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Warum Drohnen für einen Sieg der Ukraine nicht reichen

Der Drohnenvorsprung schwindet. Nun sind Luftverteidigung, Präzisionswaffen und elektronische Kampfführung entscheidend.
Brand an einer Tankstelle in Sumy

Zu Beginn der russischen Vollinvasion 2022 prägten noch Panzer, Artillerie und Luftverteidigung das Gefechtsfeld. Heute jagen Drohnen andere Drohnen, Störsender legen ihre Navigation lahm und auf nahezu jede neue Entwicklung folgt binnen kurzer Zeit eine Gegenentwicklung. Der Krieg ist zu einem technologischen Wettlauf geworden.

Politisch scheint die Lage schnell beschrieben: Trotz wiederholter diplomatischer Bemühungen zeigt Russlands Präsident Wladimir Putin bislang keine Bereitschaft zu einem Frieden. Militärisch dagegen hat sich das Gefechtsfeld grundlegend verändert.

Bernhard Schulyok, Militärstratege im  Verteidigungsministerium.

Bernhard Schulyok, Militärstratege im  Verteidigungsministerium.

Mit selbst entwickelten Drohnen und hoher Innovationskraft konnte die Ukraine ihre militärische Unterlegenheit zunächst teilweise ausgleichen. Russland zog jedoch rasch nach und kann diese Technologien mittlerweile aufgrund seiner größeren industriellen Kapazitäten in großem Maßstab produzieren und einsetzen.

Kein Geländegewinn durch Drohnen

Damit stellt sich heute eine andere Frage als noch zu Beginn des Krieges: Welche militärischen Fähigkeiten braucht die Ukraine, um sich zu verteidigen? Antworten darauf geben der Politikwissenschaftler und Experte für Militärtechnologie Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München und der Militärstratege Bernhard Schulyok, Referatsleiter für Fähigkeitenentwicklung im österreichischen Verteidigungsministerium.

Militärtechnologie-Forscher Frank Sauer von der Bundeswehr Uni.

Militärtechnologie-Forscher Frank Sauer von der Bundeswehr Uni.

„Heute könnten einzelne Soldaten mit FPV-Drohnen Ziele bekämpfen, für die früher ganze Artilleriebataillone nötig gewesen wären“, sagt Sauer. Der militärische Wert der Drohnen sei enorm. Zugleich warnt er davor, ihre Möglichkeiten zu überschätzen: „Drohnen können klassische militärische Fähigkeiten nicht ersetzen. Man kann mit Drohnen kein Gelände nehmen und halten.“

Ohnehin war der Vorsprung nicht von Dauer. „Entscheidend ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis: Sobald die Bekämpfung von Drohnen günstiger und effizienter wird als ihr Einsatz, braucht es neue Technologien, um den Vorsprung zurückzugewinnen“, sagt Stratege Schulyok.

Leistungsfähige Luftverteidigung als Schlüssel

Für den Technologieexperten Sauer liegt genau darin die entscheidende Erkenntnis: Drohnen allein entscheiden keinen Krieg. „Drohnen wirken nur dann nachhaltig, wenn sie in das ganze System aus funktionierender Aufklärung, elektronischer Kampfführung, Luftverteidigung im Nahbereich, Artillerie und Wirkung mit größeren Reichweiten eingebettet sind.“

Für Schulyok ist deshalb klar, worauf sich die Ukraine jetzt konzentrieren muss: eine leistungsfähige Luftverteidigung, weitreichende Präzisionswaffen, ausreichend Artilleriemunition und moderne elektronische Kampfführung.

Vom Panzer zur Drohne

Die Entwicklung des Gefechtsfelds im Zeitverlauf: Die Grafik zeigt, wie neue Technologien und Gegenmaßnahmen den Krieg von 2022 bis 2025 verändert haben.

An erster Stelle steht für beide Experten die Luftverteidigung. Russland greift Städte, Energieinfrastruktur und militärische Einrichtungen nahezu täglich mit Drohnen, Raketen und Gleitbomben an. Die vorhandenen Flugabwehrsysteme reichen nicht aus, um das gesamte Land dauerhaft zu schützen. Nach Angaben der UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission wurden in der ersten Jahreshälfte 2026 insgesamt 1.396 Zivilpersonen getötet und 7.978 verletzt. Das entspricht einem Anstieg von 37 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Doch auch Verteidigung allein reicht aus Sicht Sauers nicht. „Man muss nicht nur die Pfeile, sondern auch den Bogenschützen treffen“, sagt er. Die Ukraine brauche deshalb weitreichende Präzisionswaffen, um Abschussrampen, Munitionslager und Logistikzentren weit hinter der Front anzugreifen und den Druck auf die eigene Luftverteidigung zu verringern.

Schulyok: „Extrem hoher Verbrauch an Artilleriemunition“

Daneben bleiben Artilleriemunition und elektronische Kampfführung unverzichtbar. Schulyok spricht von einem „extrem hohen Verbrauch an Artilleriemunition“. Gleichzeitig werde es immer wichtiger, gegnerische Drohnen aufzuspüren, ihre Funk- und GPS-Verbindungen zu stören oder sie mit einem Waffenmix, wie beispielsweise Laser, Schrotflinten, Maschinenkanonen etc. auszuschalten.

Der Krieg entwickelt sich damit zu einem ständigen Wettlauf zwischen Angriff und Gegenmaßnahme. „Es ist ein ewiges Schere-Stein-Papier-Spiel“, sagt Sauer. Schulyok ergänzt: „Russland hat die Drohnenrevolution übernommen. Jetzt geht es darum, erneut technologisch voraus zu sein.“

Dieser Wettlauf entscheidet sich allerdings nicht allein auf dem Gefechtsfeld. Viele Luftverteidigungssysteme, Präzisionswaffen und Munitionslieferungen stammen aus den USA und Europa. Gleichzeitig versucht Russland laut Schulyok mit Desinformation und Propaganda, den politischen Rückhalt für die Ukraine in westlichen Demokratien zu untergraben. Der Krieg wird deshalb längst nicht mehr nur an der Front entschieden. Er entscheidet sich ebenso in Fabriken, Forschungseinrichtungen und Parlamenten. Dort entscheidet sich, wer den nächsten technologischen Vorsprung erzielt.

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