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Analyse
04/10/2020

Das Duell: Hat Joe Biden gegen Donald Trump eine Chance?

Der eine, 73 Jahre alt, will im Weißen Haus bleiben. Der andere, 77 Jahre alt, dort einziehen. Welche Chancen Herausforderer Biden bei der Präsidentschaftswahl im Herbst gegen Donald Trump tatsächlich hat.

von Dirk Hautkapp

Die verbindliche Antwort folgt in sieben Monaten. Aber seit Mittwochnacht steht – im Schatten der Corona-Krise – nach dem Ausstieg von Bernie Sanders die Frage in Amerika ganz weit vorne: Kann der Demokrat Joe Biden, der als Kandidat ungeachtet noch ausstehender Vorwahlen de facto feststeht, den Republikaner Donald Trump schlagen und Präsident werden?

Zunächst hat Biden Integrationsarbeit zu leisten. Das linke Sanders-Lager mit seinen Millionen (akut tief enttäuschten) Anhängern muss eingebunden werden. Sonst geht es nicht zur Wahl. Dazu wird Biden Sanders’ progressive Programmatik teilweise übernehmen müssen.

Vor allem bei jüngeren Wählern unter 30 Jahren hält sich die Begeisterung für „Uncle Joe“ in Grenzen. Sanders und seine Anhänger werden sich nicht mit wolkigen Versprechungen etwa beim Klimaschutz abfinden lassen. Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass bei den Zwischenwahlen zum Kongress 2018 überwiegend jene demokratischen Kandidaten und Kanidatinnen gewonnen haben, die politisch Biden viel näher stehen als Sanders.

Schwieriger Spagat

Für Biden zeichnet sich also ein schwieriger Spagat ab. Zwei Faktoren könnten ihm helfen: Das Verhältnis zwischen ihm und Sanders ist intakt. Anders als 2016 zwischen Sanders und Hillary Clinton. Außerdem weiß Sanders, dass er die Demokraten mit seinen populären Kernforderungen – Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, solidarische Krankenversicherung etc. – bereits deutlich nach links verschoben hat.

Dazu kommt: Neben Milliardär Michael Bloomberg kann Biden auf die stärkste Geheimwaffe zählen, die die Demokraten haben – Präsident Barack Obama und Gattin Michelle. Beide genießen bis in konservative Kreise hinein hohes Ansehen. Wenn Obama für seinen Ex-Vize die Werbetrommel rührt, kann das bei vielen demokratischen und unabhängigen Wählern wirken. „Bidens Hauptdefizit, er war rhetorisch nie eine Leuchte, würde so teilweise wettgemacht“, sagt eine demokratischer Strategieberater in Washington dem KURIER.

U.S. President Trump leads daily coronavirus response briefing at the White House in Washington

Bidens Corona-Handicap

Aber dazu müsste Bidens Wahl-Kampagne schnell aus dem toten Winkel herauskommen, in der sie seit Beginn der Coronavirus-Pandemie verharrt. Während Amtsinhaber Donald Trump täglich zur Corona-Show ins Weiße Haus lädt, wo er stundenlang kostenlos live im Fernsehen übertragene Werbung für sich macht, hat sich Joe Biden im Basement seines Hauses in Delaware medial verzwergt. Weil Großkundgebungen und Straßenwahlkampf mit Händeschütteln noch für längere Zeit auszuschließen sind, müssen die Strategen um Biden alle digitalen Register ziehen, „um die Präsenz drastisch zu erhöhen und seine Problemlösungskompetenz zu demonstrieren“.

Wenn die USA wie befürchtet in eine Rezession mit Massenarbeitslosigkeit und noch höheren Staatsschulden rutschen, könnte Biden mit seiner gut belegten Erfahrung bei der Bewältigung der Finanzkrise 2008/09 Gehör und Zuspruch finden. Solange er nicht als Meckerkopf erscheint, der nur von der Seitenbahn den Corona-Kurs des Amtsinhabers bekrittelt.

 

Frau als Vize

Katalysator für positive Aufmerksamkeit in der Wählerschaft könnte die baldige Benennung der Person sein, die Bidens Vizepräsidentin werden soll. Es wird eine Frau, das steht bereits fest. Namen wie Kamala Harris, Amy Klobuchar, Elizabeth Warren, allesamt Ex-Konkurrentinnen um die Präsidentschaftskandidatur, oder Gretchen Whitmer, die Gouverneurin von Michigan, werden heiß gehandelt. Mit einer deutlich jüngeren Stellvertreterin könnte Biden sein Versprechen untermauern, dass er sich im Weißen Haus als Mann des Übergangs sieht und nach vier Jahren den Stab an die jüngere demokratische Generation weitergeben will.

Durchkreuzen kann den Aufbau einer kraftvollen Kampagne für die Wahl am 3. November selbstredend Donald Trump. Bisher ist es dem Amtsinhaber aber nicht gelungen, das politische Urgestein Biden zu zertrümmern. Selbst der mit einem am Ende gescheiterten Amtsenthebungsverfahren gegen Trump bestrafte Versuch, den Alt-Vizepräsidenten und dessen Sohn Hunter in der Ukraine-Affäre als korrupt darzustellen, schlug fehl. Aber die echte Bewährungsprobe für Biden steht noch aus: Das Trump-Lager bereitet eine beispiellose Schmutzkampagne gegen ihn vor.

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