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© APA/AFP/STR / STR

Politik Ausland
08/05/2020

Explosion in Beirut: 250.000 Menschen ohne Wohnung

Ammoniumnitrat könnte tödliche Detonation verursacht haben. Hilfszusagen von Israel bis Iran. Österreichische Botschaft beschädigt.

Die Einwohner Beiruts sind Kummer gewohnt. Doch die Explosion im Hafen der Stadt am Mittelmeer war so mächtig, dass sie alles in den Schatten stellt, was die Menschen bisher erlebt haben. Die Bilder und Videos von der Detonation erinnern an den Abwurf einer Atombombe.

Ein riesiger Pilz aus Staub schießt am Dienstag in den Himmel. Die Druckwelle ist so gewaltig, dass sie Hochhäuser zerstört, Autos zertrümmert und Menschen zu Boden schleudert. Zurück bleibt ein Bild der Verwüstung. Und eine Stadt unter Schock.

Der Hafen, die Lebensader des Landes, liegt zu großen Teilen in Schutt und Asche. Auch die angrenzenden Wohngebiete, darunter Beiruts berühmte, beliebte und oft belebte Ausgehviertel, sind zerstört. Kein Haus bleibt ohne Schäden. Selbst in Orten rund 20 Kilometer von Beirut entfernt gingen Fensterscheiben zu Bruch.

Mindestens 100 Menschen starben

Auch die Opferzahl ist verheerend: Mindestens 100 Menschen starben, etwa 4.000 wurden verletzt. Beiruts Gouverneur Marwan Abbud schätzt, dass bis zu 250.000 Einwohner ihre Wohnungen verloren haben. Der Politiker war so verzweifelt, dass es bei einem Besuch am Unglücksort vor laufender Kamera kurz in Tränen ausbrach.
 

Schon vor der Explosion war die Wut der Menschen auf die libanesische Machtelite groß. Jetzt ist sie noch weiter gewachsen. Eine Frau, die auf ihrem beschädigten Balkon steht, weint und brüllt: "Präsident, Regierung und Parlament sollten sofort zurücktreten."
 

Die genaue Ursache der Explosionen war vorerst noch unklar - laut Ministerpräsident Hassan Diab waren 2750 Tonnen Ammoniumnitrat detoniert. Das Material sei seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht gewesen. Weshalb es explodierte, war zunächst ungewiss (mehr dazu weiter unten).

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Der heftigen Explosion war nach libanesischen Medienberichten eine Kleinere vorausgegangen. Videos zeigten Bilder von unter Trümmern feststeckenden Menschen, einige von ihnen waren blutverschmiert. Am Himmel stand eine riesige Rauchwolke, zahlreiche Fensterscheiben in angrenzenden Gebäuden zersprangen.

Noch im zehn Kilometer entfernten Flughafen gingen Fenster zu Bruch, die Detonation war sogar im 240 Kilometer entfernten Zypern zu hören. Zahlreiche Wohnhäuser im Umkreis des Hafens wurden zerstört, Autos wie Spielzeug durch die Luft geschleudert. „Wir saßen in unserem Wohnzimmer, und plötzlich fielen uns die Wand und Glas auf den Kopf“, sagte ein Beiruter Bürger.

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Die Sicherheitskräfte halfen fieberhaft – aus Platzmangel in den Krankenhäusern wurden Verletzte auf Parkplätzen behandelt. Die Ursachen der Explosion sind noch unklar. Am Abend gab es Spekulationen, eine große Menge Ammoniumnitrat sei detoniert.

Die Zersetzung des Stoffs, der auch zur Herstellung von Sprengsätzen dienen kann, führt bei höheren Temperaturen zu Detonationen. Die Substanz diente zum Raketenantrieb und vor allem zur Düngemittelherstellung. Innenminister Mohammed Fahmi sagte, libanesische Behörden hätten vor einigen Jahren 2.700 Tonnen des Stoffs an Bord eines Schiffs sichergestellt und ihn seither im Hafen gelagert.

