Überraschende Umfrage: Griechen fürchten die USA mehr als Russland
Die Bevölkerung Griechenlands weicht in ihrer Wahrnehmung internationaler Bedrohungen und Bündnisse deutlich vom europäischen Durchschnitt ab. Das geht aus einer europaweiten Umfrage von Polling Europe hervor, deren Ergebnisse in Hellas exklusiv von der Tageszeitung Kathimerini veröffentlicht wurden.
Während EU-weit 45 Prozent der Befragten Russland als größte Bedrohung für Europa ansehen, lagen in Griechenland diesbezüglich die USA mit 31 Prozent vor Russland (29 Prozent).
Im EU-Durchschnitt betrachten lediglich 21 Prozent die USA und 12 Prozent China als größte Gefahr. Die Erhebung wurde in Griechenland vom Meinungsforschungsinstitut Prorata durchgeführt.
Auch bei der Frage nach den wichtigsten Partnern der Europäischen Union unterscheidet sich Griechenland von den meisten anderen Mitgliedstaaten. Zwar antwortet sowohl in Griechenland als auch EU-weit die größte Gruppe mit „keiner“. Unter den übrigen Antworten nennen in Griechenland jedoch 24 Prozent die USA, 20 Prozent Russland und 16 Prozent China als bedeutendste Verbündete der EU. Damit weist Griechenland laut der Umfrage den höchsten Anteil an Befragten auf, die Russland als Verbündeten Europas betrachten.
Experte: Kombination historischer und sicherheitspolitischer Faktoren
Der wissenschaftliche Leiter von Prorata, Angelos Seriatos, erklärt dieses Bild mit einer Kombination historischer und sicherheitspolitischer Faktoren. Zwar habe Griechenland seine strategische Zusammenarbeit mit den USA in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut - unter anderem durch die Vertiefung der Verteidigungskooperation und die Aufwertung von Standorten wie Souda und Alexandroupoli, zwei wichtigen geopolitischen und militärischen Logistikdrehkreuzen der NATO und der USA in Griechenland.
In der Gesellschaft wirkten jedoch weiterhin der historische Antiamerikanismus der Zeit nach dem Ende der Militärdiktatur nach, zudem seien kulturelle und religiöse Bindungen an Russland sowie die Wahrnehmung der Türkei als wichtigste Bedrohung für die nationale Sicherheit bedeutsam.
Der Politikwissenschaftler Giorgos Siakas von der Demokrit-Universität Thrakien bewertet die in Teilen der Bevölkerung vorhandene Russland-Sympathie vor allem als historisch geprägtes Stereotyp. Sie hänge zudem mit einer „Underdog-Kultur“ zusammen - dem Gefühl, Griechenland befinde sich eher an der Peripherie Europas als in dessen politischem Zentrum.
Antiamerikanismus aber deutlich abgeschwächt
Gleichzeitig habe sich der traditionelle Antiamerikanismus in den vergangenen Jahren deutlich abgeschwächt und besitze heute eher symbolischen als politischen Charakter.
Die Ergebnisse verdeutlichen nach Einschätzung der Studienautoren, dass sich innerhalb der Europäischen Union unterschiedliche geopolitische Wahrnehmungen entwickelt haben. Während in Ost- und Teilen Nordeuropas Russland überwiegend als zentrale Bedrohung gelte, sei im Süden Europas eine stärker pragmatische und multipolare Sicht auf internationale Partnerschaften zu beobachten, die neben Sicherheitsfragen auch historische Erfahrungen und wirtschaftliche Interessen berücksichtige.
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