Hitlers Bomben und Putins Zorn: Das Leben der Madeleine Albright
Vor ihrer Meinung und ihren Anstecknadeln war niemand sicher – auch Wladimir Putin nicht. Als Madeleine Albright dem gerade erst zum Präsidenten aufgerückten Zögling Boris Jelzins im Kreml besuchte, trug sie unübersehbar einen Affen an ihrer Bluse. Als Putin, über die politische Bedeutung ihre Anstecknadeln informiert, fragte, was sie ihm den damit mitteilen wolle, blaffte sie ihn an: „Weil ich ihr Vorgehen in Tschetschenien für bösartig halte.“
Der sonst chronisch unterkühlte ehemalige KGB-Spion soll den ganzen Abend vor Zorn gekocht haben. Albright aber hatte wieder einmal ihre zwei prägendsten Wesenszüge ausgespielt: Gnadenlose Offenheit und unstillbarer Hass auf kriegslüsterne Diktatoren.
Zweimal geflohen
Albrights Kindheit und Jugend waren vom Wirken zweier dieser Diktatoren geprägt. 1937 in Prag als Kind eines tschechoslowakischen Diplomaten geboren, wurde die kleine Marie Jana durch Hitlers Einmarsch in der Tschechoslowakei im Frühjahr 1939 zum ersten Mal zum Flüchtling. Die Familie verbrachte die Kriegsjahre im Exil in London. Die Nächte im Luftschutzkeller, während der deutschen Bombenangriffe auf London zählen zu den ersten bewussten Erinnerungen der Außenpolitikerin. Kaum nach Prag zurückgekehrt, zwang die Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei die Familie, Parteigänger des sozialdemokratischen Präsidenten Edvard Benes, zum zweiten Mal in die Flucht.
Das ganze Ausmaß der Tragödie ihrer Familie sollte Madeleine Albright erst Jahrzehnte später erfahren, als sie bereits die US-Regierung unter Bill Clinton bei der UNO vertrat.
Jüdische Herkunft
Die Korbels waren eine jüdische Familie gewesen, die erst im Exil unter dem Eindruck des Massenmordes an den Juden zum Katholizismus konvertiert war. Mehr als 20 Verwandte waren Opfer des Holocaust geworden, Marie Jana und ihre Geschwister aber sollten nichts von all dem erfahren. Die Eltern erzogen sie katholisch, erfanden eine Familienbiografie, aus der alles Jüdische verschwunden war.
Wie so viele Europäer, die auf der Flucht vor den Nazis, oder den Kommunisten in die USA gekommen waren, war auch Albright geprägt vom unerschütterlichen Glauben an die moralische Überlegenheit der USA, und deren weltpolitische Rolle als Supermacht.
Durch versöhnliche Politik, das hatte ihre alte Heimat, die Tschechoslowakei, erfahren müssen, war ein Diktator wie Hitler nicht zu stoppen gewesen. Die USA also, so erklärte sie 1997 bei ihrem Antritt als erste US-Außenministerin, dürften „nicht davor zurückschrecken, eine globale Führungsrolle zu übernehmen, nicht zögern, ihre eigenen Interessen zu verteidigen.“
Zu spät gehandelt
Sie musste allerdings selbst erleben, dass ihr Land an dieser Rolle auch scheitern konnte. Als im zentralafrikanischen Ruanda 1994 das massenhafte Morden begann, sahen auch die USA tatenlos zu, während fast ein Million Menschen ihr Leben verlor. Albright machte die UNO und ihren damaligen Chef Boutros-Ghali verantwortlich, nur um Jahre später ihr eigenes Versagen und das von US-Präsident Clinton einzugestehen. Ein Jahr später machten US-Kampfjets dem Morden im Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina endgültig ein Ende. Doch auch dieses Eingreifen, gab Albright schließlich zu, sei viel zu spät erfolgt. Als 1999 die Situation im Kosovo eskalierte, sollten die USA nicht mehr lange zögern und griffen ein. Der Krieg wurde nicht umsonst „Madeleine’s war“ genannt.
mit yassir arafat
Albright hatte gelernt, entschlossen zu handeln und Klartext zu reden, auf der Weltbühne und vor ihren eigenen Landsleuten. Wer die Demokratie verteidigen wolle, meinte sie, müsse dafür sorgen, „dass der Sinn dieser Politik auch zu Hause verstanden und unterstützt wird.“
Humor als Waffe
Also formulierte sie klare, und pointierte Botschaften. Sie scherzte über den chronischen Mangel an hochhackigen Schuhen bei bisherigen US-Außenministern, drohte Diktatoren wie Saddam Hussein offen mit Krieg und legte sich für alle außenpolitischen Umstände eine passende Anstecknadel zu. Putins Affe hatte also viele legendäre Vorläufer. Etwa die Rakete, die sie bei Abrüstungsverhandlungen mit eben den Russen an ihrem Jacket trug. So klein würden die USA ihre Raketen schon hinbringen. meinte sie auf die unvermeidliche Frage ihres Gegenübers: „Wird Zeit, dass sie ernsthaft verhandeln.“
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