Vier Jahre Krieg: Wie geht es den Ukrainern in Österreich?

Was denken Ukrainer in Österreich über die Zukunft der Ukraine? Wollen sie zurück oder bleiben sie? Der KURIER hat nachgefragt.
Eine Frau auf einem Dach schaut auf ein zerstörtes Gebäude

Von Timo Buchhaus

In der Nacht auf den 24. Februar vor genau vier Jahren fielen die ersten Bomben auf die Ukraine, rollten die ersten russischen Panzer ins Nachbarland. Seither tobt  der russische Angriffskrieg ohne Unterlass, mehr als fünf Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflohen. 

94.000 von ihnen  leben derzeit in Österreich. Wie geht es ihnen? Was denken sie über die Zukunft ihres Landes? Wollen sie zurück in die Ukraine oder  ihre Zukunft  in Österreich aufbauen? Der KURIER hat  einige von ihnen gefragt. 


Lilia und Alina

Die 66-jährige Lilia und ihr Mann folgten ihrer Tochter Alina schon bald nach Beginn des Krieges nach Österreich. Lilia liebt ihre Heimatstadt Kiew. Sie wollte eigentlich nie weg. Aber als der Krieg losgeht, und ihre Tochter mit ihren Kindern das Land verlässt, beschließt auch Lilia zu gehen. Sie will Alina helfen. Diese muss sich um zwei Kinder, darunter ihre damals erst 9 Monate alte Tochter, kümmern. 
Wenn man Lilia fragt, wie es ihr in Österreich geht,  sagt sie: „Es geht mir gut. Die Leute haben mich willkommen geheißen.“ Klar, das Interesse der Österreicher am Krieg sei etwas abgeflaut, aber das verstehe sie schon, die Menschen hier hätten eben eigene Sorgen.

Fragt man sie nach ihrer Heimat,  wird sie traurig: „Ich vermisse meine Söhne, die Menschen, das Land, alles. Wenn der Krieg vorbei ist,“ sagt sie, dann  gehe ich zurück“. Sie ist sich sicher, dass die ukrainische Armee standhalten wird. „Unsere Männer sind Patrioten“, sagt sie: „Sie werden nicht aufhören zu kämpfen.“
Für ihre Tochter Alina ist das anders.

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Alina

Sie will hier bleiben, auch wenn der Krieg vorbei ist. Sie würde sich nicht mehr sicher fühlen, sagt sie, auch nicht im Frieden. Russland könnte wieder angreifen. Außerdem sei ihr Leben jetzt hier. Sie hat Deutsch gelernt, arbeitet als Business Trainerin, die Kinder gehen hier zur Schule. Sie wünscht sich, dass ihr Mann nach dem Krieg auch nach Österreich kommt. Er ist Soldat und im Osten des Landes stationiert.

Artem 

Artem ist 13 Jahre alt. Der Schüler ist erst vor 10 Monaten nach Österreich gekommen und lebt gemeinsam mit seiner älteren Schwester bei seiner Pflegemutter in Niederösterreich. Die macht sich Sorgen, dass er in der Schule angefeindet wird, deswegen wurde sein echter Name in diesem Text verändert. In der Schule, so seine Pflegemutter, mögen es manche Lehrer nicht, dass sie sich jetzt auch noch um die ukrainischen Kinder kümmern müssen. Aber es gehe ihm gut, sagt Artem. Er spricht schon gut Deutsch, geht in die zweite Klasse einer Mittelschule.

Artem kommt aus Charkiw. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine wird fast täglich bombardiert. Der Schulunterricht findet dort deswegen online  oder in Luftschutzbunkern statt. Für ihn hat der Krieg mit dem Geräusch von Explosionen begonnen. Angst, habe er  nicht gehabt. Artems Eltern sind Ärzte. Er vermisst sie, aber will trotzdem nicht zurück. „Alles kaputt“, sagt er: „Bis die Ukraine wieder so schön wird brauchen wir 10 Jahre oder mehr.“


Mischa

Mischa ist 18 Jahre alt. Er studiert Archäologie. Wenn er durch Wien spaziere, erzählt Mischa, dann fühle er sich an die Geschichte seines eigenen Landes erinnert. Viele historische Persönlichkeiten der Ukraine haben aufgrund der gemeinsamen Geschichte im Vielvölkerstaat der Monarchie auch in Wien gewirkt. Der bedeutende ukrainische Schriftsteller Iwan Franko etwa, zog nach Wien, nachdem er in Lemberg wegen seiner politischen Aktivitäten von den österreichischen Behörden inhaftiert worden war. 1893 promovierte Franko an der Universität Wien. Mischa mag diesen Gedanken, über die Geschichte mit Österreich verbunden zu sein. Er ist  ein politischer Mensch, engagiert sich in ukrainischen Aktivismusgruppen. 

