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Politik Ausland
08/23/2021

Trump-Nichte über den Onkel: "Donald wird wohl wieder antreten"

Mary L. Trump lässt kein gutes Haar an dem Ex-US-Präsidenten, nennt ihn im Interview einen „pathologischen Narzissten“, der die Republikaner weiterhin fest im Griff habe.

von Dirk Hautkapp

Mary L. Trump sitzt an diesem Morgen im August vor einer kleinen Küchenzeile in ihrer Wohnung in New York am Computer. Ihr Papagei kneift sie unter dem Tisch ins Bein. Die Katze ist auch kurz im Bild.

Eine Minute später steht die studierte Psychologin, die vor einem Jahr mit ihrem Erstlingsbuch Millionen Lesern erklärt hat, warum ihr Onkel Donald Trump der „gefährlichste Mann der Welt“ sei, zum Gespräch bereit. Heute, Montag, erscheint ihr Nachfolgewerk: „Das amerikanische Trauma – Die gespaltene Nation und wie sie Heilung finden kann.“

Vorab: Das mit der Heilung wird wohl schwierig. Auch weil die 56-jährige Tochter des früh verstorbenen Trump-Bruders Fred Jr. etwas im Gespür hat: „Er wird 2024 wohl wieder antreten.“

KURIER: Frau Trump, wie steht es um Ihren Onkel? Sollte er tatsächlich in drei Jahren wieder kandidieren, würde er dann gewinnen?

Mary L. Trump: Donald Trump ist ein pathologischer Narzisst. Sein Ziel ist und bleibt es, sich von jeder Wirklichkeit abzuschotten, die seiner Vorstellung darüber zuwiderläuft, wie wichtig er selbst ist. Kurz nach dem Wahlsieg Joe Bidens dachte ich nicht, dass er wieder antritt. Donald hatte doch so bitter und hoch verloren. Aber wegen der Komplizenschaft der Republikaner bin ich mir nicht mehr so sicher.

Sie meinen die Unterstützung der Lüge vom Wahlbetrug?

Viele Parteigänger haben Donald Trump vehement unterstützt. Nur dadurch konnte er trotz fehlender Plattform in den Sozialen Medien so relevant bleiben wie kein anderer Ex-Amtsinhaber. Das hat ihm erlaubt, seine Macht zu konsolidieren. Seit die Republikaner in den Bundesstaaten überall Gesetze verabschieden, die die Wähler unterdrücken und eine Mehrheitsentscheidung unterlaufen sollen, weiß er, dass er die Partei in der Tasche hat.

Noch einmal nachgefragt: Tritt Donald Trump wieder an?

Man muss wissen: Donald hat noch nie in seinem Leben etwas auf legale Weise gewonnen. Er hat vieles auf illegale Weise gewonnen. Und er fühlt sich total wohl damit. Er weiß, der beste Platz für ihn, um vor Strafverfolgung geschützt zu sein, ist das Weiße Haus. Wenn er glaubt, dass er nicht verlieren kann, warum sollte er nicht wieder kandidieren? Es gibt im Moment keinen Grund für ihn, besorgt zu sein.

Und was ist mit den Straf- und Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in New York?

Was da läuft, ist fester Bestandteil seines Lebens. Und er ist bisher immer davongekommen. Warum sollte es diesmal anders sein

Worauf hoffen Sie?

Ich habe nie geglaubt, dass ihn eine einzelne Sache zu Fall bringen würde. Ich dachte immer, es würde ein Tod durch 1.000 Peitschenhiebe sein. Ich hoffe auf eine Kombination der Vorwürfe. Vielleicht müssen wir uns wie bei Al Capone am Ende damit zufriedengeben, dass Steuerangelegenheiten ihn zur Strecke bringen.

Also Gefängnis?

Ich bin nicht sicher, ob dieses Land den Mumm hat, jemanden wie ihn, der dieses Amt bekleidet hat, zu verurteilen und ins Gefängnis zu stecken. Wir müssen uns vielleicht damit begnügen, ihn an den Bettelstab zu bringen. Das wäre nicht genug, aber wenigstens etwas. Jemand hat neulich gesagt, Donald Trump hatte 250 Jahre Vorlauf. Schön formuliert. Dieses Land hat viel Tradition darin, weißen Männern fast alles durchgehen zu lassen.

Woran machen Sie das genau fest?

