Desinfektion in Moskau: Der Bürgermeister der Stadt wird als guter Krisenmanager wahrgenommen

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Politik Ausland
04/06/2020

Dubiose Zahlen, planloser Putin und Erinnerungen an Tschernobyl

Ausgerechnet in der Krise hat der russische Präsident erstmals einen Gegenspieler: Moskaus Bürgermeister und Krisenmanager Sergej Sobjanin

von Evelyn Peternel

Eigentlich ist Wladimir Putin jemand, der immer alles gern selbst macht. Politisch wie privat zeigt der russische Präsident sich immer als der, der anpackt.

Jetzt ist das plötzlich anders. Nur zwei kurze Auftritte hat er zur Corona-Krise absolviert – und beide Male wirkte er seltsam unbeteiligt. Er sprach von „verlängerten Ferien“, nahm das Wort Quarantäne nicht in den Mund. Am Donnerstag verkündete er gar, dass sich nicht mehr der Kreml, sondern die Regionalgouverneure um das Thema kümmern. Warum?

Fehldiagnose

Die Antwort: Putins Administration hat wohl unterschätzt, wie groß die Gefahr ist. Bis vergangenen Dienstag hieß es: Alles halb so schlimm; man teste massiv, die Zahl der Fälle sei gering.

Allein: Das stimmt so nicht. An der Qualität der Tests gibt es massive Zweifel, die Dunkelziffer ist weit höher als die etwa 5400 offiziellen Fälle. Ärzte sprechen – anonym – bereits von einer Überlastung des Systems: Es habe eine ungewöhnliche Häufung von Lungenentzündungen gegeben, so die Chefin der unabhängigen Ärztegewerkschaft. Sie wurde verhaftet, als sie Ärzten Schutzausrüstung lieferte.

Putin angeschlagen

Dass die Lage schlimmer ist als angenommen, hörten die Russen zudem nicht von Putin, sondern von Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin, der seiner Stadt einen Lockdown verordnete. Dass er das öffentlich machte, ist eigentlich ein No-go – und ein Zeichen dafür, wie sich Putins Ansehen wandelt: Seine Umfragewerte sinken und sinken, Sobjanin wird als besserer Krisenmanager wahrgenommen.

Der Grund für den imagewandel sehen Experten in Putins Plan, seine Amtszeit bis 2036 zu verlängern. Das hat Unruhe erzeugt. Er sei immer der stabile Faktor gewesen, analysiert Andrej Pertsew von Carnegie Moskau, aber „2020 ist Putin zum absoluten Feind der Stabilität geworden. Er schreibt die Regeln um, nur um sich und seinen Leuten einen Vorteil zu verschaffen.“

In der Corona-Krise agiert er mit einer Zögerlichkeit, die Beobachter an andere Vorfälle erinnert: „Putins Tschernobyl“ könne das werden, so der Thinktank Atlantic Council. 1986, nach der Reaktorkatastrophe, hat man lange gezögert, das Ausmaß der Katastrophe zuzugeben – und so unzählige Tote in Kauf genommen. Das trug einen Teil zum Zerfall der UdSSR bei.

Das wäre heute in Zeiten medialer Vernetzung nicht mehr möglich. Gerade das könnte Putin aber auf den Kopf fallen: Die desaströse Wirtschaftslage, ein Gegenspieler in Moskau, aufgedeckte Vertuschungen, all das könnte seine Position gefährden. Einsicht zeigt er bisher nicht: Er will am 9. Mai die Siegesfeier abhalten, den wichtigsten russischen Feiertag. Das hat man auch 1986 getan – aus Vertuschungsgründen. Evelyn Peternel