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Politik Ausland
10/22/2021

Ungarischer Aufstand 1956: Zeitzeugen erinnern an den Freiheitskampf

Es war der Beginn des Endes der Vorherrschaft der Sowjets: Drei Zeitzeugen erinnern sich an den Ungarischen Aufstand 1956.

von Caroline Ferstl

Es war ein Aufstand aller Klassen: Studierende, Arbeiter, Intellektuelle, Kommunisten und Sozialdemokraten gegen das sowjetische System. Ursprünglich aus Solidarität zu Polen, das vor Kurzem einen Moskau nicht genehmen KP-Chef eingesetzt hatte, forderten am 23. Oktober 1956 200.000 Ungarn vor dem Parlament in Budapest Meinungs- und Pressefreiheit, freie Wahlen und Unabhängigkeit.

Der Aufstand weitete sich aus auf das ganze Land – bis er am 4. November von den sowjetischen Truppen brutal niedergeschlagen wurde. Über 700 sowjetische Soldaten und 2.500 Ungarn starben, 200.000 flohen gen Westen, die Hälfte kehrte nie zurück.

Die Revolution gilt trotz ihres Scheiterns als die erste größere Bedrohung der sowjetischen Vorherrschaft in Osteuropa in der Nachkriegszeit. Für den KURIER blicken drei Zeitzeugen 65 Jahre zurück.

"Wir dachten, wir hätten es geschafft"

Paul Lendvai (92) ist Autor und Publizist und ehemaliger Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF.

Am Abend des 23. Oktobers saß Paul Lendvai mit Freunden in einem Lokal in Budapest und ließ den Arbeitstag Revue passieren. "Ich war damals seit zwei Wochen bei der Zeitung Esti Budapest, als Leiter der Außenpolitik" – nach drei Jahren Berufsverbot und acht Monaten Gefängnis, "weil ich politisch unzuverlässig war". Vom Aufstand selbst bekam er am Abend wenig mit. Das änderte sich am nächsten Morgen.

Der damals 27-Jährige  wohnte vis-à-vis der Kaserne, wo der Aufstand seinen Anfang nahm. Tagelang konnte er die Wohnung nicht verlassen. "Natürlich teilte ich die Hoffnung auf eine demokratische Wende. Wir dachten, wir hätten es geschafft", erinnert sich der Publizist und spätere Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF. Mit dem brutalen Angriff  der sowjetischen Truppen habe er nicht gerechnet.

Während einer Feuerpause flüchtete Lendvai zu einem Freund. Als der heute 92-Jährige am 3. November in seine Wohnung zurückkehrte, war diese von den sowjetischen Kanonen zerstört worden: "Alle meine Bücher waren vernichtet."

Lendvai ging nach Warschau, um die Protestierenden dort zu unterstützen. Währenddessen wurden Freunde in Ungarn verhaftet. Er beschloss, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Alles, was er bei sich hatte, waren zwei Anzüge.

Er  bekam ein Visum in Warschau, von dort ging es über Prag  weiter nach Wien. Sieben Jahre später sollte Lendvai zum ersten Mal wieder nach Ungarn reisen – als Korrespondent der Presse, gemeinsam mit dem damaligen Außenminister Bruno Kreisky. Danach stand er mehrere Jahre lang auf der schwarzen Liste.

Zur aktuellen Situation sagt der Orbán-Biograf: "Keine Regierung, weder Horthy im Zweiten Weltkrieg noch die Kommunisten, war so korrupt wie Orbáns. Sein Sturz mit demokratischen Mitteln ist fraglich."

"Ich traute mich nicht, zurückzukehren"

Johann Szegö (85) ist Autor und Fremdenführer in Wien.

Johann Szegö erinnert sich an eine Theatervorstellung von Schillers Don Carlos im September 1956 in Budapest: "„Als Marquis von Posa auf die Knie fiel und forderte: ,Sire, geben Sie Gedankenfreiheit’, hat das Publikum tosend applaudiert. Der Aufbruch im Land war deutlich spürbar."