In meinem aktuellen Buch schreibe ich: Dieses Land wurde auf jenen Grund gebaut, der seinen rechtmäßigen Besitzern, den indigenen Völkern, geraubt wurde. Dieses Land wurde auf den Rücken und mit dem Blut von Millionen schwarzer Männer und Frauen aufgebaut, denen Wohlstand, Gesundheit und Chancengleichheit auch heute noch verwehrt werden. Amerika hat sich nie wirklich dieser Vergangenheit gestellt. Es verhält sich wie ein Trauma-Patient. Stellen Sie sich vor, in Deutschland dürften noch Hakenkreuze offen gezeigt werden. Bei uns weht immer noch die Konföderierten-Fahne der Südstaaten, die den Bürgerkrieg verloren haben. Amerika hat eine ausgeprägte Fähigkeit, Mythen zu erschaffen und an sie zu glauben.

Sie charakterisieren die Republikaner und Ihren Onkel Donald Trump als Faschisten? Harter Tobak. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Sie predigen die Vorherrschaft des weißen Mannes. Sie sind gewillt, unsere Institutionen zu schleifen, um zu jedem Preis an der Macht zu bleiben. Und sie haben wichtige Medien an ihrer Seite, die ihre Propaganda verbreiten. Die Republikaner wollen es de facto illegal machen, über unsere rassistische Vergangenheit auf ehrliche Art und Weise zu reden. Sie sind ein Grund dafür, dass Amerika ein zunehmend undemokratisches Land geworden ist.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Gerne. Die Hälfte des Senats ist demokratisch, die andere ist republikanisch. Aber die demokratischen Senatoren repräsentieren 40 Millionen Menschen mehr. Da stimmt doch etwas nicht.

Donald Trump und ein großer Teil der Republikaner sind eifrig dabei, die gewaltsame Erstürmung des Kapitols in Washington am 6. Jänner dieses Jahres umzudeuten in eine berechtigte Unmutsbekundung des Volkes. Was sagen Sie dazu?

Meine Analyse ist klar: Das war ein bewaffneter Aufstand gegen unsere Regierung, angefacht durch Donald Trump. Und viele Republikaner haben einfach mitgemacht. Donald hat Leuten wie Ted Cruz, Josh Hawley und Tom Cotton (republikanische Senatoren; Anmerkung) eine Anleitung für das nächste Mal hinterlassen. Diese Leute haben die „große Lüge“ wiederholt und sogar noch verbreitet. Sie sind Aufwiegler und hätten unverzüglich aus dem Amt entfernt und wegen Hochverrats angeklagt werden müssen. Ich verstehe nicht, warum das Entfachen und Unterstützen eines Aufstandes nicht eine lebenslängliche Freiheitsstrafe nach sich zieht.

Können die 74 Millionen Menschen, die Donald Trump 2020 gewählt haben, zurückgewonnen werden?

Fünfundzwanzig  Prozent gehören zum harten Kern. Da erübrigt sich wohl der Versuch. Was die Mehrheit angeht: Man muss ihr Leben besser machen. Und man muss ihnen erklären, wer ihr Leben besser gemacht hat. Diese Wähler müssen verstehen, dass es die Republikaner waren, die fast vollständig gegen die finanziellen Corona-Hilfen gestimmt haben, die die Regierung von Joe Biden  aufgelegt hat.  In meinem Buch schreibe ich dazu: Viele der 74 Millionen ignorieren bewusst die Belege dafür, dass eine liberale Politik funktioniert und es ihnen unter demokratischer Führung besser geht. Stattdessen lassen sie sich von Fernsehsendern wie „Fox News“ oder „Newsmax“ einreden, dass sie Angst haben sollten – vor Migranten, demografischem Wandel, Sozialismus und einer Krankenversicherung für alle.

Werden die Demokraten die wichtigen Zwischenwahlen für den US-Kongress im Jahr 2022 verlieren? Wie sehen Sie deren Chancen?

Nur die Demokraten können Amerikas Demokratie retten. Eine Niederlage ist aber möglich. Es kommt darauf an, wie die Demokraten bis dahin ihre Erfolge verkaufen. Wenn die republikanischen Gesetze zur Wahlrechtsverschärfung alle durchkommen, kann es sein, dass sie Bundesstaaten wie Georgia, Arizona und Pennsylvania nicht mehr gewinnen können. Und wenn die Demokraten  dort  nicht gewinnen, gewinnen sie auch das Weiße Haus in Washington nicht mehr.

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