Österreichische Botschaft beschädigt, aber niemand verletzt

Von den zwei gewaltige Explosionen ist auch die österreichische Botschaft in der libanesischen Hauptstadt betroffen, die sich nahe am Hafen befindet. Das Botschaftsgebäude wurde beschädigt, man ist gerade dabei den Schaden zu sichten, Mitarbeiter wurden nicht verletzt, heißt es gegenüber dem KURIER.

Noch ist unklar, wie die Botschaft als Büro in den nächsten Tagen funktionsfähig sein kann, schreibt die Auslandsvertretung auf ihrer Facebook-Seite. Die Botschaft sei aber rund um die Uhr über eine Notfall-Telefonnummer erreichbar, wird betont: "Bitte kontaktieren Sie, falls Sie Angehörige suchen oder Ihnen bekannt geworden ist, dass österreichische Staatsbürger durch diese Katastrophe in Beirut verletzt sind oder Hilfe benötigen, die Botschaft telefonisch unter folgenden Nummern: +961 1 213 052 oder +961 1 213 017. Sie hören dort auf einer deutschsprachigen Banddurchsage die Mobil-Nummer welche Sie in dringenden Notfällen wählen können. Diese Notfall-Telefonnummer der Österreichischen Botschaft Beirut ist permanent erreichbar."

Beschädigt wurde auch ein Schiff der Vereinten Nationen, Blauhelm-Soldaten der Friedensmission im Libanon wären unter den Verletzten. Nicht betroffen: österreichischen Soldaten des Bundesheeres, die sich derzeit im Land befinden. Sie sind wohlauf und unverletzt, teilte Ministeriumssprecher Michael Bauer via Twitter mit.

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Massive Krise

Die Katastrophe trifft den Libanon  in einer ohnehin massiven Krise: Die katastrophalen Wirtschaftszahlen – durch das Coronavirus noch verschärft – stürzen immer mehr Menschen in die Armut. Auch die nach Protesten neu gebildete Regierung kann Misswirtschaft und Korruption nicht Herr werden. In dem Land, das etwa so groß wie Kärnten ist, befinden sich mehr als 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge.

Seit Monaten gehen Teile der Bevölkerung auf die Straße, protestieren unter anderem gegen die schlechte Stromversorgung. Nur wenige Stunden vor der Explosion wollten Demonstranten das Energieministerium stürmen.

"Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allgemeinen", sagte der libanesische Analyst Makram Rabah. Die Menschen könnten ihre Häuser nicht wieder aufbauen, weil ihnen das Geld fehle. Der Hafen in Beirut sei zudem die Lebensader des Landes. Da dort unter anderem Getreidesilos zerstört worden sei, müsste das Land jetzt mit Hunger und Engpässen bei Brot rechnen.

Regierungen anderer Länder zeigten sich betroffen und stellten dem Libanon Unterstützung in Aussicht: Frankreich kündigte Hilfen an. Auch Israel, das derzeit an der libanesischen Südgrenze seine Streitkräfte aufgrund einer Krise mit der libanesischen Hisbollah verstärkt, bot „medizinische humanitäre Hilfe“ an.

Ammoniumnitrat könnte tödliche Detonation verursacht haben

Unterdessen geht die Suche nach der Ursache der Explosion weiter: Eine sehr große Menge Ammoniumnitrat könnte nach Einschätzung des libanesischen Ministerpräsidenten Hassan Diab die Detonation in Beirut mit Dutzenden Toten und Tausenden Verletzten verursacht haben. Es sei "unvertretbar", dass eine Ladung von schätzungsweise 2750 Tonnen der Substanz in einer Halle am Hafen gelagert worden sei, sagte Diab in der Nacht zum Mittwoch dem Präsidialamt zufolge. 

