Politik | Ausland
03.06.2014

Tiananmen: Was wurde aus dem Panzer-Mann?

Auch 25 Jahre nach der Niederschlagung der Proteste ist für Peking jedes Erinnern tabu.

Vom Balkon des fünften Stocks des Peking-Hotels hat Jeff Widener die Panzer vor seiner Linse. Ein Einschussloch in der Mauer über ihm erinnert den nervösen jungen amerikanischen Fotografen daran, dass er nicht in Sicherheit ist. In den Stunden zuvor hatte Chinas Armee mit aller Härte durchgegriffen. Hunderte, wenn nicht Tausende Demonstranten waren in jener Nacht zum 4. Juni 1989 erschossen oder von Armeefahrzeugen niedergewalzt worden. Auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens rauchten nun nur noch Trümmer– das blutige Ende siebenwöchiger Proteste für mehr Demokratie.

Als auf dem menschenleeren Changan-Boulevard eine Panzerkolonne anrollt, sieht Jeff Widener, wie sich plötzlich ein Mann vor die Panzer stellt. Schwarze Hose, weißes Hemd, Plastiksackerl in seinen Händen. Widener, einige Hundert Meter entfernt, kann nicht glauben, was er da sieht: Ein einzelner Mann stellt sich einer gigantischen Übermacht in den Weg, scheinbar völlig gelassen, mit seinem Tod rechnend. Hektisch drückt Widener auf den Auslöser. "Nur ein einziges Foto der Serie ist scharf geworden", erzählt Widener dem KURIER. Ein einziges Foto vom sogenannten "Panzer-Mann", das den Fotografen mit einem Schlag weltberühmt machte und wie kein anderes die blutige Niederschlagung der 1989-Proteste in Peking symbolisiert.

Wideners Bilder:

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Wenige Minuten später ist alles vorbei. Der "Panzer-Mann" wird von der Straße weggezerrt. Für Widener aber stellte sich die Frage: Wie an den chinesischen Geheimpolizisten im Hotel vorbeikommen, wie die Fotos rausschmuggeln? "Ein amerikanischer Student hat mir dabei geholfen, mich rauszulotsen, während die Polizisten auf Rauchpause waren. Für diese mutige Tat an diesem Tag verdanke ich ihm alles." Im Laufschritt hechelt der junge Fotograf durch die Stadt, vorbei an niedergewalzten Barrikaden, Müllbergen, Chaos, Soldaten und Leichen, bis er schließlich zitternd die amerikanische Botschaft erreicht.

Das Massaker von Tiananmen

Der Tiananmen in Peking - der Platz des Himmlischen Friedens - ist ein Magnet für China-Touristen.

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Der Tiananmen in Peking - der Platz des Himmlischen Friedens - ist ein Magnet für China-Touristen.

EPAepa03247682 A Chinese paramilitary officer gestures to visitors to leave Tiananmen Square on the eve of the 23rd anniversary of the Tiananmen Square massacre in Beijing, China, 03 June 2012. Hundreds of students died in the Tiananmen Square area of Bei

PROTESTERS

REUTERSA student protester holds a painting of Beijings Tiananmen Square smeared with red colouring symbolizing blood, during a march in Hong Kong May 27, 2012. The demonstration was to mark the upcoming anniversary of the military crackdown on the pro-de

EPAepa03237859 A protester chants slogans during a pro-democracy march, in Hong Kong, China, 28 May 2012. The march was to commemorate the upcoming anniversary of the military crackdown on the pro-democracy movement in Beijings Tiananmen Square that took

"Der wahre Held"

Der "Panzer-Mann" habe ihn sein Leben lang begleitet, sagt Widener. "Erst später, mit der Zeit, wurde mir bewusst, was oder wen ich damals zufälligerweise fotografiert habe. "Der Panzer-Mann ist der wahre Held ... nicht ich. Er hat sich den Panzern entgegengestellt, ich bin vor ihnen davongelaufen."

Bis heute darf das Foto in China nicht gezeigt werden. Der schmale Mann vor der Panzerkolonne, die Ikone der Proteste gegen die kommunistische Führung – 25 Jahre nach dem Massaker auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" ist das Bild in China ebenso verboten wie jeder Artikel, jede SMS oder jede Mahnveranstaltung, die an die Ereignisse des 4. Juni 1989 erinnern.

Erinnern verboten

Schon Wochen vor dem diesjährigen 4. Juni ließ die Führung in Peking Dutzende chinesische Regimekritiker, Blogger und Journalisten verhaften oder unter Hausarrest stellen. Erinnern bei Strafe verboten. Ausländische Korrespondenten wurden eingeschüchtert.

Das jahrelange verordnete Totschweigen zeigte Wirkung. Die Mehrheit der Chinesen weiß heute kaum etwas über die niedergeschlagenen Proteste. Die offizielle Lesart Pekings lautet: "Durch entschlossenes Eingreifen ist die Stabilität des Landes gesichert worden."

Eine Sichtweise, die vor allem für die nach 1989 geborenen Chinesen gültig ist: Das harte Eingreifen der Armee sei unumgänglich gewesen, um China nicht in einen Bürgerkrieg abdriften zu lassen. Stattdessen habe die KP-Führung die Wirtschaft des Riesenreiches entfesselt. Von einer Wirtschaftsleistung, die vor 25 Jahren nicht einmal das britische Niveau erreichte – zur heute zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Und was wurde aus dem "Panzer-Mann"? "Ich weiß es nicht", sagt Jeff Widener. "Ich denke immer wieder an ihn. Ich finde es erstaunlich, dass auch nach so vielen Jahren noch immer niemand herausgefunden hat, was mit ihm geschehen ist." Doch wer genauer nachfragt, hat mit massivem Druck der Sicherheitsbehörden zu rechnen. So wie die "Tiananmen-Mütter", Familien, deren Kinder am 4. Juni 1989 umgekommen sind. Bis heute warten sie vergeblich auf eine Erklärung Pekings – und auf eine Entschuldigung.

Tiananmen-Massaker

Massenproteste

Tausende Studenten demonstrierten im Frühling 1989 wochenlang auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) für Demokratie. Aufbruchstimmung erfasste das Land, die regierende Kommunistische Partei (KP) reagierte hilflos. Bis zu einer Million Menschen protestierten, sangen, campierten und streikten auf dem Platz – bis die KP Befehl zum Durchgreifen gab.

Der 4. Juni 1989

In der Nacht auf den 4. Juni rollten die Panzer, die Armee wälzte den Aufstand nieder. Nach offizieller Lesart starben damals 241 Menschen, andere Quellen sprechen von mehr als 2000 Toten. Tausende Menschen wurden verhaftet oder flohen ins Exil – es war der Endpunkt der chinesischen Reformbewegung.