazierendes Pensionistenpärchen. Über Befürchtungen, dass der Brexit in ihrer Stadt zum Verkehrschaos führen würde, können Brian und Sheila nur herzlich lachen. „Das war bloß eine Ausrede, um die Straßen auszubauen“, sagt Brian. „Wir sind Briten“, tönt Sheila, „wir sind frei.“Einem bärtigen Mann mit weißen Ohrringen, der vor einer Diskont-Kleider-Boutique seine Zigarette rollt, fällt auf die Frage nach dem Brexit nur eine Kaskade grober Schimpfworte ein. „Wir sind geliefert, egal, ob wir drin bleiben oder austreten“, fasst er zusammen, „wo ist der Unterschied?“

Das Volk sei jedenfalls übers Ohr gehauen worden. Sein Freund, der Ladenbesitzer, ist dagegen überzeugt, der Brexit werde den Zuzug von „Menschen aus Übersee“ stoppen, die vom Staat Zuschüsse erhielten, ohne in das britische Sozialsystem einzuzahlen. Von dieser Fehlinformation lässt er sich nicht abbringen. Er habe mit seinem örtlichen Parlamentarier, einem Konservativen, persönlich darüber gesprochen.

Eine Straße weiter zählt eine Abordnung der Gemeinde leer stehende Geschäftslokale. „Hoffentlich werden bis Ende nächsten Jahres hier nicht Lkw die Stadt verstopfen“, sagt einer der Beamten: „Die Leute wissen nicht, was auf sie zukommt. Man hat ihnen so viele Lügen verkauft, und sie sind so leichtgläubig. Sogar mit manchen meiner besten Freunde kann ich nicht reden“, seufzt er, „es ist ein trauriger, trauriger Tag.“

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