Der Stoff sei dort sechs Jahre lang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden. Zuvor hatte es bereits entsprechende Spekulationen gegeben. Berichten zufolge hatten libanesische Behörden im Jahr 2013 einem Frachtschiff die Weiterfahrt wegen verschiedener Mängel untersagt, das von Georgien ins südafrikanische Mosambik unterwegs war. Der Besatzung gingen Treibstoff und Proviant aus, der Inhaber gab das Schiff dann offenbar auf. Der Crew wurde nach einem juristischen Streit schließlich die Ausreise genehmigt. Das Schiff blieb zurück mit der gefährlichen Ladung, die in einem Lagerhaus untergebracht wurde.

Ammoniumnitrat, das auch zur Herstellung von Sprengsätzen dienen kann, kann bei höheren Temperaturen detonieren. Die Substanz dient zum Raketenantrieb und vor allem zur Herstellung von Düngemittel. Die farblosen Kristalle befanden sich auch in dem Gefahrgutlager der chinesischen Stadt Tianjin, wo 2015 nach einer Serie von Explosionen 173 Menschen getötet wurden. In Deutschland fällt die Handhabung von Ammoniumnitrat unter das Sprengstoffgesetz.

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Hilfszusagen von Israel bis Iran

Nach den verheerenden Explosionen haben sich Staaten weltweit erschüttert gezeigt und ihre Hilfe angeboten, darunter in seltener Einigkeit auch Israel und der Iran. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und US-Außenminister Mike Pompeo sprachen den Angehörigen der Toten ihr Mitgefühl aus und boten Unterstützung an.

In Österreich hat die Junge Generation in der SPÖ die Bundesregierung aufgerufen, umfassende humanitäre Hilfe bereitzustellen. Beileidsbekundungen seien nicht genug.

Zu den ersten Ländern, die ihre Hilfe zusagten, gehörten die Golfstaaten. Katar will demnach Feldlazarette zur Versorgung der tausenden Verletzten schicken. Kuwait sagte die Entsendung medizinischer Nothilfe zu. Jordaniens Außenminister Ayman Safadi erklärte, sein Land sei zu jeder Hilfe bereit, die der Libanon nun benötige.

Ähnlich äußerte sich der Iran. Sein Land bete zudem für das "großartige und widerstandsfähige Volk des Libanon", twitterte Außenminister Mohammad Javad Zarif und fügte hinzu: "Bleib stark, Libanon".

Selbst Israel, das sich formell immer noch im Krieg mit dem Nachbarn befindet, bot humanitäre Hilfe an: Über die internationalen Vermittler hätten Verteidigungsminister Benny Gantz und Außenminister Gabi Ashkenasi "medizinische und humanitäre sowie sofortige Nothilfe angeboten", hieß es in einer Erklärung. Von libanesischer Seite wurden die Hilfsangebote jedoch zurückgewiesen. Darauf angesprochen sagten Regierungsvertreter: "Wir nehmen keine Hilfe von einem feindlichen Staat an." Der Libanon und Israel haben keine diplomatischen Beziehungen. Libanesen sind jegliche Kontakte mit Israelis verboten. An der Grenze kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen der israelischen Armee und der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah.

Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian erklärt, sein Land sei bereit, die Unterstützung zu leisten, die von der libanesischen Regierung als notwendig erachtet werde.

Russland Präsident Wladimir Putin erklärte, sein Land teile den Schmerz des libanesischen Volks und hoffe, dass alle Verletzen rasch wieder genesen werden.

Ägypten äußerte sich unterdessen "tief besorgt" über die Zerstörungen. Der Chef der Arabischen Liga, Ahmed Abul Gheit, äußerte sein Beileid und betonte gleichzeitig die "Notwendigkeit, die Wahrheit über die Explosionen herauszufinden".

Tschechien will ein Hilfsteam in den Libanon schicken. Die Spezialeinheit der Feuerwehr werde am Nachmittag abfliegen, teilte Innenminister Jan Hamacek bei Twitter mit. Das Team ist auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert. Dabei sind fünf Suchhundeführer mit ihren Tieren sowie mehr als 30 weitere Einsatzkräfte.

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