Statt Touristen ziehen  jetzt Spezialisten durch den Großen Basar in Istanbul – zur Desinfektion 

© REUTERS/Umit Bektas

Politik Ausland
04/06/2020

Türkei: Eigene Spitäler für Corona-Patienten und Massengräber

In der Türkei wächst die Kritik an Präsident Erdoğan wegen seines Krisenmanagements.

von Walter Friedl

Das Coronavirus habe keine Chance gegen die türkische Genetik. Das behaupteten Mediziner im Land am Bosporus noch vor Kurzem allen Ernstes. Und auch Staatspräsident Erdoğan spielte anfänglich die Gefahr noch herunter. Mittlerweile müssen massenhaft Gräber ausgehoben werden, viele Ärzte sind bereits gestorben, und in kaum einem anderen Land weltweit steigen die Fallzahlen so rasch wie in der Türkei: Stand Sonntag zählte man mehr als 500 Tote und an die 25.000 Erkrankte – bei täglichen Steigerungsraten von fast 20 Prozent und hoher Dunkelziffer.

„Mittlerweile gibt es in Städten eigene Spitäler nur für Corona-Patienten“, sagt Hüseyin Bağci, der in Ankara Politologie lehrt und diese Woche fast einen Studenten verloren hätte: „Er lag im Sterben, konnte das Virus aber besiegen.“ Die Hauptstadt sei inzwischen wie ausgestorben, erzählt der 60-Jährige dem KURIER. Für alle Über-65-Jährigen gilt eine weitgehende Ausgangssperre, seit dem Wochenende auch eine für alle Unter-20-Jährigen. Vor einem totalen „lockdown“ schreckt Erdoğan zurück und setzt für alle übrigen Bevölkerungsgruppen auf „freiwillige Quarantäne“. Er befürchtet weitere Einbußen der Wirtschaft, die schon vor Ausbruch der Seuche angeschlagen war.

Schärfere Maßnahmen fordert aber der Bürgermeister der 15-Millionen-Metropole Istanbul, dem Epizentrum in der Corona-Krise. Von dort, aber auch aus anderen Metropolen flüchten die Menschen massenhaft in ihre Zweitwohnsitze an der Ägäisküste oder im Süden um Antalya oder Alanya, berichtet Bağci: „Das hat zwei Seiten. Einerseits gibt es dort noch weniger Fälle, andererseits könnte so das Virus eben noch schneller verbreitet werden. Die Bürgermeister der betreffenden Regionen warnen bereits davor, ihre Spitäler wären bei einer steigenden Zahl an Patienten überfordert.“

Ein Gutteil der Erkrankten dürften das Virus aus Saudi-Arabien eingeschleppt haben. „21.000 muslimische Pilger waren Anfang März in Mekka, manche kamen erst vor zwei Wochen wieder zurück“, sagt der Politologe. Das habe dem Diyanet (dem staatlichen Amt für religiöse Angelegenheiten), das für die Reisen verantwortlich war, Kritik eingetragen. In dieser steht auch der Staatspräsident. Viel zu spät und viel zu lax habe er auf die drohenden Gefahren reagiert. Es fehle an medizinischer Schutzausrüstung, und es werde viel zu wenig getestet.

„Erdoğan polarisiert“

Erdoğan, der seine Landsleute zu Gebeten und Geldspenden aufrief und im Management der Krise verunsichert wirkt, lässt Kritiker verfolgen: Mindestens 64 Poster, die den Corona-Kurs der Regierung auf Korn genommen hatten, wurden vorübergehend festgenommen. Hüseyin Bağci: „Erdoğan kann nicht anders, er polarisiert stets – selbst in dieser Krise.“Walter Friedl