Szegö, damals ein 20-jähriger Student, war am 23. Oktober selbst auf der Straße friedlich demonstrieren. Am Abend des 23. Oktobers saß er mit Unikollegen beisammen, unmittelbar in der Nähe der Rundfunkzentrale, wo die ersten Schüsse fielen. "Wir stürmten nach draußen und sagten, sie sollen die Verwundeten zu uns bringen – viele meiner Freunde waren  Ärzte", erinnert sich der heute 85-Jährige. "Meine Eltern waren wahnsinnig erleichtert, als ich an diesem Abend unversehrt nach Hause kam", erzählt Szegö, heute als Fremdenführer tätig.

Während der letzten Tage des Aufstands habe es ausgeschaut, "als hätten die Protestierenden wirklich eine Chance auf einen Sieg". Doch am Morgen des 4. November – "es war ein Sonntag" – drehte sich der Spieß: "Der Lärm draußen war ohrenbetäubend." Die Sowjets kamen. In den nächsten Wochen hörte man bereits Gerüchte über Fluchtversuche gen Westen.

Am 8. Dezember 1956 verließ auch Szegö – mit einer Zahnbürste, einem Paar Socken und einer frischen Unterwäsche in der Aktentasche – die Hauptstadt und reiste mit dem Zug nach Sopron. Von dort gelangte er illegal  über die Grenze nach Österreich. Seine Eltern blieben in Budapest, "doch sie haben verstanden, dass ich wegwollte." 1967 kehrte er zum ersten Mal zurück – mit österreichischer Staatsbürgerschaft. "Davor hatte ich mich nicht getraut."

Szegö betont die Freundlichkeit der  Österreicher, mit der er aufgenommen wurde: "Wir erfuhren eine unglaubliche Hilfsbereitschaft. So etwas gibt es heute nicht mehr."

"Die Fidesz instrumentalisiert die Geschichte der Ungarn"

Béla Rásky (64) ist Historiker und war langjährige Leiter des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien.

Béla Rásky wurde ein Jahr nach der Revolution in Wien geboren. Seine Eltern hatten der Heimat am 4. November 1956 den Rücken gekehrt – just an dem Tag, als die Sowjets die Proteste niederschlugen und die Protestierenden keine Chance mehr für Ungarns Freiheit sahen. Der Historiker und langjährige Leiter des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien erinnert sich an ungarische Bekannte, die regelmäßig über die Grenze kamen und Geschenke aus der alten Heimat mitbrachten. "Eines Tages, schworen meine Eltern, würden sie wieder zurückkehren. Aber nicht, solange die kommunistische Regierung an der Macht war", erzählt Rásky.

Daraus wurde jedoch nichts: Als 1989 die Wende kam, war Ráskys Vater bereits verstorben.

Rásky studierte Geschichte. Als Student engagierte sich der heute 64-Jährige im Sozialistischen Osteuropakomitee und schrieb für die Zeitschrift Gegenstimmen. Das brachte ihm prompt Einreiseverbot ein. Zehn Jahre lang, bis zur Wende, galt er als Persona non grata des Regimes. Sein Engagement brach jedoch nicht ab, er unterstützte weiterhin oppositionelle Journalisten mit Schreibmaschinen und Infos aus dem Westen.

"Besonders tragisch ist, dass die Schwächsten der Protestierenden am meisten unter der Vergeltung des Regimes zu leiden hatten": 22.000 Personen wurden  verurteilt, über 200 davon hingerichtet – mehr als nach 1945.

Rásky warnt vor großen Märschen von Fidesz-Anhängern, die für den 23. Oktober angesetzt sind. Aber: "1956 spielt nicht mehr wirklich eine Rolle in der Gesellschaft. Vielleicht ist das auch gut so. Denn die Vergangenheitspolitik der Fidesz, die Instrumentalisierung und Umschreibung der Geschichte, bringt  Ungarn nicht weiter. Da ist eine gewisse Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber der Vergangenheit fast besser."

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