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Politik Ausland
01/10/2021

Politikberater Hofer: "Trump hat sich selbst ins Knie geschossen"

Politikberater Thomas Hofer warnt Europa zu glauben, jetzt sei alles gut, weil US-Präsident Donald Trump weg ist.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Hofer, um Donald Trump wird es einsam. Mittlerweile sind Minister und engste Mitarbeiter von ihm zurückgetreten. Hat sich die mögliche Wiederkandidatur 2024 seit Mittwoch erledigt?

Thomas Hofer: Donnerstag hat Trump sehr spät – wohl zu spät – eine Kehrtwende weg von der permanenten Radikalisierung vollzogen und garantiert nun eine geordnete Amtsübergabe. Das ist reine Schadensbegrenzung. Von Selbstreflexion ist er weit entfernt, aber die Reaktionen auf die unfassbaren Szenen vom Kapitol haben ihm immerhin gezeigt, dass er den Bogen dramatisch überspannt hat. Die Chancen für eine Wiederkandidatur hat er mit der Rede zur Mobilmachung seiner Anhänger aber deutlich minimiert.

Das sieht man an den Reaktionen der Republikaner inklusive des Vizepräsidenten, die ihm zu lange die Stange gehalten haben. Die Republikaner befinden sich mit und ohne Trump in einer Identitätskrise. Aber die ehemalige "Grand Old Party" zieht immerhin die Notbremse. Sie muss sich auch aus der toxischen Umklammerung Trumps lösen.

Hat sich Trump am Mittwoch erstmals verkalkuliert?

Er hat sich schon mit der Art des Corona-Managements verkalkuliert. Ich war beim Wahlkampffinale in Washington und überrascht, dass Trump nicht bald nach der Niederlage Tempo rausgenommen hat. Ich dachte, Trump wird versuchen, eine Generalamnestie für sich und die Seinen zu bekommen. Stattdessen hat er immer weiter Öl ins Feuer gegossen, wissend, dass real nichts rauskommen kann.

Mit Blick auf die Wiederkandidatur hätte Trump abwarten können, ob Joe Biden scheitert. Denn die Vorgabe, dass der neue US-Präsident das Land einen soll und nebenbei die Covid-Krise und ihre Folgen managt, ist eine Herkulesaufgabe. So aber hat Trump sich selbst ins Knie geschossen. Mit seiner Linie hat er, auch wenn es zynisch klingt, Biden einen Gefallen getan.

Sie sind dennoch der Meinung, dass Trump von den Demokraten auch jetzt eine Generalamnestie bekommen könnte. Warum?

Bei den Demokraten wird natürlich Druck entstehen, Trump für seine Verfehlungen geradestehen zu lassen. Aber: Joe Biden wird sich nicht seine halbe Amtszeit nur wieder mit Trump beschäftigen wollen. Er will den massiven Reputationsschaden wettmachen und den USA ihren ehemaligen Status in der Welt zurückbringen. Er muss auch Projekte verwirklichen, die das Potenzial haben, wieder eine gemeinsame amerikanische Erzählung zu entwickeln. Wenn sich alles wieder nur um Trump dreht, schafft er das nicht. Biden muss eine Brücke zu jenen Republikanern bauen, denen die letzten Aktionen Trumps zu weit gegangen sind. Das könnte eine, wenn auch kleine, Heilungschance für die beiden Lager sein.

Welche Auswirkungen hat der Schwächeanfall der US-Demokratie auf die westlichen Demokratien?

Was in den USA passiert ist, ist eine dramatische Entwicklung, die hoffentlich ein Ende und keinen Anfang einer Entwicklung markiert. Der Unterschied zu anderen westlichen Demokratien war bis jetzt, dass es zumindest in Europa keinen an der Staatsspitze gab, der sich auch an die Spitze der Verschwörungstheoretiker, Extremisten und Faktenverweigerer gestellt hat.

Aber es gibt auch Parallelen: Als ich vor 15 Jahren in den USA gelebt habe, haben wir schon über die Polarisierung gesprochen, nur war sie noch nicht derart fortgeschritten wie heute. Aber auch wir haben eine Situation, wo wir Gefahr laufen, dass ganze Bevölkerungsgruppen in Richtung Systemverdrossenheit und Systemablehnung driften. Wenn eine Situation droht, dass Menschen Angst um ihre ökonomische Basis haben, wird es gefährlich.

Als Ursache für die Spaltung der US-Gesellschaft wird der amerikanische Kapitalismus genannt, der zu viele Abgehängte produziert hat. Auch die Pandemie wird viele Abgehängte in Europa produzieren. Stehen wir vor einer Entwicklung wie in den USA?

Durch die Covid-19-Krise ist eine Entwicklung wohl ein Stück weit vorweggenommen worden, mit der zu rechnen war. Denn das Problem der Politik allgemein ist, dass wir uns mit den großen Fragen der Zukunft, abseits der Pandemie, wie Digitalisierung, Umweltkrise und der Umstellung der Arbeitswelt kaum beschäftigen können, geschweige denn eine Antwort haben.

Trump und Twitter: Das war eine verhängnisvolle Methode, Politik zu machen. Hat sein Twitterstil das Social-Media-Verhalten in Europa verändert?

Das Problem ist, dass wir nicht mehr von einer gemeinsamen Faktenbasis wegdiskutieren. Man soll unterschiedlicher Meinung sein, was die Bewertung der Fakten betrifft. Aber in den USA sieht man wieder zuerst, was passiert, wenn die Gesellschaft komplett auseinanderdriftet. Wir können uns gerne über Trump aufregen. Aber er ist letztendlich eine Karikatur, eine unsägliche Zuspitzung dessen, wie wir alle mittlerweile kommunizieren. Schauen Sie sich an, wie hierzulande intelligente, reflektierte Persönlichkeiten auf Twitter in Beflegelungen abgleiten. Trump ist auch ein Spiegelbild unserer Empörungs- und Emotionalisierungskultur. Gefährlich wäre es zu glauben, wenn er nicht mehr auf der Bildfläche ist, dass alles gut ist.

Besitzt unsere politische Elite so viel Selbstreflexion?

Derzeit bewegen wir uns eher in Richtung einer "Emokratie", wo nur die emotionale Zuspitzung eines Themas zählt. Dazu kommt der Negativitätsfokus, den auch nicht Trump erfunden hat. Trump hat diese Methode nur in dunkle Tiefen gebracht. Die Angst taugt leider in den meisten Fällen besser zur Mobilisierung als die Hoffnung.

USA-Politik-Experte

Begonnen hat Thomas Hofer  bei Medien.1996 war Hofer freier Journalist für profil und Falter, von 1998 bis 2003 Innenpolitik-Redakteur beim profil.  Danach stieg er in Politikberatungsgeschäft ein.

Studium in den USA

2004 erlangte er den Master of Arts in Political Management an der George Washington University. Seither ist die österreichische Innenpolitik sein Spezialgebiet, aber auch die USA.

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