Paul Lendvai

© Kurier / Jeff Mangione

Interview
06/14/2021

Paul Lendvai: "Ungarn ist sehr gut geschminkt"

Der Journalist und Osteuropaexperte Paul Lendvai spricht über die „verschiedenen Varianten von Diktaturen“ und die fehlenden roten Linien der EU im Kampf dagegen.

von Martina Salomon

Osteuropaexperte Paul Lendvai nimmt sich kein Blatt vor den Mund und kritisiert Russland scharf.

KURIER: EU-Kommissar Johannes Hahn meint, das 21. Jahrhundert werde geprägt sein vom Wettstreit zwischen der Demokratie westlichen Zuschnitts und einer Diktatur, gepaart mit Turbokapitalismus, wie sie in China herrscht. Glauben Sie das auch?

Paul Lendvai: Ich würde nicht nur China sagen. Es ist ja auch eine Auseinandersetzung mit Russland. Das ist für uns wichtiger und näher. Es existieren verschiedene Variationen von Diktaturen. Es gibt auch hybride Systeme wie Ungarn und Polen oder korrupte wie in Bulgarien. Dort, wo man schlechte Regierungen vertreiben kann, herrscht noch keine totale Diktatur. Aber es gibt geschminkte Diktaturen.

Und Ungarn ist eine?

Ungarn ist sehr gut geschminkt.

Wie groß ist die Chance, dass Viktor Orbán abgewählt wird?

Da bin ich sehr skeptisch.

Haben Sie schon Einreiseverbot in Ungarn?

Nein, überhaupt nicht.

Die litauische Ministerpräsidentin Ingrida Šimonyte warnt in einem Presse-Interview vor dem zunehmenden russischen Imperialismus, lehnt daher auch Nord Stream 2 ab. Ihre Meinung?

Es hat sich als Wunschtraum erwiesen, Russland durch Handel zu retten. Die Peitsche der Sanktionen und Kreditsperren könnte die Prioritäten der russischen Außenpolitik entscheidender beeinflussen.

Es gibt schon Sanktionen, unter denen auch die österreichische Wirtschaft leidet.

Welche Sanktionen? Jetzt kann der russische Oligarch Oleg Deripaska gerade indirekt via Sigi Wolf in Oberösterreich eine Fabrik übernehmen (MAN in Steyr).

Sollen wir keine Geschäfte mehr mit Russland machen?

Nein, aber nicht so, dass wir uns ausliefern.

Wie gefährlich ist Russland?

Die Situation hat sich leider geändert. Man muss nur beobachten, was mit Leuten passiert, die Putin kritisieren.

Hugo Portisch meinte in einem KURIER-Interview, Russland sollte näher an Europa rücken. Hat Europa in der Ukraine-Frage nicht auch unsensibel gegenüber Russland gehandelt?

Ich widerspreche meinem ältesten, schon toten Freund nur ungern. Aber die Vorstellung eines Europa von Lissabon bis Wladiwostok ist falsch – leider. Wir beobachten in Russland eine wirtschaftliche und soziale Bankrotterklärung. Putin benutzt die Außenpolitik als Ablenkungsmanöver. Für die EU muss es rote Linien geben. Dank der Hilfe Moskaus konnte der weißrussische Präsident Lukaschenko überleben, der einfach ein Flugzeug aus der EU entführt.

Auch China mischt weltpolitisch immer mehr mit, bemüht sich um die Balkanstaaten und um Afrika, vergibt an alle Kredite.

Chinas System feiert Erfolge und funktioniert besser als das russische System, obwohl wir auch dort eine kommunistische Einmannherrschaft haben. Ich hielte ein russisch-chinesisches Bündnis für sehr gefährlich.

Wäre es dann nicht besser, wenn Europa ein Bündnis mit Russland eingehen würde, um China die Stirn zu bieten?

Um Gottes willen, das ist, als würden Sie Ihr Haus schützen, indem Sie einen Räuber einladen. Es gibt nichts Besseres als die vielgeschmähte Europäische Union. Bekennen wir uns zur liberalen Demokratie und halten wir lieber unser eigenes freies System besser in Gang, als auf andere zu setzen. Natürlich ist es auch ein unglaubliches Glück für uns, dass in den Vereinigten Staaten mit Joe Biden wieder ein vernünftiger Politiker am Ruder ist und nicht ein wirklicher Freund von Putin. Donald Trump hat kein schlechtes Wort über Putin verloren.

Manche behaupten, dass auch in Österreich „Orbánisierung“ droht.

Ich glaube nicht, dass Österreich in ernster Gefahr ist.

Wie viel Orbán steckt denn in Sebastian Kurz?

Wenig, ich schlafe noch recht ruhig in Österreich.

Der gebürtige Ungar, Journalist und Buchautor Paul Lendvai (91) ist wahrscheinlich der längstdienende Moderator der Welt, leitet das ORF-Europastudio und wurde vielfach ausgezeichnet. Das Interview fand am Wochenende vor Publikum während der Medientage in Aussee statt.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.