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Politik Ausland
11/23/2020

Verschwörungsfilm: Corona soll die Armen "auslöschen"

Der Verschwörungsfilm „Hold-Up“ enthält wirre Thesen und Vorwürfe an die Reichen – und ist ein Mega-Erfolg.

von Josef Schmidt

Monique Pinçon-Charlot nimmt drastische Worte in den Mund. „Wir befinden uns im Dritten Weltkrieg, einem Klassenkrieg“, sagt die französische Soziologin mit besorgtem Blick in die Kamera. „Es gibt einen Holocaust, der den ärmsten Teil der Menschheit auslöschen wird, das heißt 3,5 Milliarden Menschen, welche die Reichen für das Absichern ihres Überlebens nicht mehr brauchen.“

Pinçon-Charlots ist eine von fast 40 Teilnehmern des Films „Hold-Up – Rückblick auf ein Chaos“, der derzeit in Frankreich Furore macht. Er verquickt eine Reihe von Verschwörungstheorien rund um das Coronavirus miteinander – auch wenn sie mit Blick auf die Faktenlage nicht unbedingt zusammenpassen. Denn einerseits wird das Virus darin als „kleine Grippe“ dargestellt, auf die die Regierung mit unverhältnismäßigen und noch dazu nutzlosen Freiheitsbeschränkungen reagiert habe; andererseits handle es sich um eine von einer korrupten Elite künstlich und bewusst geschaffene Gefahr für die Menschen.

Instrumentalisiert

Pinçon-Charlot hat inzwischen beklagt, dass ihre Worte instrumentalisiert und aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. Von dem Film distanzierte sich auch der ebenfalls interviewte Ex-Gesundheitsminister Philippe Douste-Blazy.

Drei aufgestellte Behauptungen schockierten ihn besonders, mit denen er nicht in Zusammenhang gebracht werden wolle, sagt er heute: Dass die Pandemie angeblich seit mehreren Jahren bekannt sei, dass Bill Gates, mit dem er in der von Douste-Blazy selbst mitbegründeten Organisation Unitaid ( Internationale Fazilität zum Kauf von Medikamenten, von der WHO beherbergt, Anm.) gearbeitet habe, sie zu seiner finanziellen Bereicherung ausschlachte, und dass die französische Forschungseinrichtung Institut Pasteur, eines der „größten Aushängeschilder der weltweiten Wissenschaft“, das Virus geschaffen haben soll. Das unterstellen in dem Film unter anderem Mediziner, welche überwiegend für ihre abseitigen Positionen bekannt sind. Zu Wort kommen außerdem Unternehmer, Philosophen, aber auch Taxifahrer als „Decodierer“ der Gesellschaft.

Mehrere Millionen Mal wurde das gut zweieinhalbstündige Werk des früheren Journalisten Pierre Barnérias inzwischen angesehen, das sich aus einer Crowdfunding-Kampagne finanzierte, bei der innerhalb kurzer Zeit über 180.000 Euro zusammenkamen. Prominente wie die Schauspielerinnen Sophie Marceau und Juliette Binoche, die Sängerin und ehemalige Präsidentengattin Carla Bruni oder Maxime Nicolle, Wortführer der „Gelbwesten“-Protestbewegung, unterstützten seine Verbreitung.

Keine Belege

Seit der Veröffentlichung spaltet der Streifen das Land – in Corona-Skeptiker, die Faktenchecks als Zensurversuche abtun, und in jene, die auf wissenschaftlich belegte Aussagen setzen. Die fehlen.

Im Stil eines Dokumentarfilms werden vermeintliche Informationen aneinandergereiht, die der späteren Überprüfung selten standhalten. Erwiesenermaßen falsch ist etwa die Behauptung, die Welt-Gesundheitsorganisation WHO habe Autopsien von Corona-Toten verboten – sie forderte lediglich Schutzmaßnahmen. Auch klingt eine Sequenz mit Fragen des kanadischen Abgeordneten Randy Hillier zur möglichen Errichtung von „Quarantäne-Lagern“ für Einreisende, als seien diese beschlossene Sache – unerwähnt bleibt die Versicherung des kanadischen Premierministers Justin Trudeau, es handele sich um nichts weiter als eine „Desinformationskampagne“.

Die Macher des Films sehen als Beweis für die Unsinnigkeit von Lockdowns, dass die Zahl der Corona-Toten in Frankreich in den ersten Wochen des Lockdowns im März stark anstieg – und verschweigen, dass sich die Betroffenen in den Wochen zuvor infiziert hatten und es eine Inkubationszeit gibt.

Misstrauen in Regierung

Der Erfolg des Verschwörungsfilms erklärt sich auch durch das große Misstrauen gegenüber der Regierung, der eine Mehrheit der Franzosen schlechtes Krisenmanagement bescheinigt. Gegen mehrere frühere und aktuelle Kabinettsmitglieder gingen Klagen ein, die zu einer Untersuchung wegen möglicher Fehler und Nachlässigkeiten führten. In Umfragen sagt mehr als die Hälfte der Franzosen, auch bei Vorhandensein eines Impfstoffs nicht darauf zurückgreifen zu wollen. „Hold-Up“ tut alles dafür, sie darin zu bestärken.

Aus Paris, Simone Weiler

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