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Von der Front in den Hörsaal

Tausende Studierende sind trotz Krieges in der Ukraine geblieben. Seit vier Jahren trotzen sie Drohnen, Luftalarm, Kälte und Stromausfällen – und den Zweifeln, ob ihr Tun wirklich Sinn macht in Zeiten von Krieg.
Caroline Ferstl aus Budapest
15. April 2026 in Dnipro: Ein Universitätsgebäude wurde von einer russischen Drohne getroffen.

Das schwarz-weiß gemusterte Hemd mit den langen Ärmeln verdeckt die große Narbe auf der Innenseite von Danylo Shynhelskyis linkem Arm. Der Anfang-20-Jährige wirkt wie jeder andere Student, der das Bachelorstudium fast geschafft hat und sich nun Gedanken macht, wo er seinen Master machen will.

Dass Shynhelskyi mit seinen 23 Jahren bereits drei Jahre Militärdienst hinter sich hat, und die Narbe von einer russischen Kugel, die in seiner Schulter stecken blieb und ihm die Nerven in seinem Arm zerriss, stammt, unterscheidet ihn jedoch von so vielen Gleichaltrigen.

„Ich hatte gerade meine Grundausbildung fertig, als die Vollinvasion begann.“ Shynhelskyi redet schnell. „Ich kämpfte in der Gegenoffensive in Cherson und wurde in Bachmut verletzt.“ Aufgrund seiner Verletzung musste er die Armee verlassen und inskribierte sich für Politikwissenschaften an der Kiew-Mohyla-Akademie. Die Uni war seine „Rehabilitation“: „Es klingt so banal, aber das Wichtigste für mich war die soziale Interaktion. Dass man mit anderen Leuten reden musste, in Kursen und Seminaren. Dass man für Freundschaften andere ansprechen musste.“

Seit viereinhalb Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen Russlands Angriff. Seit viereinhalb Jahren bedeutet das einen Alltag mit Krieg, Luftalarm und Tod, mit Angehörigen und Freunden, die kämpfen, verletzt oder getötet wurden, mit Millionen in Europa verstreuten Ukrainern.

„Moralische Pflicht“

Wissenschaft und Studium, die eigene akademische Laufbahn, kann einem angesichts des täglichen Überlebenskampfes der Ukraine da schon mal wie ein bedeutungsloses Privileg vorkommen, sagt Olha Krasinko. Die 25-Jährige wollte trotz Raketen– und Drohnenangriffen weiter in Kiew Geschichte studieren, seit September 2025 macht sie ihren PhD an der Central European University (CEU) in Wien. „Ich habe in den ersten Monaten das Vertrauen in meine Arbeit verloren. Wenn all dieses Wissen den Angriff nicht stoppen konnte und jetzt weg und geflohen war, wofür machten wir das überhaupt?“

Doch gleichzeitig sah es Krasinko als „moralische Pflicht, zu bleiben und meine Universität und mein Land zu unterstützen.“ Heute erinnert sich die Studentin neben all der Unsicherheit und Angst auch an Momente großer Solidarität: etwa als sich alle Studierenden in den eiskalten Wintermonaten 2022/2023 in der Bibliothek verkrochen, dem einzigen Raum mit Elektrizität, um dort ihre Bücher zu lesen und Laptops aufzuladen.

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Danylo Shynhelskyi ist mit 23 Jahren bereits Kriegsveteran.

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Olha Krasinko blieb trotz des Krieges für ihr Studium in Kiew.

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Tiaisia Tokarchuk sieht es als Inspiration, wie viele Studierende und Wissenschafter trotz des Krieges weitermachten.

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Balázs Trencsényi, Mitgründer der Invisible University for Ukraine, und Historiker an der CEU.

Es sind Geschichten wie diese, die sich die ukrainischen Studierenden auf den Fluren der CEU in Budapest erzählen. Sie treffen sich im Rahmen der Sommeruni der Invisible University for Ukraine am Campus. So unsichtbar ist die Uni in diesen Tagen nicht, der Campus der einst von Viktor Orbán aus Ungarn geschmissenen CEU voller Leben.

Bereits wenige Wochen nach dem 24. Februar 2022 hat die CEU das Programm ins Leben gerufen - in Online–Veranstaltungen können sich ukrainische Studierende neben ihrem eigentlichen Studium mit anderen oder internationalen Vortragenden austauschen. „Wir bemühten uns um so was wie Schadensbegrenzung“, sagt der Mitinitiator und Historiker Balázs Trencsényi, „wir wollten den Studierenden Solidarität und eine Art Mentoring bieten.“ Zweimal im Jahr findet die Uni für eine Woche in Präsenz statt, im Winter in Lwiw, im Sommer in Budapest - eine Woche Uni ohne Luftalarm.

Im hellen Auditorium wird gerade über den EU-Kandidatenstatus der Ukraine, zu erfüllende Minderheitenrechte und Korruptionsprobleme diskutiert. In einem kleinen Hörsaal ein paar Stockwerke weiter oben präsentieren Studentinnen die Themen ihrer Abschlussarbeiten. Der Krieg dominiert nicht nur den Lernalltag, sondern auch die Inhalte: Die 19-jährige Tiaisia Tokarchuk aus dem westukrainischen Oblast Wolyn schreibt darüber, ob der Krieg dazu geführt hat, dass sich mehr junge Menschen ethno–nationalistischen, rechtsradikalen Gruppierungen anschließen. Die Mehrheit der 60 Teilnehmer der Sommeruni sind trotz Krieges in der Ukraine geblieben.

Angst vor langfristigem Brain Drain

Doch der Brain Drain ist enorm: Tausende Studierende sind geflüchtet; viele Universitäten fürchten, dass sie nie wieder zurückkommen – dabei seien sie „der Schlüssel für die Zukunft der Ukraine“, warnt eine Professorin aus Charkiw. Die fehlenden Menschen sind nicht die einzige Herausforderung: Universitätsgebäude wurden zerstört; Russlands Angriffe auf die Stromversorgung sorgt für kalte, verlassene Hörsäle; es fehlt an Möglichkeiten für psychologische Betreuung und – ein Problem, das kaum eine Uni nicht hat - Forschungsgeldern.

Trotzdem gilt die Resilienz der Studierenden auch für die Unis: Die Kiew School of Economics etwa, eine der renommiertesten Unis des Landes, fördert Start-ups, die Militärtechnologien entwickeln. Akademische Forschung mit zivilem Nutzen verbinden, laute das Credo, sagt der Präsident der Uni, Tymofiy Mylovanov. „Ja nicht den Anspruch an die Studierenden senken. Im Krieg lernt man schneller. Und: Was die Ukraine heute aufbaut, wird morgen in Europa nachgefragt.“

Olha Krasinko ist fest entschlossen, nach ihrem PhD nach Kiew zurückzukehren – auch wenn sie einem Kriegsende bis dahin wenig Chancen einräumt. Tiaisia Tokarchuk sagt, sie sehe es als Inspiration, wie viele Studierende und Wissenschafter trotz des Krieges weitermachten. Der junge Kriegsveteran Danylo Shynhelskyi, der noch vor Kurzem mit Abfangraketen Shahed–Drohnen vom Himmel holte, möchte sich in seinem Masterstudium mit Verteidigungspolitik beschäftigen – „vielleicht in Schweden“. Auch weil das Land im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten die Bedrohung durch Russland ernst nehme.

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