Geschichte, Politik, der ukrainische Freiheitskampf. Diese Dinge haben Mischas Leben schon berührt, als er noch klein war. Seine Familie stand während der Revolution 2014  am Majdan. Im selben Jahr starb auch sein Vater.

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In der Stadt Ternopil traf eine russische Rakete einen Wohnblock

Er kämpfte im Krieg gegen die russische Besatzung in der Ostukraine. Mischa war damals erst 7 Jahre alt. Ob er  später einmal  zurück will, weiß er nicht. Seine Mutter ist in Kiew geblieben, hätte aber gerne, dass er in Österreich bleibt. 

Mira

„Wir sind kollektiv traumatisiert“, sagt Mira. Sie glaubt, dass es eine große Herausforderung für die ukrainische Gesellschaft sein wird, die verschiedenen Kriegserfahrungen zu verarbeiten. Betroffen seien jedenfalls alle, sagt sie: „Die, die in der Ukraine geblieben sind, die Menschen in den besetzten Gebieten, die Soldaten, die Geflohenen und selbst die Ukrainer, die bei Ausbruch des Krieges gar nicht im Land waren.“

eine junge Frau mit schwarzem Pullover

Mira

Mira ist 24, sie hat zwei Jobs, spielt in ihrer Freizeit Eishockey, und will bald ihr Masterstudium in Wien beginnen. Als der Krieg losgeht, liegt sie gerade in ihrem Bett in Kiew, erzählt sie. Es dämmert draußen, aber sie kann nicht schlafen. Eine Telegramnachricht poppt auf ihrem Handybildschirm auf: „Es ist Krieg“, liest sie. Mira und ihr Vater können nicht in der Wohnung bleiben. Sie gehen raus auf die Straße. Als eine Rakete über sie hinweg schießt, ducken sich die beiden. Das erste Mal in ihrem Leben sieht sie Angst im Gesichtsausdruck ihres Vaters. Ein paar Monate später folgt sie ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester nach Österreich. Ihr Vater bleibt in der Ukraine. 2024 meldet er sich freiwillig zur Armee. 

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An der Front

Einmal ruft sie zu hause an und erfährt, dass ihre Großmutter verletzt ist. Eine russische  Rakete schlug im Stadtzentrum von Tschernihiv, im Norden des Landes ein. Mindestens sieben Menschen werden getötet. 110 verletzt.  Die Großeltern überleben durch einen Zufall.  


Mykola

Der 23-jährige Mykola ist nur zu Besuch in Österreich. Aus Angst davor, mobilisiert zu werden, verließ er die Ukraine im Sommer 2024. „Wenn du einberufen wirst, gehörst du der Armee“ sagt er: „Bis der Krieg vorbei ist.“ Die jetzige Gesetzeslage beschränkt die Mobilisierung zwar auf Männer, die älter als 25 Jahre alt sind. Mykola glaubt aber nicht, dass das so bleibt. An die Front zu gehen ist für ihn keine Option. Er hat Angst davor, verwundet zu werden oder zu sterben. 
Ukrainischen Männern über 22 Jahren ist es wegen dem Kriegsrecht nicht erlaubt, die Ukraine zu verlassen. Die Regeln wurden zuletzt gelockert. Vor dem Sommer 2025 galt ein Ausreiseverbot für Männer ab dem 18 Lebensjahr. Er verlässt das Land mithilfe eines Schlepper-Netzwerkes. Für seine Flucht bringt seine Familie einen hohen Betrag auf: umgerechnet mehrere tausend Euro. „Die Chance, das Land zu verlassen, wurde damals immer geringer“, erzählt er. Deshalb seien die Preise stark gestiegen. Er vermisst seine Heimat, ist sich sicher, dass er eines Tages zurückkehren wird. Er lernt Deutsch und plant vorerst nach Deutschland zu gehen.  

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