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Politik Ausland
05/23/2020

Traumpaar – Albtraumpaar: Die neue Hauptrolle der Obamas im Wahljahr

Der ehemalige US-Präsident und die First Lady sind erneut politische Zentralfiguren, als Hoffnungsträger und Leuchtfeuer, aber auch als Feindbild.

von Konrad Kramar

Ach, Obama, der wäre doch genau der Richtige. Die Wehmut des weißhaarigen älteren Herren machte sich sogar in einer eigentlich heiteren Bemerkung breit. Al Gore, einst Vizepräsident unter Bill Clinton plauderte in einem TV-Interview genau die Frage gestellt, die derzeit durch die liberalen Kreise der USA irrlichtert: Was hätte Barack Obama in dieser Krise getan - und viel mehr noch: Was könnte er vollbringen, wenn sein Ex-Vizepräsident Joe Biden zu Jahreswechsel tatsächlich ins Weiße Haus einzöge?

Obama als Corona-Zar?

Sollte Biden ihn dann nicht zum „Corona-Zaren“ küren, um die Krise zu meistern? Gore ließ sich die Begeisterung für die Idee anmerken, um dann gleich abzuwinken: Da müsse man einmal den Herren selbst fragen, und der werde wohl kaum zur Verfügung stehen.

Es sind diese immergleichen Spielregeln, nach denen eines der derzeit populärsten politischen Spiele in diesen frühen Wahlkampf-Tagen abläuft: Das Was-WäreWenn-Spiel rund Barack und Michelle Obama. Die beiden selbst befeuern es kokett mit umjubelten öffentlichen Auftritten und pointierten Kommentaren , nach denen das liberale Amerika giert.

Attacke von der Outlinie

So nützte der ehemalige US-Präsident vor einigen Tagen eine Ansprache für Uni-Absolventen, um seinem Nachfolger ordentlich eine aufzulegen. Die Corona-Pandemie habe deutlicher denn je die Ahnungslosigkeit von Regierenden offen. Nicht nur dass die Verantwortlichen nicht immer wüssten, was sie tun: „Viele von ihnen tun nicht einmal so, als hätten sie die Verantwortung.“

Die Botschaft saß, auch wenn Obama wie jedes Mal bei seinen scharfen Einwürfen von der politischen Outlinie, den Namen Trump konsequent vermied. Trotzdem wurde der Kommentar sofort von allen Medien genau als das verstanden, was er war: Eine Attacke gegen den US-Präsidenten. Viel mehr noch, dachten einige Kommentatoren noch deutlich weiter: Es gehe um das entscheidende Match in diesem Wahljahr, und das sei eben nicht Trump gegen Biden, sondern Trump gegen Obama. „Acht Jahre, nachdem er zum letzten Mal auf einem Wahlzettel stand, entwickelt sich Barack Obama zu einer Zentralfigur in Wahlkampf 2020“, meinte etwa der liberale US-Nachrichtensender MSNBC.

Immer schon ein rotes Tuch

Für Trump war Obama ohnehin immer ein rotes Tuch. Noch als politischer Outsider hatte er die Theorie um die angeblich gefälschte US-Staatsbürgerschaft des Präsidenten verbreitet, bis ihn Obama nicht nur direkt vor seiner Nase, sondern auch vor den versammelten US-Medien dafür verspottete. Mit grimmiger Miene im hochroten Gesicht musste sich Trump vorführen lassen.

Die Wut auf seinen Vorgänger hat Trump vom Einzug ins Weiße Haus an nicht losgelassen - und sie schwillt gerade gewaltig an, was sich in Schimpfkanonaden wie dieser bemerkbar macht: „Der korrupteste und inkompetenteste Präsident in der Geschichte der USA... ein totales Desaster.“

Wie schon als Präsident weicht Obama solchen Kriegen mit Negativschlagzeilen lieber aus, zieht sich lieber auf seine Rolle als Lichtgestalt der liberalen Amerikaner zurück.

Fast überstrahlt wird er dabei von Ehefrau Michelle. Die wird gerade für die Netflix-Doku zur ihrer Bestseller-Biografie „Becoming“ gefeiert und darf sich Huldigungen wie jener von der immer noch wichtigsten TV-Talkmasterin der USA anhören, Oprah Winfrey: „Sie ist eine Person von bewundernswerter Intelligenz... entschlossen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Betteln um Michelle

Den geeigneten Job dafür würden ihr die Demokraten und allen voran ihr Präsidentschaftskandidat Joe Biden vor die Füße legen: Kandidatin für die US-Vizepräsidentschaft. Als Biden zu Jahresbeginn sich diesen Wunsch auch nur einmal öffentlich durch den Kopf gehen ließ, machte das Schlagzeilen. Immer wieder lässt Biden sehnsüchtig Bemerkungen wie, „Ich würde sie sofort nehmen“, fallen. Doch Michelle winkt verlässlich ab. Politik interessiere sie nicht, meint die ehemalige First Lady, die mit jedem ihrer Engagements, ob für gerechte Bildungschancen, oder gegen Übergewicht als soziales Stigma, Politik macht.

Im Hintergrund die Fäden ziehen

Doch sich zu zieren und doch unübersehbar mitzuspielen in diesem Wahljahr, ist das derzeitige Spiel der Obamas. Dass es im Hintergrund natürlich anders läuft, vor allem für Barack, ist für politische Beobachter in den USA ein offenes Geheimnis. Er hält seit längerem ständigen Kontakt mit allen Frontfiguren der Demokratischen Partei, nicht nur mit seinem Freund Joe Biden. Er will seinen Parteikollegen vor allem zeigen, wie man der anrollenden Negativkampagne Trumps ausweicht, ohne sich dabei selbst die Finger schmutzig zu machen.

"Einen zweiten Barack Obama"

Dass man Michelle und ihn in den kommenden Monaten dringend braucht, daran zweifelt kaum ein führender Demokrat. Obama könnte liefern, was Biden besonders schlecht kann: Menschen begeistern. Eigentlich, so nüchtern kommentiert das die Washington Post, wollten die nicht Biden, „sondern etwas anderes, wenn sie ehrlich wären: Einen zweiten Barack Obama.“