Europas Achillesferse im All: russische Spionagesatelliten
Satellit mit Blick auf die Erde.
Von Timo Buchhaus
Wenn es stimmt, wovor internationale Medien warnen, sind Europas Satelliten in Gefahr. Demnach könnte es Russland gelungen sein, die Signale europäischer Satellitenkommunikation abzufangen. Das berichten die Financial Times in Berufung auf Quellen aus der EU. Insgesamt könnten 17 Satelliten betroffen sein.
Ein Angriff auf das Netzwerk hätte schwere Konsequenzen für Europa. Die sogenannten geostationären Satelliten (siehe Infokasten) sind für die militärische Kommunikation, Wettervorhersagen, Navigation, Luft- und Seefahrt, aber auch das Fernsehen unerlässlich. Im September 2025 warnte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius vor dem deutschen Weltraumkongress: „Satelliten sind die Achillesferse moderner Gesellschaften. Wer sie angreift, kann ganze Nationen lahmlegen.“
Geostationärer NASA-Satellit mit Navigationsequipment
Cyberattacken und Jamming, also das Stören von Funksignalen, stellen dabei eine große Gefahr für die europäische Weltraum-Infrastruktur dar. Zumal die meisten europäischen Satelliten veraltet und ihre Signale unverschlüsselt sind.
Sie zu modernisieren ist aber nicht so einfach: „Geostationäre Satelliten sind komplexe Systeme. Es ist nicht möglich, jene, die sich bereits im Orbit befinden, mit modernerer Technik auszustatten“, erklärt Laurynas Mačiulis im KURIER-Gespräch. Er ist der CEO von Astrolight, einem litauischen Spacetech-Startup, das sich auf abfangsichere Laserkommunikation im All spezialisiert.
Russlands hybrider Krieg
Russland hingegen betreibt eine ganze Konstellation von Spionagesatelliten. Der Erste seiner Art wurde 2014 ins All geschossen. Im gleichen Jahr annektierte Russland die Krim, und erste Stimmen begannen vor einer hybriden Kriegsführung Russlands gegen Europa zu warnen. Diese umfasst – im Gegenzug zum konventionellen Krieg, bei dem Armeen offen gegeneinander kämpfen – subtilere Mittel: Desinformation, Cyberangriffe, Sabotageaktionen. Ziel ist es, feindliche Staaten zu schwächen, bevor es überhaupt zu einem offenen Konflikt kommen könnte.
Die russischen Aktivitäten im Weltall stehen im Kontext einer Reihe von Angriffen auf die kritische Infrastruktur Europas. So konnten seit 2022 sechs Angriffe auf Unterseekabel in der Ostsee festgestellt werden. Sie sind essenziell für die Strom- und Internetversorgung. Moskau eindeutig als Schuldigen festzustellen ist schwierig, denn die Angriffe erfolgen geheim und fallen erst auf, wenn der Schaden schon angerichtet ist. Die NATO hat die Überwachung der Ostsee stark intensiviert und im Vorjahr sogar mehrere Schiffe der russischen Schattenflotte festgesetzt.
Geostationäre Satelliten sind für viele zivile und militärische Anwendungsmöglichkeiten wie Funk oder Wetterbeobachtung unerlässlich. Mit rund 36.000 Kilometern sind sie deutlich weiter von der Erde entfernt als andere Satellitenarten: zudem bleiben sie immer in ihrer Position über einem Fixpunkt auf der Erde.
Ca. 600 Solcher Satelliten befinden sich zurzeit im äußeren Satellitenorbit.
Tanker der russischen Schattenflotte
Schwere Folgen möglich
Nach 2014 schoss Russland drei weitere Satelliten ins All. Die letzten zwei wurden erst vor wenigen Monaten, im Juni 2025, gestartet. Der 2023 gestartete Luch-2 Satellit begab sich vor rund zwei Wochen in den unmittelbaren Nahbereich der europäischen Satelliten. Dieser habe aller Wahrscheinlichkeit nach die Aufgabe, Signale abzufangen, äußerte sich Generalmajor Michael Traut, Chef des Weltraumkommandos der deutschen Bundeswehr, gegenüber den Financial Times.
Informationen, die Russland so über die Funktionsweise erhält, könnten dazu genutzt werden, die Satelliten zu kapern. Im schlimmsten Fall könnten einzelne Satelliten funktionsuntüchtig gemacht und europäische Netzwerke schwer beschädigt werden.
Ein folgenreiches Beispiel dafür lieferte der Angriff auf den KA-SAT Satelliten 2022. Dieser erfolgte eine Stunde vor Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine: Hackern gelang es, einen Satelliten der US-Firma Viasat zu hacken und lahmzulegen. Die Kommunikation der ukrainischen Armee war schwer beeinträchtigt. Die Folgen waren aber noch weit außerhalb der ukrainischen Landesgrenzen zu spüren: In Deutschland, Großbritannien und Skandinavien verloren zehntausende Geräte die Internetverbindung. In Zentraleuropa fielen 5.800 Windkraftanlagen aus.
Französische Rakete transportiert Viasat-Raketen ins All
Historischer Bruch
Der Weltraum galt historisch als ein Bereich, der friedlichen Zwecken vorbehalten ist. Das “Outer Space Treaty” von 1967, der mitten im Kalten Krieg zwischen den USA, der Sowjetunion und Großbritannien geschlossen wurde, und so etwas wie die Grundlage des internationalen Weltraumrechts bildet, versuchte das All zu einer Zone ohne Hoheitsansprüche zu definieren. Die rapide Militarisierung des Alls macht den Weltraum aber immer mehr zu einem weiteren Austragungsort der globalen Spannungen. Das ist eine Entwicklung, auf die auch europäische Staaten nun reagieren wollen.
Bis 2029 will die EU 290 neue Satelliten ins All befördern. Alle Mitgliedsstaaten sollen Zugang zur neuen, verschlüsselten Satellitenkommunikation (GOVSATCOM) erhalten. Auch das Vereinigte Königreich, Norwegen und die Ukraine sollen am neuen System teilhaben.
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