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Politik Ausland
11/20/2020

Ausgehetzt? Berliner Justiz geht gegen Attila Hildmann vor

Der vegane Kochbuchautor beleidigt, droht und hetzt – das brachte ihm viele Anzeigen ein, aber noch keine Anklage. Das soll sich nun ändern.

von Sandra Lumetsberger

Attila Hildmann wirkt beunruhigt. In der Nacht auf Freitag rief er seine 118.000 Anhänger im Messengerdienst Telegram auf, den Newsletter seiner Webseite zu abonnieren – „falls die Hochverräter meinen Kanal killen“. Wer dem Link folgte, kam auf eine Seite, wo für Rezepte, und Gewinnspiele geworben wird. Und überhaupt für ihn: In TV und Presse würde er als Star der veganen Küche gefeiert, ist zu lesen. Das war einmal. Genauso wie seine Auftritte in Talkshows, oder Sendungen wie „Let’s Dance“, der deutschen Ausgabe von „Dancing Stars“.

Heute macht der 39-jährige Kochbuchautor anders Schlagzeilen. Im Mai schwadronierte er mit Megafon auf der Wiese vor dem Bundestag über Eliten, die angeblich Massenmord und Versklavung der Menschheit planen, also die gängige Verschwörungskiste wenn es um das Coronavirus geht. Es folgten weitere Aufrufe zu Demonstrationen – mit Publikum, das aggressiver wurde. Genauso wie seine Aussagen, die als antisemitisch und rechtsextrem eingestuft werden.

Seit Monaten gehen dazu Anzeigen ein. Gegen Hildmann wird wegen Verdachts auf Volksverhetzung, Bedrohung und Beleidigung ermittelt. Die Staatsanwaltschaft in Brandenburg, wo der Mann wohnt, konnte sich aber bisher nicht entscheiden, ob sie Anklage erhebt oder nicht. Nun übernimmt die Berliner Justiz den Fall.

60 Bände Akten sowie weitere 33 Fallakten sind in der Hauptstadt eingetroffen. Bereits am Dienstag stattete ihm der Staatsschutz einen Besuch ab, beschlagnahmte  Laptops, Handys, SIM-Karten, USB-Sticks und Festplatten. „Wir klären auf, ob und in welchem Umfang Attila Hildmann durch seine Äußerungen die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten und sich strafbar gemacht haben könnte“, twitterte die Staatsanwaltschaft Berlin am Donnerstag.

Hildmanns Strategie wird geprüft

Zudem will man klären, ob die Verwendung des Konjunktivs die gerichtliche Verfolgung erschwert, wird Generalstaatsanwältin Margarete Koppers zitiert. „Auch wenn jemand scheinbar im Konjunktiv spricht, kann das unter Umständen dieselbe aufhetzende Wirkung bei den Zuhörenden auslösen.“

Mit dieser Strategie scheint sich Hildmann durchzulavieren. Als er im Sommer Grünen-Politiker Volker Beck verbal angriff, schickte er voraus: „Wenn ich Reichskanzler wäre“, und setzte dann fort: Für Beck solle in diesem Fall die Todesstrafe „durch Eiertreten“ eingeführt werden. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung schloss Volker Beck nicht aus, dass so ein Gerede bei Anhängern zu realer Gewalt führen könnte.

In Berlin bespritzten Unbekannte kürzlich mehrere Objekte im Pergamonmuseum, das Hildmann in seinem Telegram-Kanal als „Thron des Satans“ bezeichnet hatte. Gegen die Fassade des Robert Koch-Instituts (RKI) warfen sie Brandsätze. Die Experten des Instituts beobachten seit Monaten die Ausbreitung des Coronavirus und beraten die deutsche Bundesregierung. Für den Verschwörungsideologen wäre das RKI aber einer der „Hauptverbrecher der BRD“, genauso wie die Politiker Angela Merkel, Markus Söder, Jens Spahn sowie gebührenfinanzierte Medien und Konzernmedien.

Muskelbepackter Veganer

Kein Problem scheint er mit den Medien zu haben, wenn er sich mit ihnen als Geschäftsmann legitimieren kann. Auf seiner Webseite sind Sender-Logos mit Verweis auf frühere Auftritte zu sehen. Lange vor Corona war er gern gesehener Gast in diversen Sendungen. Als Veganismus neu aufkam und polarisierte – so wie Hildmann, der sich zu verkaufen wusste: Einen muskelbepackten Veganer, der Porsche fährt und selbstbewusst für seinen Lebensstil wirbt – das gab’s vorher nicht im deutschen Fernsehen. Mit TV-Koch Tim Mälzer stritt er sich auf Facebook; der Tagesspiegel-Journalistin, die einen Burger in seinem 2017 eröffneten Imbiss kritisierte, wollte er ihr am liebsten „Pommes in die Visage stopfen“. Dann legte er in einem Facebook-Post nach, lud weitere Journalisten zum Test-Essen ein, stellte dazu ein Foto von sich selbst mit einer Schusswaffe in der Hand und schrieb unter anderem: „Ich werde ruhig bleiben, es sei denn, sie schreiben oder sagen wieder irgendeine Scheiße, dann werde ich diesmal komplett ausrasten!“

Eskaliert ist er, als ihn die Berliner Polizei einmal wegen Falschparken belangen wollte und ihn dann wegen Widerstand und Beleidigung anzeigen musste. Abgeführt und festgenommen, so war er zuletzt auch bei den Anti-Corona-Demonstrationen zu sehen. Und ist es demnächst vielleicht vor Gericht.

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