Eineinhalb Prozent Landgewinn - und viel Propaganda

In der Ukraine wird um jeden Meter Land gekämpft – auf dem Schlachtfeld ebenso erbittert wie medial. Nun hat Kiew wieder einige Kilometer zurückerobert.
Russian Defense ministry claims Russian forces capture two cities of Krasnoarmeysk (Pokrovsk) and Volchansk (Vovchansk)

Wenn Putins Gesandter Wladimir Medinskij in Genf mit den USA und der Ukraine am Tisch sitzt, hat er einen Trumpf in der Hand. Die unumstößliche Überzeugung, dass sein Land gewinnen wird – am Verhandlungstisch wie auf dem Schlachtfeld.

Seit Kriegsbeginn hört man aus dem Kreml, dass Russland diesen Krieg gewinnen wird. Unterstützt wird Wladimir Putin dabei von einem ein Dauerfeuer seiner Medien und einer Armada kriegsnaher Influencer. Im Westen verfängt diese Erzählung wie beabsichtigt: „Russland hat die Oberhand, das hatte es schon immer“, sagte US-Präsident Donald Trump kürzlich. „Sie sind größer, sie sind stärker. Und irgendwann gewinnt immer der Größere.“

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Ein Prozent Landgewinn

Ein Blick auf die nüchternen Zahlen zeichnet allerdings ein differenzierteres Bild. Den größten Geländegewinn erzielte Russland bereits im März 2022: Laut dem Washingtoner Institute for the Study of War (ISW) kontrollierte Moskau damals rund 27 Prozent der ukrainischen Staatsfläche. Nach den ukrainischen Gegenoffensiven im Herbst waren es im November nur noch 18,1 Prozent.

Seither forderte der Abnutzungskrieg an der Front zwar Tausende Opfer auf beiden Seiten, in nüchternen Zahlen wirkt der Erfolg Russlands aber teuer erkauft. Oft wird wochenlang um einen kleinen Frontabschnitt gekämpft, der Fortschritt Moskaus beträgt danach meist nur wenige Kilometer. Mit Stand heute halten Putins Männer 19,7 Prozent des Landes besetzt, nur eineinhalb Prozentpunkte mehr als im Herbst 2022. Der Zugewinn seit damals entspricht in etwa der Fläche Kärntens – in einem Land, das sieben Mal so groß ist wie Österreich.

Den russischen Jubelmeldungen tut das freilich keinen Abbruch. Immer wieder verkündet Moskau Geländegewinne, die einer genaueren Betrachtung nicht standhalten. Im Dezember trommelten etwa Putins Propagandisten, die strategisch wichtige Stadt Pokrowsk sei gefallen, die ukrainischen Verteidigungslinien stünden vor dem Kollaps. Gänzlich okkupiert ist die Stadt laut ISW aber bis heute nicht, die Kämpfe dauern noch an.

Zwar neigt auch Kiew mitunter zur Überhöhung der eigenen Fortschritte. In den vergangenen Tagen etwa ging die Meldung um die Welt, die Ukraine habe bei Saporischschja gut 200 Quadratkilometer Land zurückerobert, so viel wie seit zweieinhalb Jahren nicht. Möglich gemacht dürfte das Elon Musk haben, der den Russen sein Starlink-Satellitensystem wieder abdrehte.

Das ist für die ukrainischen Streitkräfte erfreulich, der Fortschritt bringt Wolodimir Selenskijs Unterhändler in Genf auch in eine bessere Position. Ein substanzieller militärischer Durchbruch ist das Ganze dennoch nicht – denn erst im Dezember hatten die Russen in Summe 300 Quadratkilometer erobert.

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Der Krieg im Kopf

Bei Putins Führungszirkel hat die Rede vom sicheren Sieg allerdings Strategie. „Kognitive Kriegsführung“ nennt das ISW die Methode, mit der Moskau schon seit Jahren arbeitet; sie zielt darauf, die Erwartungshaltung dauerhaft zu verschieben.

Bereits nach der Annexion der Krim erzielte Moskau damit beachtliche Effekte. Als die von Putin gestützten „prorussischen“ Milizen im Donbass 2015 die Stadt Debalzewe eingekesselt hatten, versetzte der Kreml den Westen mit dem Angstszenario in Schrecken, dass all den dort verbliebenen ukrainischen Soldaten den sichere Tod drohe.

Kiew geriet so international immer stärker unter Druck, als Folge unterzeichnete der damalige Präsident Petro Poroschenko das Minsk-II-Abkommen. Die Notlösung beendete den Konflikt allerdings nie ganz und ließ die Russen im Vorteil. Letztlich machte der brüchige Frieden auch den neuerlichen Angriff 2022 möglich.

Es spricht viel dafür, dass Putin sich auch in Genf Ähnliches erhofft.

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