Die Bilder trügen: Gesiegt haben nicht die Chaoten, sondern die Demokratie

© APA/AFP/SAUL LOEB

Meinung
01/10/2021

Stolze USA

Ein paar Chaoten konnten die Demokratie nicht ins Wanken bringen. Ein Präsident namens Donald Trump auch nicht.

von Andreas Schwarz

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Manchmal aber erzählen Bilder auch eine falsche Geschichte. Die Bilder dieser Woche werden noch lange in Erinnerung bleiben: Ein Mob, der das Heiligste der USA stürmt, Fanatiker, die wie Affen die Wände des Kapitols hochklettern, ein bärtiger Trumpianer, der seinen Stiefel auf den Schreibtisch der Präsidentin des Repräsentantenhauses legt – war da für Stunden die Demokratie in Gefahr, wie orakelt wurde?

Es darf Entwarnung gegeben werden. Die Vereinigten Staaten, die sich 1787 eine Verfassung mit Gewaltenteilung und Grundrechtekatalog („Bill of Rights“) gaben, die – bei allen Mängeln – eine der ältesten ununterbrochenen Demokratien der Welt sind, lassen sich von ein paar Idioten nicht in die Knie zwingen. Die Institutionen sind gefestigt und ein Bollwerk gegen Hasardeure und politische Abrissbirnen.

Sie haben sogar einen Präsidenten namens Donald Trump überlebt.

Der hat die Institutionen und das „Establishment“ verachtet, weil sie der natürliche Feind seiner egomanischen Staatsführung via Twitter waren. Er hat die Instrumente der Wahl-Demokratie bekämpft, als ihm die Wiederwahl entglitt. Und als Anstiftung zum Betrug auch nicht half, schickte er den seit Monaten in Reserve gehaltenen Mob los, gegen den „Wahlbetrug“ zu randalieren. „Wir lieben Euch“ lautete Trumps Botschaft noch, als die Affen das Kapitol erobert hatten.

Wo bleibt die Zwangsjacke?

Aber gewankt ist nicht die Demokratie, wie ein Trunkener wankt nur der Präsident. Dass er schlussendlich doch noch den Sieg Joe Bidens anerkannt hat, liegt nur in seiner Angst begründet, doch vorzeitig aus seinem Amt entfernt zu werden. In der Tat: Warum hat ihn nicht längst jemand in Zwangsjacke aus dem Weißen Haus geholt – das wird sein Vermächtnis bleiben (und komme jetzt niemand mit „Aber er hat auch Gutes geleistet“ – was bitte? Selbst über sein Nahost-Werk ließe sich trefflich disputieren).

Die Demokratie und ihre Institutionen haben sich Amerika zurückerobert, eindrucksvoll, stolz. Was immer die Präsidentschaft Biden bringen wird (wenigstens wird der Demokrat nicht so maßlos überschätzt, wie einst Barack Obama). Ach ja, auch das ist ein Vermächtnis Trumps: Er hat seinen Republikanern in vier Jahren alles verspielt – die Mehrheit im Repräsentantenhaus, das Präsidentenamt nach nur einer Amtszeit, die Mehrheit im Senat. Das haben noch nicht viele amerikanische Präsidenten geschafft.

Nein, das Bild, das diese Woche in Washington gezeichnet wurde, ist ein anderes: Die USA sind keine Bananenrepublik, nur weil ihr Präsident wie der Häuptling einer solchen agierte. Sie sind eine funktionierende Demokratie. Unfreiwillig haben die Chaoten im Kapitol das nur noch unterstrichen.

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